(openPR) Experten diskutieren auf der 6. Konferenz Mobile Commerce am 06./07.02.2006 an der Universität Augsburg
Seit mehr als fünf Jahren warten die Verbraucher nun in Deutschland auf das Bezahlen mit dem Handy. Am Anfang stand die Paybox, dann kamen verschiedene Versuche von Banken und Mobilfunkanbietern, jetzt sind es wieder die spezialisierten Payment-Anbieter – Crandy und der mobile Zugriff auf das Bezahlverfahren PayPal sind derzeit die spannendsten Entwicklungen auf dem Markt. Wie sieht es ansonsten in Europa aus und was bringt die Zukunft für den deutschen Markt? Die Analyse dieser Fragen ist ein wichtiges Thema auf der 6. Konferenz Mobile Commerce der Universität Augsburg.
Banken und Mobilfunkanbietern in Deutschland fehlt die Innovationskraft für M-Payment
Zum M-Payment macht Key Pousttchi immer gern eine Anleihe in alter Fernsehwerbung. „Die Geschichte des M-Payment in Deutschland ist eine Geschichte voller Missverständnisse“, sagt der Wissenschaftler, der an der Universität Augsburg die Arbeitsgruppe Mobile Commerce leitet und feine Ironie durchaus zu schätzen weiß. Aber bei diesem Thema vergeht manchmal sogar ihm der Humor: „Ich kann nicht begreifen, wieso auf dem deutschen Markt nicht möglich sein soll, was es etwa auf dem spanischen Markt längst gibt“, ist dann noch einer der harmloseren Kommentare zur Entwicklung in Deutschland. So richtig angefangen hat es 1999 mit der Paybox, einem sprachbasierten Bezahlverfahren eines kleinen Startup-Unternehmens, mit dem man vor allem im Internet und bei E-Bay, aber auch im Taxi und bei einer Reihe anderer Akzeptanzstellen bezahlen konnte. Obschon das Geschäftsmodell schwierig war, gelang es dem Unternehmen in kurzer Zeit, hohe Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und eine Vielzahl von Nutzern zu erreichen – eine wichtige Voraussetzung. Doch im Zuge einer Portfoliobereinigung des wichtigsten Anteilseigners, einer großen Bank, fiel das Engagement bei Paybox hinten runter und wenige Monate später, Anfang 2003, musste der Dienst in Deutschland eingestellt werden. Eine Reihe weiterer M-Payment-Anbieter kam und ging zu dieser Zeit in lockerer Folge auf dem Markt, allesamt vor allem auf das Bezahlen im Internet und in der „realen Welt“ spezialisiert. Auf diese erste Runde folgte dann ein stärkeres Engagement von Mobilfunkanbietern, die vor allem an Bezahlverfahren für mobile Dienste interessiert waren. Mit Vodafone m-pay und der Mobile Wallet von T-Mobile waren zunächst einzelne Initiativen zu sehen, mit Simpay schließlich eine konzertierte Aktion der großen Mobilfunkanbieter für ein gemeinsames Bezahlsystem auf europäischer Ebene. Die Mobile Wallet wurde von T-Mobile mangels Kundeninteresse eingestellt, Simpay zerplatzte mit lautem Knall im Juni 2005. Pousttchi selbst leitete seit Herbst 2004 das „National Roundtable M-Payment“, das vom Bundeswirtschaftsministerium im Zuge der MobilMedia-Initiative ins Leben gerufen worden war und bei dem die deutschen Mobilfunkanbieter und Banken erstmals an einem Tisch saßen. „Diese Initiative wurde nicht nur in Deutschland und Europa, sondern sogar bis nach Kanada und Taiwan sehr aufmerksam wahrgenommen.“, so Pousttchi. „Beide Länder haben nach der Anwendbarkeit der Augsburger Modelle auf ihre Märkte gefragt und arbeiten inzwischen mit ähnlichen Initiativen, im Falle Taiwans noch ergänzt um große Einzelhandelsunternehmen. Nur die Beteiligten in Deutschland selbst haben die Chance verspielt, auf der M-Payment-Landkarte an die Spitze zu rücken.“ Die Vorzeichen hatten gut ausgesehen: Das von der Universität Augsburg entwickelte Mobile-Payment-Referenzmodell (MPRM) sah eine gleichgewichtige Beteiligung von Banken und Mobilfunkanbietern an einer Kooperationslösung vor – im großen Stil, aber mit wenig Aufwand, was durch Verwendung und Integration vorhandener Bezahlverfahren wie beispielsweise der EC-Karte realisiert werden sollte. Vorträge wie „Die Geldkarte auf dem Handy“ durch E-Plus auf der MCTA 2005 in Augsburg zeugten von einer Annäherung der Partner, die zuvor auf dem Markt noch nicht gesehen worden war. Als es dann aber konkret wurde im Roundtable, setzten sich auf beiden Seiten nicht die innovativen Leute, sondern die Bedenkenträger durch. Im Ergebnis bleibt man zwar im Gespräch miteinander, aber vor allem auf bilateraler Ebene. Die große und kundenfreundliche Lösung, die mit dem MPRM angestrebt wurde, wird zumindest der deutsche Markt in dieser Form nicht sehen. Gleichwohl arbeiten die Augsburger Forscher an einer Weiterentwicklung, die an dem einen oder anderen Hindernis vorbei realisiert werden könnte. Hierzu steht demnächst die dritte große Studie mit der Online-Umfrage „Bezahlen mit dem Handy (MP3)“ an, Interessierte finden den Link in den nächsten Wochen auf den Webseiten der Arbeitsgruppe (www.wi-mobile.de).
