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Mittelhessisches Hilfswerk NETZ kämpft gegen den Hunger in Bangladesch

26.09.201214:22 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft
Bild: Mittelhessisches Hilfswerk NETZ kämpft gegen den Hunger in Bangladesch
Peter Dietzel (links) trifft auf seiner Projektreise den 22-jährigen Sunil Hemron.
Peter Dietzel (links) trifft auf seiner Projektreise den 22-jährigen Sunil Hemron.

(openPR) „Wir können jetzt etwas tun, weil Ihr hinter uns steht.“

(Chapai Nawabganj) Der 22-jährige Sunil Hemron arbeitet als Tagelöhner. Von morgens bis abends pflügt oder jätet er die Felder eines Bauern. Dafür bekommt er 120 Taka, das sind 1,20 Euro und entspricht einer Kaufkraft von rund vier Euro in Deutschland. Arbeit gibt es jedoch nur sechs Monate im Jahr. Eigenes Land hat Sunil nicht. Deshalb ist das Einkommen, das ihm das Projekt „Ein Leben lang genug Reis“ ermöglicht, so lebensnotwendig für ihn. Durch diese Hilfe aus Deutschland sollen die Menschen ein dauerhaftes Einkommen erzielen, um selbst für Nahrung, Kleidung und Bildung aufkommen zu können. NETZ-Mitarbeiter Peter Dietzel fliegt regelmäßig nach Bangladesch, um Stärken und Schwächen des Programms zu analysieren und die Mitarbeiter vor Ort beratend zu unterstützen.



Stolz und selbstbewusst zeigt Sunil Projektleiter Peter Dietzel seine Kuh, die er aus dem NETZ-Projekt erhalten hat. Das Mittelhessische Hilfswerk NETZ Bangladesch hat es 2002 ins Leben gerufen. Der gemeinnützige Verein fördert bereits seit 1989 die Selbsthilfe benachteiligter Menschen in Bangladesch. Mit dem Projekt „Ein Leben lang genug Reis” unterstützt NETZ die hungernde Bevölkerung in den ärmsten Landesteilen, aktuell 40.800 Familien mit 160.000 Mitgliedern. Die Menschen erhalten als Startkapital entweder Tiere, die Ausstattung für einen Laden oder eine Rikscha und nehmen an Schulungen teil. Vor zwei Jahren hat NETZ die Hilfe auch auf Sunils Heimat-Distrikt Chapai Nawabganj ausgeweitet.

„Seit wir mit dem NETZ-Startkapital arbeiten und an den Schulungen teilgenommen haben, gibt es jeden Tag drei Mahlzeiten“, erzählt Sunil. „Früher haben wir nie ein Ei gegessen“, erklärt eine Frau aus der Dorfgruppe, die durch das Projekt entstanden ist. „Früher hatten wir keine Kühe“, ergänzt eine andere. Dann rechnen alle Gruppenmitglieder Peter Dietzel vor, welche Gewinne sie erwirtschaftet haben. Dank des Projektes kann jetzt jede Familie eine Kuh ihr eigen nennen. Außerdem einen kleinen Gemüsegarten und Hühner. Die meisten haben auch ein paar Ziegen oder Schafe. Wirft das eine keinen Gewinn ab, so greift das andere. Ihr Gemüse verkaufen sie gemeinsam auf dem Markt. „Weniger Aufwand, mehr Ertrag“, bringt die 24-jährige Gruppensprecherin Elena Mardi es auf den Punkt.

Allerdings kommt die NETZ-Initiative für manche Menschen zu spät. So starb Sunils Mutter, wie zahlreiche andere Menschen in Bangladesch, an den Folgen des Hungers. „Meine Mutter hatte Fieber“, sagt er fast regungslos. „Nach zwei Tagen war sie tot.“ 40 Jahre war sie alt. Peter Dietzel muss erst mal tief durchatmen, als Sunil Hemron mit knappen Worten und ohne Selbstmitleid seine Geschichte erzählt.

Mit seinen 22 Jahren übernimmt Sunil nun eine Menge Verantwortung, denn auch sein Vater ist gestorben, noch vor der Mutter. Alleine kümmert er sich um seine zwei jüngeren Brüder. Wenn der Ältere der beiden in der Grundschule ist, geht Sunil nicht aufs Feld, sondern ist für den 2-Jährigen da. Kommt der Ältere aus der Schule, passt dieser auf den kleinen Bruder auf, und Sunil geht arbeiten.

Sunil selbst ist bis zur siebten Klasse in die Schule gegangen, länger als jedes andere Mitglied in der Dorfgruppe. Deshalb ist er der Schriftführer der Gruppe und trägt als solcher Entscheidungen ins Protokollbuch ein. Er trat ihr bei, als seine Mutter gestorben war. Alle anderen Familien sind durch die Mütter vertreten, denn Frauen sind stärker benachteiligt und sollen durch das Projekt eine Stimme erhalten.

