(openPR) Alljährlich füllen sich zum Schuljahresende wieder die Gazetten mit den Offerten der privaten Bildungsindustrie. Es geht ums "Beste fürs Kind" - und natürlich ums Geschäft. Freie Träger stehen in hartem Wettbewerb mit öffentlichen Schulen, wo die Bildung nichts extra kostet.
Das öffentliche Schulsystem kriselt, Privatschulen seien oft besser. Das behauptet Eva Horn in einem Beitrag des Manager Magazins. Die staatliche deutsche Schule werde schlechter geredet, als sie sei, hält Regina Mönch auf FAZ net dagegen, und es fehle ihr lediglich an glaubwürdigen Verteidigern.
Fakt ist allerdings: Private Tages- und Internatsschulen haben Zulauf wie nie zuvor und erfreuen sich der besonderen Wertschätzung des gehobenen Bürgertums wie der Medien. Über die Gründe dieses Booms gehen die Meinungen allerdings weit auseinander.
Vielfach äußert man diese aus "political correctness" nur hinter vorgehaltener Hand oder stark verklausuliert. Wenn etwa Birgitta vom Lehn im Rheinischen Merkur feststellt, Internate seien "verlässliche Werbepartner", weil sie seit je gegen das Vorurteil kämpfen müssten, Verwahranstalten für Problemfälle aus reichen Verhältnissen zu sein, deutet dies auf eine hohe Bereitschaft der veröffentlichten Meinung hin, der problematischen Internatskundschaft wunschgemäß das von Anbieterseite erfundene Nachfrage(tarn)motiv von der "besseren Bildung" zu unterstellen.
Und R. Mönchs Bemerkung, "vor allem in Großstädten woll[t]en Eltern ihre Kinder nicht eine ignorante Einwanderungspolitik ausbaden lassen", bedeutet in Klartext, dass gehobene Schichten es nur ungern dulden, dass ihr blondes Gretchen dieselbe Schulbank drückt wie Yussuf und Wassilij , weil sie befürchten, dass da alsbald auch das Töchterchen gedrückt wird oder sich gar einen Druck setzt.
Andererseits nimmt laut einer Analyse des Gießener Sozialwissenschaftlers Reimer Gronemeyer die Zahl der "schwierigen Kinder" mit dem Zerfall der Institution Familie in allen Sozialschichten dramatisch zu.
Psychische Auffälligkeiten unter Kindern nehmen zu
Jedes vierte Kind zeigt laut N24 inzwischen gravierende psychische Auffälligkeiten. Depressionen, Angststörungen oder Hyperaktivität sind zwar in Familien mit niedrigem Einkommens- und Bildungsniveau fast doppelt so häufig (31,2%) wie in Familien mit hohem sozialen Status (16,6%). Doch am untersten wie am obersten Rand der Gesellschaft stößt man auf eine ähnliche Häufung von Problemen, die sich nur in den Ursachen ihrer Entstehung unterscheiden.
Typische Schulprobleme der Oberschicht sind auf ein Phänomen zurückzuführen, das als "leistungsunabhängiger schichttypischer Bildungswille" bekannt ist. Bei nur mittleren Schulnoten sollen dreiviertel der Oberschichtkinder gemäß Elternwille dennoch ein Gymnasium besuchen (gegenüber nur 11% der entsprechenden Unterschichtkinder). "Daher dürften Leistungsschwache und 'Überforderte' auf Gymnasien", schlussfolgert der Soziologe Prof. R. Geißler, [...] "aus höheren Schichten stammen."
Internate sollen Mängel ausgleichen
Hinzu kommt die sog. "Wohlstandsverwahrlosung" als Folge materieller Verwöhnung bei fehlender emotionaler Zuwendung bzw. falschen Erziehungspraktiken. Diese in Oberschichtmilieus recht verbreiteten Schul- und Verhaltensprobleme gehören oft zu den sorgsam gehüteten Familiengeheimnissen. Die Formel von der "besseren Bildung" bietet sich an, um die Gründe für den Wechsel in Privatschule oder Internat zu vertuschen.
Dass Salem & Co. es tatsächlich besser machen als die staatliche Konkurrenz, ist allerdings wissenschaftlich längst widerlegt. Die meritokratische Rhetorik vieler Privatinstitute passt sich lediglich der Selbstlegitimation ihrer elitären Kundschaft an. So wird das Mitschleppen schwach Begabter gern als "individuellere Förderung" durch "engagiertere Lehrkräfte" verkauft.