Hohes Kundeninteresse – mit Ticketing und Automatenbezahlung als wichtigsten Anwendungen
Dass die große Lösung in dieser Form nicht kommt ist schade, denn die Nachfrage bei den Kunden ist nach wie vor groß. Eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums stellte fest, dass knapp die Hälfte der Bundesbürger das Handy gern für Zahlungsvorgänge nutzen würde (49,6%). Bisherige Studien der Arbeitsgruppe Mobile Commerce ergaben die stärkste Kundennachfrage für Ticketing-Lösungen im öffentlichen Nahverkehr und bei der Bahn, für M-Parking und für Zahlungsvorgänge an Automaten. Insbesondere Zigarettenautomaten sind hier ein interessantes Feld – für Kunden wie auch Händler, denn ab Jahresende dürfen Zigaretten auch am Automaten nur noch gegen Altersnachweis verkauft werden. Und die einzige Alternative, die Zahlung per GeldKarte, ist ein Problem. Viele Banken und Sparkassen, enttäuscht vom bisherigen Misserfolg in zehn Jahren GeldKarte, haben das Merkmal zur Altersverifikation überhaupt nicht auf ihren Karten implementiert. Und dem Automatenaufsteller nützen eingebaute Mobilfunkmodule auch in anderen Bereichen. „Durch die Einführung Mobil-integrierter Geschäftsprozesse können die Automatenbetreiber bis zu 20 Prozent Kostenersparnis realisieren“, so Pousttchi, dessen Arbeitsgruppe bereits vor drei Jahren entsprechende Studien durchgeführt hatte. Die Ersparnis ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sinnlose Fahrten zu funktionstüchtigen Automaten ebenso vermieden werden, wie Automaten, die tagelang ausverkauft sind und schließlich das teure Bargeld-Handling entfällt.
Können spezialisierte M-Payment-Anbieter den Durchbruch schaffen?
Ob dies – ebenso wie das hohe Kundeninteresse – Deutschland auch tatsächlich einem weit verbreiteten M-Payment näher bringt, ist ungewiss. Aber während Geschäftsbanken und Mobilfunkanbieter es zumindest zusammen nicht geschafft haben, zeigen sich derzeit in einem anderen Bereich sich spannende Entwicklungen – bei den so genannten „spezialisierten Intermediären“, den Firmen, die auf M-Payment spezialisiert sind. Da gibt es zum einen das Bezahlverfahren Crandy, das seit zwei Jahren auf dem Markt ist und bisher nur eine Nischenanwendung darstellt. Dessen Gründer, Rolf Krause, beschreitet derzeit interessante Wege. So ist ihm auf dem französischen Markt eine Kooperation mit einer Bankengruppe gelungen, die Pousttchi für zukunftweisend hält: „Unsere Studien zeigen, dass die Kunden bei mobilen Bezahlverfahren eine Bank beteiligt sehen wollen. Wenn es einem spezialisierten Intermediär auf dem deutschen Markt gelänge, das Label einer Bank auf seine Lösung zu bekommen, wäre das ein riesiger Schritt nach vorn.“ Und dann ist da noch eine weitere spannende Entwicklung – der mobile Zugriff auf PayPal. PayPal ist ein Internet-Bezahlverfahren, das ähnlich wie Paybox sehr wichtig für E-Bay-Transaktionen war. Als die Zukunft von PayPal fraglich wurde, wurde das Unternehmen 2002 kurzerhand von E-Bay gekauft. Zwar gab es schon damals eine Möglichkeit, auf das PayPal-Konto per WAP-Seite zuzugreifen, aber die war eher theoretischer Natur. Neuerdings jedoch bietet die britische Firma Bango, ein bekannter Abwickler von Bezahltransaktionen für mobile Inhalte, über seine Systeme die Bezahlung mobiler Inhalte über PayPal an – de facto macht das PayPal zum mobilen Bezahlverfahren.