Die Dorfgruppe besteht aus acht Santals und zwei Bengalinnen. Die Santals gehören der indigenen Bevölkerung an. Gemeinsam sind sie zum Bezirksbeamten gegangen und waren erfolgreich: Die ärmsten Familien erhalten nun subventionierte Reis-Rationen für 60 Tage. Üblicherweise verteilen Politiker die Lebensmittelkarten an ihren Clan. Das ist aktive politische Teilhabe: Die Selbsthilfe-Gruppen der Ärmsten machen die Lokalverwaltung rechenschaftspflichtig.

Die Santals gehören zur Ursprungsbevölkerung der Region. Sie besaßen oft keine Dokumente über ihren Landbesitz. Gegen einflussreiche Personen und korrupte Gerichte waren sie chancenlos. So verloren viele ihr Land und wohnen heute in ungeklärten Eigentumsverhältnissen. Projektleiter Peter Dietzel kennt zahlreiche Familien, deren Hütten angezündet wurden, weil mächtige Männer ihnen das Land streitig machten. Und die Seilschaften der Landbesitzer reichen bis in die Regierung. Gemeinsam haben sich nun die acht Santal-Familien auf einer kleinen Parzelle bei einem Teich niedergelassen, die dem Staat gehört.

Zuerst wohnten dort nur die Frauen. „Denn uns kann man nichts antun“, war ihr Argument. „Wenn unsere Männer gleich zu Beginn hierher gezogen wären, wären wir sofort mit Schlagstöcken vertrieben worden“, berichtet Elena.

„Wir können jetzt etwas tun“, sagt Elena selbstsicher zu Dietzel, „weil Ihr hinter uns steht.“ Die Gruppe hat bei der Behörde beantragt, dass ihnen das Land offiziell zugeteilt wird, inklusive der Nutzung des Teiches. Laut Gesetz steht es ihnen zu. „Wir haben mit allen einflussreichen Leuten im Dorf geredet. Das Dorf hat es akzeptiert und ist unser Schutz“, erläutert Elena ihre Strategie. Wie andere Familien auch hat Elena eine Lehmwand ihrer neuen Hütte selbst bemalt. Die rote Farbe holt sie aus der Erde, aus 80 Zentimetern Tiefe. Aus Kalk stellt sie das Weiß her. Die indigene Kultur, Ausdruck von Freude und Identität, lebt wieder auf.

Die eigene Leistung macht die Menschen selbstbewusst. Mit dem Startkapital und den Schulungen des NETZ-Projektes ist ein erster Schritt getan: Die Familien können sich selbst ernähren. Der Erfolg ist jedoch nur dann dauerhaft, wenn die Menschen auch die strukturellen Ursachen des Hungers aufbrechen. Hierfür müssen die Menschen sich selbst organisieren und Prozesse mitentscheiden, die ihr eigenes Leben bestimmen. Alleine im letzten Jahr haben 443 indigene Familien aus dem Projekt die Zuteilung von staatlichem Land beantragt und bewirtschaften jetzt 16 Hektar.

Finanziert wird das Projekt „Ein Leben lang genug Reis“ durch Spenden sowie durch Zuschüsse des deutschen Entwicklungshilfeministeriums und der Europäischen Union. Eine Spende von 65 Euro hilft einer Familie, dauerhaft den Hunger zu überwinden. Die Erfolge der Mittelhessischen Organisation beweisen: Entwicklungshilfe kann unmittelbar die Armut überwinden und zugleich gesellschaftliche Änderungen bewirken. Peter Dietzel ist überzeugt: „Kein einziger Mensch in Bangladesch müsste heute mehr hungern.“ Nach Erhebungen der NETZ-Organisation schaffen es 85 Prozent der Projektteilnehmer, innerhalb von drei Jahren selbstständig ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften. 110.000 Menschen leben heute bereits frei von Hunger.

Peter Dietzel ist mit den strukturellen Veränderungen durch das Projekt zufrieden. Sein Fazit der diesjährigen Projektreise: „Die Menschen im Programm ‚Ein Leben lang Reis’ können jetzt Entscheidungen beeinflussen, die ihr Leben betreffen und werden Akteure ihrer eigenen Entwicklung. Sie schreiben ihre eigene Geschichte über den Kampf mit den Widrigkeiten. Die Geschichte aus Chapai Nawabganj ist eine davon.”

Weitere Informationen zum Verein finden Sie unter www.bangladesch.org.

Informationen zu Bangladesch:
Bangladesch liegt in Südasien, die Hauptstadt ist Dhaka. Das Land hat die höchste Bevölkerungsdichte der Welt: Auf einer Fläche doppelt so groß wie Bayern leben über 164 Millionen Menschen. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 690 US-Dollar pro Jahr zählt Bangladesch zu den ärmsten Ländern der Welt. 20 Prozent der Bevölkerung leiden unter Hunger und Unterernährung.

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