(openPR) Die Formulierung des Titels ist in sich widersprüchlich, insgesamt provokant, aber voller Absicht. Gerade dadurch jedoch bietet sie für Albert Stein die Möglichkeit, Fragen aufzuwerfen, die den Leser mit dem Anliegen seiner Schrift bekanntmachen, deren Rahmen und Inhalt abstecken und auf das Ergebnis hinleiten. So fühlt man sich durch den Titel - wie der Autor selbst (S. 7 f.) - zu etwa den folgenden Fragen veranlasst: Was bedeutet der Ausdruck „fromme Heiden“? Können Heiden überhaupt fromm sein? Worin würde ihre Frömmigkeit bestehen? Kann es für Heiden einen Katechismus geben? - Bezeichnet „Katechismus“ doch allgemein die christliche Glaubensunterweisung und speziell - seit dem 16. Jh. - das dabei gebrauchte Buch, das die wichtigsten Lehren des christlichen Glaubens in Form eines Frage-Antwort-Schemas zusammengestellt enthält.
Mit „Heiden“ meint der Autor alle diejenigen Menschen, „die am Ende des zweiten christlichen Jahrtausends (...) sich fragen, was an religiösen und metaphysischen Vorstellungen ehrlicherweise noch möglich ist.“ (S. 7) Was nun die Frage der Frömmigkeit dieser Menschen betrifft, so gelangt der Autor gegen Ende seiner Schrift zu der Auffassung, dass eine solche möglich ist, „solange die Welt in ihrer Größe und Rätselhaftigkeit besteht und der Mensch in seiner Kleinheit und Armseligkeit ihr gegenüberstehet.“ (S. 91) Das heißt - vorausgesetzt der Rezensent versteht den Autor recht - „heidnisch“ ist die Frömmigkeit immer dann zu nennen, wenn die Gewissheit von jener Größe und Rätselhaftigkeit der Welt ebenso wie von der Kleinheit und Armseligkeit des Menschen denselben sein ganzes Leben lang „als Grundgefühl (S. 91) begleitet. Auch wenn der Autor diese Position vor allem auf Nietzsche stützt (S. 91), ist sie wohl - auch im Verständnis nicht zuletzt des Autors selbst - mehr die Position eines Pantheismus, etwa des Spinoza oder Goethe; denn: „Gott (...) drückt sich in allen Teilen der Welt, in allen Vorgängen des Universums aus, auch in uns Menschen.“ (S. 91) Oder „Alle Erscheinungen der Welt“ (drücken) „Gottes Wesen“ (aus) (S. 92). - Was schließlich die Frage nach einem Katechismus für Heiden angeht, so ist dies für den Autor eine Frage, die lediglich die Form der Darstellungsweise betrifft: „Das Wort Katechismus (im Titel - P. J.) bezieht sich also nur auf das Stilistische und meint eine knappe und prägnante Redeweise, die af weitschweifige Gelehrsamkeit verzichtet.“ (S. 8)
So einleuchtend und sympatisch diese Worte dem Leser vielleicht sein mögen, so sehr sind sie - nach Überzeugung des Rezensenten - doch zugleich auch ein Hinweis auf die generelle Problemhaftigkeit und die Schwierigkeiten des Versuchs des Autors, religiöse und metaphysische Fragen (siehe das o.g. Anliegen!) in Form eines Katechismus zu behandeln. Gemäß den Anforderungen, die ein Katechismus stilistisch an die Darstellung mit sich bringt, behandelt der Autor also in Form eines Frage-Antwort-Schemas vor allem auf den Seiten 15-84 diejenigen Fragen, die - die Seinsfrage fehlt hierbei allerdings - den Gegenstansdbereich der klassischen vorkantischen Metaphysik bilden, das heißt, die Fragen nach der Seele, der Welt (einschließlich dem Menschen) und nach Gott und Göttlichem. Leiten lässt Stein sich bei seiner Suche nach Antwort auf diese Fragen von „Erfahrung und Vernunft“ (S. 7) als den „einzigen Erkenntnisquellen, die uns Menschen zu Gebote stehen“ (ebd.) und die „den alleinigen Maßstab der Wahrheit abgeben (müssen), wenn die Erörterung nicht zu unverbindlichem Gerede oder weihevollem Geschwätz verkommen soll.“ (ebd.) Entscheidende Argumente zur Beantwortung jener Fragen liefern ihm vor allem die klassische antike griechische Philosophie und die englische und französische Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts. Alles das ist solide und für den Leser ebenso überzeugend wie anregend. Hier liegt die Stärke der Arbeit Steins!
Schade, dass der Lehre Immanuel Kants, dem Vollender der Aufklärung nicht größere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Hätte doch gerade der Blick auf sie zu zeigen vermocht, dass und wie die ganze vorkantische ontologische, psychologische, kosmologische und theologische Metaphysik von dem ihr bis dahin eignenden unkritischen Dogmatismus befreit wurde und an dessen Stelle mit der Transzendentalphilosophie eine neue Metaphysik trat, „in welcher sich der Mensch zum ersten Mal seiner Erkenntnisfähigkeiten freimütig bedient, um sich selbstbewusst zu bescheiden.“ (Hermann Glockner: Die europäische Philosophie von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart, 5. Aufl. 1980. S. 625)
Auch ein Blick auf die Wirkungen, die von Kants Kritizismus und Transzendentalphilosophie auf das nacfolgende philosophische Denken ausgegangen sind, wäre sicherlich lohnend gewesen für die Suche nach wahrer Antwort auf metaphysische Fragen. Ob dann das über den Marxismus getroffene Urteil, nämlich, dass er „noch ganz der christlichen Epoche angehöre“ (S. 120), aufrecht zu halten wäre, scheint dem Rezensenten freilich fraglich.
Aber alles dies würde gewiss den katechetischen Rahmen dieses lesenswerten Büchleins gesprengt haben.
Peter Jäckel
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Albert Stein:
Katechismus für fromme Heiden
121 S. | kart. | 9,20 € | ISBN 978-3-9804597-3-0
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