(openPR) NOT VITAL
Werke 1989–2011
28.04.2012-13.01.2013
Das SCHAUWERK Sindelfingen widmet dem Schweizer Not Vital (*1948) ab 28. April 2012 eine Ausstellung, in der 25 Objekte gezeigt werden. Der Künstler ist in der Sammlung Schaufler vorwiegend mit skulpturalen Arbeiten vertreten, die aus den Jahren 1989 bis 2011 stammen. Drei Leihgaben ergänzen die Schau.
Die gezeigten Arbeiten sind in ihrer Gestaltung äußerst vielfältig und zeugen so von der schöpferischen Bandbreite des Künstlers. Neben absoluter Strenge gibt es fremd und skurril anmutende Objekte wie Bronzeabgüsse von Kamelköpfen auf langen Pfählen oder ein Reh, dessen Ohr durch einen Fischteller ersetzt wurde. Eine aus der reinen Betrachtung gewonnene Annäherung an Vitals Schaffen bleibt oft im Beschreibenden verhaftet. Es fehlt die Geschichte des Künstlers, die den Werken Leben einhaucht.
So spiegelt sich Not Vitals nomadisches Leben mit Wohnsitzen in Agadez, Peking und Lucca ebenso wie Erinnerungen an zahlreiche Reisen in seinem Oeuvre wider. Not Vital ist in diesen Ländern kein Tourist, er lebt dort mit den Menschen und hinterlässt seine Spuren, indem er ein Haus oder eine Schule baut, indem er soziales Engagement mit seiner Arbeit als Künstler verbindet. Mit all seinen Sinnen nimmt er das Leben in seiner Ganzheit auf und transformiert das Erlebte in Artefakte, denen der Betrachter als Kunstwerken gegenüber steht: Bilder, Installationen, Skulpturen und Plastiken.
Auch die starke Verbundenheit mit der Natur und Kultur seiner Heimat im Unterengadin beeinflusst die Arbeit des Künstlers sehr. Durch das Aufnehmen und Kombinieren von Motiven unterschiedlicher Herkunft erscheinen Vitals Werke oftmals doppeldeutig. Dabei geht es dem Künstler nicht um die Fremdartigkeit oder das Surreale an sich. Man spürt in den Arbeiten die Nähe zur Natur, zur Existenz von Mensch und Tier. Wie so oft in der Kunst geht es um das Leben, aber auch um den Tod als Teil des Lebens.
In Vitals Kunst werden Gegensätze aufgehoben. Es gibt Höhen und Tiefen, Ernstes und Spielerisches, das Existenzielle und das Alltägliche, das Kostbare und das Arme. Diese Vielfalt der „Tonlagen“ spiegelt sich wider im mannigfaltigen Spektrum von Material und Formensprache. Deren Sinnlichkeit spielt dabei eine besondere Rolle: ein Schlitten aus weißem Marmor suggeriert z. B. fühlbare Eiseskälte. Die Materialien haben eine starke Präsenz und offerieren das ganze Spektrum sinnlicher Wahrnehmung. Die Auswahl des Materials und der Prozess der Fertigung sind ebenso wie die Motivwelt Not Vitals stark beeinflusst von den Traditionen und Möglichkeiten der Länder, in denen er lebt.
Die über sieben Meter hohe Arbeit „Tongue“ und die Messerwand „1111 Knives“ gehören zu den wichtigsten Arbeiten der Ausstellung. Letztere besteht aus archaisch anmutenden, ungeschliffenen Klingen, deren Heft in der Wand steckt, so dass die Messerspitze in den Raum weist. Auf einer Fläche von circa sieben mal acht Metern ragen dem Betrachter unterschiedlich lange Stahlklingen entgegen, die als unregelmäßige All-Over-Struktur die Wand bedecken. Von der Installation geht eine beeindruckende, körperlich spürbare Anziehungskraft aus, deren potenzielle Bedrohlichkeit man erst im zweiten Schritt realisiert. Mit dem Durchstoßen der Wand wird die Raumgrenze aufgehoben und eine Flut von Messern zielt in den Raum hinein. Auch wenn die Energie der Installation den gesamten Raum erfasst, fordert sie doch eine letzte Distanz: bis hierher und nicht weiter.
Dem Motiv der Zunge kommt im Schaffen Not Vitals eine besondere Bedeutung zu. Den ursprünglichen Abguss einer Rinderzunge übertrug der Künstler in eine aufrecht stehende Skulptur, die er im Laufe der Jahre in unterschiedlichen Materialien umsetzte. Durch die monumentale Größe und den glänzenden, spiegelnden Edelstahl der in der Ausstellung gezeigten Version von 2008 entsteht eine ganz neue Dimension, die das natürliche Vorbild fast vergessen lässt. Die anatomischen Details werden verunklärt, lösen sich auf zugunsten reiner Plastizität. Das hoch Aufragende verleiht der Arbeit etwas Erhabenes und es entsteht eine große Spannung zwischen Material und Motiv. Auch die Reflektion des Lichts ist bei „Tongue“ ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit. Betrachter und Umraum spiegeln sich in der nahezu topografischen Oberfläche.












