(openPR) Zum Beispiel ein Fach „Kulturelle Bildung“ und einen „Kulturellen Schulrucksack“ von der ersten bis zur zehnten Klasse!
Mit dieser Forderung gibt Stefan Fischer-Fels, Leiter des GRIPS Theaters und Vize-Präsident der ASSITEJ (Internationales Vereinigung der Kinder- und Jugendtheater), einen Denkanstoß zum 20. März 2012, dem WELTTAG DES THEATERS FÜR KINDER UND JUGENDLICHE - und lenkt dabei die um das Buch "Der Kulturinfarkt" losgetretene Debatte in eine ganz andere Richtung:
"Kinder haben ein Recht auf Kunst und Kultur!" liest man in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. "Doch wenn in Deutschland von Kultur die Rede ist, geht es meist nicht um Kinder. Und wenn von Kindern gesprochen wird, geht es meist nicht um Kultur." (Wolfgang Schneider, Professor für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim).
Hamburg führt „Theater“ als Unterrichtsfach ein. In einigen Bundesländern wird seit Jahren die “Theaterpflicht für Schulen“ diskutiert; von einer „Kulturprämie für Kinder“ statt einer „Abwrackprämie für alte Autos“ war auf einem kulturpolitischen Kongress der Grünen in NRW die Rede; in Norwegen erhält jedes Kind von der ersten bis zur letzten Klasse einen „Kulturellen Schulrucksack“, darin sind Gutscheine für Theater-, Museums-, Tanz- und Opernbesuche – In Düsseldorf, Nürnberg und von Seiten der Landesregierung in NRW gibt es Pilotprojekte zu diesem Thema. In Berlin wird ab sofort das Pilotprojekt GRIPS-FIEBER initiiert, bei dem Sponsoren den Theaterbesuch ausgewählter Partner-Schulen großzügig und unbürokratisch fördern. Es gibt zahlreiche inspirierende Anregungen und Best-Practice-Beispiele zur Förderung der Theaterkunst für Kinder. Statt einer absurden Diskussion über die Halbierung von Kulturetats brauchen wir verstärkte Bemühungen, Kultur und Bildung zusammenzudenken.
Ein Fach Kulturelle Bildung könnte Kunst-, Musik- und Theaterunterricht zu einer wesentlichen Säule der Persönlichkeitsbildung von Kindern und Jugendlichen machen. Selbstverständlich würde damit der „Unterricht am anderen Ort“ massiv befördert, der Besuch von Theatern, Museen und Konzerten als Initialzündung zu einer lebenslangen
Liebesbeziehung zur Kultur.
Ein Kultureller Schulrucksack nach dem norwegischen Modell würde für eine Grundversorgung von Kultur von der ersten bis zur letzten Klasse sorgen. Ein Kind, das mindestens 10 Mal in seiner Schulzeit im Theater, im Museum und im Konzert war, hat mehr als nur kulturelle Kompetenz erworben. Es hat gelernt, die Zeichen der Kunst und die Zeichen der Zeit zu entschlüsseln. Denn auch Zuschauen ist eine Kunst und muss geübt werden! Damit etwas passiert, was Hirnforscher herausgefunden haben, nämlich, dass der in der Zuschaukunst Geübte schon Glücksgefühle ausschüttet, wenn er das Theater betritt, schon vom Theaterfieber ergriffen ist, bevor die erste Szene überhaupt gespielt ist.
Am „Welttag des Kinder- und Jugendtheaters“ gilt es, die Kulturpolitik bescheiden darauf hinzuweisen, dass eine abgestimmte Initiative für die Kunstvermittlung und die ästhetische Bildung an unseren Schulen weiter fehlt – trotz zahlreicher gut gemeinter Einzelprojekte. Das größte Abenteuer der Kulturförderung müsste darin bestehen, die professionellen Kinder- und Jugendtheater der Stadt mit ihrem unschätzbaren Erfahrungswissen und ihrer handwerklichen Kompetenz zu „Kulturvermittlern“ auszubauen. Sonst könnte es passieren, dass die Kinder von heute als Entscheidungsträger von morgen aus dem BE eine Shopping-Mall machen und aus der Schaubühne eine Spielhalle. Ca. 20 Prozent der Bevölkerung in Berlin sind Kinder und Jugendliche. Erhalten sie auch 20 Prozent Aufmerksamkeit, 20 Prozent vom Kulturetat?
Am „Welttag des Kinder- und Jugendtheater“ gilt es auch, Eltern, Rektoren, Schulbehörden - und Mathelehrer! – daran zu erinnern, dass es für Schule Aufgaben jenseits von Mathe, Deutsch und Englisch gibt, Aufgaben, die mit Persönlichkeitsbildung durch Kunst und Kultur zu tun haben. Wir brauchen Verbindlichkeit in dieser gemeinsamen Bildungsaufgabe. Die Berliner Schulen müssen in die Lage versetzt werden, regelmäßig und umfassend sich mit Kunst und Kultur auseinandersetzen zu können. Warum nicht – als Einsteig ins Fach „Kulturelle Bildung“ - eine „Theaterpflicht“ einführen? Ist das weniger sinnvoll als die Pflicht zum Physik-, Biologie- und Sportunterricht?
Kindertheater ist kein süßer Nachtisch, kein Luxus, sondern gehört als Hauptgericht, Vollwertkost und seelisches Nahrungsmittel zur Grundversorgung jedes Kindes, um „innerlich zu wachsen“ (Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie, Göttingen).
Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte weiß um die Bedeutung von Theater, er schickt uns zum WELTTAG DES KINDERTHEATERS folgende Botschaft:
Theater ist gut für eure Gesundheit
Theater wirkt gegen Anregungsarmut und Bildungsverelendung
Theater wirkt ganzheitlich therapeutisch und präventiv
Kinder brauchen Theater wie frische Luft zum Atmen.
Deshalb meinen wir: Alle Kinder sollten regelmäßig an die frische Luft - und sie sollten in den Genuss von Theaterkunst kommen!
Mit dem Projekt „Theater auf Rezept“, bei dem alle Berliner Kinderärzte bei den Vorsorgeuntersuchungen Kindern einen Vorstellungsbesuch im GRIPS THEATER verschreiben, wenden wir uns an die Familien, und erreichen auch z.B. Migrantenfamilien in Berliner Brennpunkten. Gerade dort wissen die Ärzte genau, wie wichtig hochwertige kulturelle Anregungen für Kinder sind. Die Siemens BKK ist die erste Krankenkasse, die das unterstützt und damit „Kulturheilverfahren“ im Programm hat.
Wir sollten die Kulturelle Bildung nicht allein Coca-Cola und McDonalds überlassen. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: "Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf." Das Dorf sind wir alle! Die Bildungspolitik, die Sozialpolitik, die Kulturpolitik, die Stadtplanung, die kinderfreundlichen Architekten, die Journalisten und viele andere mehr. Ein Fach Kulturelle Bildung und ein Kultureller Schulrucksack würde die Kulturvermittlungsbemühungen erheblich stärken, auch und gerade in Berlin, der HAUPTSTADT DES KINDER- UND JUGENDTHEATERS!
Stefan Fischer-Fels
Berlin, 16. März 2012










