(openPR) Baden-Baden, die höheren Weihen und die Wohltat
Baden-Baden - Am 30. März 2006 tat sich Beeindruckendes an der Oos. An einem ganz normalen Donnerstag strömten gegen Abend nicht nur Tausende ins Festspielhaus, sondern ein leibhaftiger Bundespräsident und ein leibhaftiger Ministerpräsident samt Gattinnen und Gefolge durchquerten geschichtsträchtige Räume, in welche schon Großherzogs, Königs und Kaisers ihre Füße gesetzt hatten. Damals im 19. Jahrhundert, wenn sie mit der Stichbahn von Oos in die Innenstadt gefahren waren, um am Baden-Badner Bahnhof mit allen sich seinerzeit geziemenden Ehren begrüßt zu werden.
Der Alte Bahnhof ist seit 1998 Entree des zweitgrößten Opernhauses Europas, das in den knapp acht Jahren seiner Existenz mit hochkarätigen Vorstellungen den Renommee-Rang seinem Volumen-"Ranking" anzunähern anstrebt. Dieses Streben scheint am 30. März 2006 ein Etappenziel erreicht zu haben.
Zehn Jahre vor Inbetriebnahme des Baden-Badener Festspielhauses hat der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker die Benefizkonzerte des Bundespräsidenten ins Leben gerufen, die erstmals im Jahr 2006 außerhalb Berlins stattfinden sollten. Zweimal pro Jahr wird künftig alternierend in den deutschen Bundesländern zum Konzert gebeten. Zum ersten Austragungsort dieser Benefiz-Tournee wurde Baden-Baden gewählt. Die bayerische Landeshauptstadt München ist im Herbst an der Reihe.
"Weiß Gott kein Zufall" sei es, dass der Auftakt in Baden-Baden stattfinde, wird der Bundespräsident in der Lokalpresse zitiert, wohingegen von der Baden-Badener Oberbürgermeisterin berichtet wird, sie habe formuliert, das Benefizkonzert sei eine "große Ehre".
Weitere Details sind nicht zu erfahren. Welcher Nicht-Zufall ausgerechnet Baden-Baden das Debüt-Glück einräumte, ist ebenso wenig publiziert wie eine Information, für wen die Wahl des Austragungsortes eine "große Ehre" darstellen kann und soll.
Vom Intendanten des Festspielhauses wird etwas ausführlicher in der örtlichen Presse berichtet:
"Wir sind stolz darauf, dieses große Geschenk dem Bundespräsidenten machen zu können." Und: "Es sind die höheren Weihen für das Festspielhaus. "Der baden-württembergische Ministerpräsident erkannte gar den "endgültigen Durchbruch" für das Festspielhaus, das sich als "Ort höchster Kultur" etabliert habe.
250000 Euro, ein Rekorderlös in der 18jährigen Geschichte der Veranstaltungsreihe, entlockten dem Bundespräsidenten den Kommentar: "Hier hat es halt Menschen mit Herz." Kinderhospize und die baden-württembergische Stiftung "Kinderland" sollen in den Genuss dieses Konzerterlöses kommen.
Die Stiftung "Kinderland" ist im Juli 2005 von der Landesstiftung Baden-Württemberg mit dem Ziel gestartet worden, kinder- und familienfreundliche Strukturen auszubauen, womit laut Stiftungsinformation ein weiterer Markstein zugunsten der Förderung von Kindern. Jugendlichen und Familien gesetzt wurde.
Angesichts dessen kann schon sinniert werden, warum ausgerechnet in Baden-Baden eine Benefizveranstaltung für, neben anderen, die Stiftung "Kinderland" realisiert wurde.
Ist dieses "weiß Gott kein Zufall" des Bundespräsidenten etwa so zu verstehen, dass er den Kulturbeflissenen im Festspielhaus und darum herum verdeutlichen wollte, dass es in der eigenen Stadt auch darum gehe, kinder- und familienfreundliche Strukturen auszubauen?
Erhalten wäre ein bescheideneres Ziel.
Die städtische Musikschule, wahrlich ein Markstein der musikalischen und sozialen Förderung der Baden-Badener Kinder und Jugendlichen für mehr als zwei Jahrzehnte gewesen, ist nach dem Willen von Verwaltung und Stadtrat dem Tod geweiht.
Wollte der Bundespräsident etwa einen Denkanstoß in die Richtung geben, das Festspielhaus hätte schon längst eine Benefizveranstaltung für den Erhalt der Clara-Schumann-Musikschule veranstalten können oder gar sollen?
Spekulieren ist angesagt.
Bei der OB ist das Spekulieren müßig. Die mit dem Benefizkonzert verbundene "große Ehre" hätte sie, die entschlossen das Aus für die Musikschule provozierte, einer Wohltätigkeitsveranstaltung für die bewährte städtische Einrichtung nicht zuerkannt. Indes erscheint es ihr eine "große Ehre", wohltätig für nicht städtische Einrichtungen eintreten zu können.
Warum sollte es als eine große Ehre empfunden werden, dass in einer Stadt, in der Raubbau an öffentlichen Kinder- und Jugendlicheneinrichtungen getrieben wird, ausgerechnet eine bundespräsidiale Veranstaltung stattfindet, welche auf die Entwicklungsförderung von Kindern und Jugendlichen abzielt?
Die Schließung der Musikschule gereicht der Stadt nicht zur Ehre. In der Stadt ausgetragene Sammelaktionen für auswärtige Kinder- und Jugendprojekte sollten die für das städtische Desaster verantwortlichen Mitwirkenden besser schweigen lassen.
Mit Stolz erfüllt mag der Intendant, des nunmehr mit höheren Weihen versehenen Kulturtempels, der nach wie vor mit städtischen Geldern bezuschusst wird, ja sein.
Die Baden-Badener hätten ihrerseits auf ihn und seine Mannschaft stolz sein können, hätten sie jemals erfahren, dass sich seitens des Festspielhauses Engagement für den Erhalt ihrer Musikschule eingestellt hätte.
So zeitigt dieser "Ritterschlag" für das Festspielhaus, vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten als solcher erkannt (BNN, 31.03.2006), einen sehr schalen Beigeschmack.
Die "geadelte" Einrichtung, von Stiftern, Freundeskreis und zwangsläufig den Baden-Badener Bürgern finanziell am Leben erhalten, scheint die Stadt, in der es "halt Menschen mit Herz" hat, eher zum Wohl tun für sich als zum Wohl tun für sie zu sehen und zu nutzen. Vielleicht liegt's ja am Flair des Entree, in welchem Großherzogs, Königs und Kaisers sich huldigen ließen.
Übrigens, die Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland wurde auch intoniert, mehrstimmig von rund 150 SchülerInnen, deren eine oder anderer vermutlich seine musikalische Ausbildung auch in der hiesigen Musikschule erhalten hat:









