(openPR) Diabetes wird nicht umsonst die „Epidemie des 21. Jahrhunderts“ genannt. 285 Millionen Menschen waren 2010 weltweit erkrankt, Tendenz steigend. Vielen von ihnen ist nicht bewusst, wie gefährlich sich die Krankheit auf ihre Füße auswirken kann. Allein in Deutschland verlieren jedes Jahr 30.000 Diabetiker Teile ihres Beines durch Amputationen. Der Grund: Das „Diabetische Fußsyndrom“. Einer, der beinahe täglich mit diesem Problem zu tun hat, ist Patrick Herbstreit, Orthopädie-Schuhmachermeister beim Freiburger Sanitätshaus Pfänder. Sylvia Schmieder sprach mit dem Experten, dessen Arbeit im Kampf gegen Diabetesfolgen eine wesentliche Rolle spielt.
Haben Sie in Ihrem Alltag viel mit Diabetikern zu tun?
Ja, und es werden immer mehr. Über fünfzig Prozent meiner Kunden kommen mit dieser Diagnose. Sie werden auch immer jünger, wir versorgen heute schon Patienten, die nicht einmal vierzig Jahre alt sind.
Was hat Diabetes mit den Füßen zu tun?
In den weit vom Herzen entfernten Gefäßen kann bei Diabetikern das Schmerzempfinden abnehmen, und die Durchblutung funktioniert nicht normal. Deshalb werden Verletzungen oder Geschwüre an den Füßen kaum wahrgenommen, die Wunden heilen schlechter. Selbst Brüche werden manchmal nicht bemerkt. Das führt zu erheblichen Schädigungen und Gehbehinderungen, schlimmstenfalls muss amputiert werden. Aber so weit muss es nicht kommen. Das wichtigste ist die Aufklärung: Diabetiker müssen gut auf ihre Füße achten. Die Selbstkontrolle reicht allerdings nicht, sie sollten auch regelmäßig zum Arzt und zum Fußpfleger gehen – beides wird ja in der Regel von den Kassen bezahlt – und ihre Schuhe und Fußbettungen im Sanitätshaus kontrollieren lassen. Die Füße verändern sich ständig, deshalb genügt es nicht, nur einmal etwas zu tun.
Wie kommen die Kunden zu Ihnen?
Sie werden vom Arzt geschickt, der eine entsprechende Verordnung ausstellt. Die Wundambulanz der Freiburger Uniklinik schickt uns zum Beispiel viele Kunden, darunter auch schwere Fälle, für die man viel Erfahrung und Know-how braucht. Da muss man manchmal Unmögliches möglich machen.
Wie helfen Sie konkret?
Ich sehe mir den Zustand der Füße genau an. Sie werden vermessen, ein Fußabdruck wird gemacht. Dann wird individuell entschieden, was notwendig ist. Vielleicht eine so genannte „diabetesadaptierte Fußbettung“, die Druckspitzen an der Fußsohle verhindert. Vielleicht auch spezielles Schuhwerk, das wir manchmal vom Katalog bestellen können, manchmal aber auch in unserer Werkstatt selbst herstellen. Das sind dann orthopädische Maßschuhe, die wir ganz traditionell mit den Methoden des alten Schuhmacherhandwerks fertigen. Das ist aufwändig und teuer, aber die Kunden bezahlen nur einen geringen Eigenanteil, die Krankenkassen übernehmen den Rest.
Warum kann man mit dem diabetischen Fußsyndrom nicht einfach irgendwelche Bequemschuhe tragen?
Gerade die haben ja oft ein Fußbett mit Wülsten, die schnell zu Druckstellen führen können. Diabetiker brauchen einen besonders weichen Innenschuh, der genügend Platz, aber natürlich auch Halt bietet. Die Druckverteilung an der Sohle muss stimmen. Auch weil Wunden bei Diabetikern so langsam heilen, ist diese Prophylaxe besonders wichtig.
Die Zahl der Diabetiker steigt immer weiter an, was nicht nur an der demografischen Entwicklung, sondern auch an unseren westlichen Lebensgewohnheiten liegt. Wird das dafür sorgen, dass Ihr Beruf Zukunft hat?
Mit Sicherheit. Ich bin auch überzeugt, dass der Beruf des Orthopädie-Schuhmachers für junge Leute attraktiver ist, als es auf den ersten Blick scheint. Wir haben viel mit Menschen jeden Alters zu tun und erleben ganz direkt, wie wichtig unsere Tätigkeit für sie ist. Moderne Technik spielt eine wichtige Rolle, aber wir sind auch eine der letzten Nischen, in denen traditionelles Handwerk noch gebraucht wird. Also ein wirklich erfüllter und vielseitiger Beruf.
Weitere Informationen:
http://www.amputation-verhindern.de
http://www.pfaender-freiburg.de








