(openPR) Herr Bahrmann, auf welche Lesung freuen Sie sich persönlich am meisten?
Ich freue mich eigentlich auf alle 160 Lesungen. Wir, meine Kollegin Maike Beier und ich, haben ein so umfangreiches und vielfältiges Festivalprogramm zusammengestellt, da findet sich für jeden Lesegeschmack etwas. Vom historischen Roman mit viel Schicksal, über wunderbare Kinderbücher bis hin zu großer Sächsischer Geschichte und anspruchsvoller Literatur, ist alles dabei. Besonders freue ich mich über die Moderation und Lesung von MDR-Literaturkritiker Michael Hametner am Samstag auf dem Marktplatz. Er stellt Texte des MDR-Literaturwettbewerbs vor und liest zum Abschluss des Tages einen Text von Max Frisch, der seinen 100. Geburtstag hätte.
Wir haben unter anderem herausragende Lesungen mit großen Dresdner Schauspielern, wie Albrecht Goette, Tom Quaas und Josephine Hoppe, vorbereitet. Etwas ganz Besonderes ist auch die Lesung von Peter Ufer, der seinen großen Gogelmosch, das Wörterbuch der Sachsen, vorstellt. Denn Meißen ist nun einmal die Wiege der deutschen Sprache, was im Gogelmosch sehr humorvoll, aber auch sehr treffend beschrieben wird.
Es gibt 160 Lesungen, die gleiche Anzahl wie im Vorjahr. Was aber ist anders?
Viel hat sich nicht am Konzept geändert, da sich in den beiden Jahren herausgestellt hat, dass es funktioniert und sehr gut angenommen wird. Die vielen Autoren, Schauspieler und Prominenten bieten eine breite Auswahl an Lesungen, die öffentlich und eintrittsfrei in Meißen stattfinden. Die Atmosphäre, die während der Lesetage in der Stadt herrscht, ist einzigartig. Wir laden Autoren ein, die ihre eigenen Werke vorstellen und viele Literaturbegeisterte, die aus Büchern vorlesen, die sich mit den Themen Geschichte, Meißen und Sachsen sowie Fantasy befassen. Das unterscheidet uns von den anderen Festivals. Wir haben allerdings in diesem Jahr verstärkt Lesungen in Schulen und Kindergärten organisiert. Die Leseförderung ist ein ganz wichtiger Bestandteil des Literaturfests. Kinder müssen von Büchern und den Geschichten begeistert werden, nur so können sie sich auch gut entwickeln.
Sie sind Vorsitzender des Kunstvereins Meißen. Was gibt Ihnen die Beschäftigung mit Literatur?
Inspirationen, Freude und neue Erfahrungen. Literatur und Belletristik bieten die Möglichkeit einer geistigen Weltreise. Man ist zu Orten, Zeiten und Menschen unterwegs, die es nur zwischen den beiden Buchdeckeln gibt. Die Beschäftigung mit Literatur trägt letztendlich nicht nur zur Phantasie bei, sondern fördert auch die Allgemeinbildung und bildet ästhetisches Urteilsvermögen aus. Das sind auch die grundlegenden Ziele beim Literaturfest.
Im Mittelpunkt der Lesungen steht das Mittelalter und die Fantasy. Warum?
Die Altstadt Meißens ist geprägt durch eine 1000-jährige Geschichte. Die alten, noch kopfsteingepflasterten Gassen, die romantischen Innenhöfe und vieles mehr, lassen Meißen als ein bezauberndes, über viele Jahrhunderte gewachsenes Kleinod erstrahlen, das viele tausend Besucher anlockt. Das Literaturfest Meißen, das sich den Themen Mittelalter, Renaissance und Fantasy widmet, knüpft so die Verbindung von mittelalterlicher Stadtstruktur und Architektur zu historischer Literatur, und lässt Geschichte so lebendig werden. Es gibt so viele wunderbare Bücher zu geschichtlichen Themen, da bietet sich Meißen als Austragungsort geradezu an.
Zu Pfingsten wird es einen Poetry Slam geben, einen Dichterwettkampf. Wie ist das zu verstehen?
Ein Poetry Slam ist quasi ein moderner „ Sängerkrieg auf der Wartburg“, wie der im 13. Jahrhundert mit Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach in Eisenach gewesen sein soll. Poetry Slam ist also ein Wettbewerb, in dem selbstgeschriebene Literatur vorgetragen wird und das Publikum die Möglichkeit hat, den besten Vortrag zum Sieger zu wählen. Dabei spielt das „slammen“ der Texte eine große Rolle: das Schleudern von Literatur in ihrer natürlichsten Form. Geslammt wird am Samstag auf der Burgterrasse mit Vertretern aus Berlin und Dresden, wobei das der erste Poetry Slam in Meißen sein dürfte. Wir freuen uns auf geniale Texte und perfekte Performance und laden jetzt schon dazu ein, zuzuhören, zu sehen und zu genießen. Das ist sicherlich die außergewöhnlichste Neuerung beim Literaturfest!
Ihre Eltern beteiligen sich auch am Literaturfest?
Wie viele Meißner, sind auch meine Eltern ganz begeistert vom Literaturfest. Sie möchten sich daher auch als Programmpartner einbringen und nutzen dafür ihre Kontakte noch aus ihrer Theaterzeit und haben den Dresdner Schauspieler Albrecht Goette in die Webergasse eingeladen. Er ist eines der Urgesteine des Dresdner Staatsschauspiels und zählt zu den wichtigsten und aktivsten Schauspielern. Es ist eine reine Freude, ihm beim Vortragen zu lauschen! Ergänzt wird das Programm in der Webergasse mit einer Lesung des Meißner Künstlers WEHerbst Silesius, er liest aus Gert Hofmanns „Die Rückkehr des verlornen JMR Lenz nach Riga“. Das Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde präsentiert das „Sächsische Klosterbuch“, ein Forschungsprojekt über die Klöster und Stifte im Mittelalter, in dem Meißen auch eine große Rolle spielt. Hier wird unsere lange sächsische Geschichte greifbar und lebendig.
Was lesen Sie am liebsten?
Romane mit dichter erzählerische Atmosphäre wie die der postmodernen amerikanischen Autoren wie Siri Hustvedt (Was ich liebte), Michael Cunningham (Die Stunden), Jeffrey Eugenides (Middlesex). Aber auch Michel Houellebecq, der ein wunderbarer Erzähler ist, lese ich sehr gern. Sein neustes Buch „Karte und Gebiet“ wartet schon auf mich. Nach dem Literaturfest, wenn ich wieder mehr Zeit habe, werde ich mir das Buch vorknöpfen. Sehr gut fand ich auch „Der Turm“ von Uwe Tellkamp, zwar brauchte ich eine Weile, um mich einzulesen, aber dann war ich schließlich absolut begeistert. Ich liebe das Gefühl beim Lesen ganz im Buch aufzugehen und die Geschichten wie selbst zu erleben. Das ist quasi Kopfkino.
Das Interview führte Ulf Mallek von der Sächsischen Zeitung Meißen. Das Literaturfest Meißen ist eine Veranstaltung des Kunstvereins Meißen e.V. in Kooperation mit der Stadt Meißen und der Sächsischen Zeitung. Der Eintritt zu den Lesungen ist frei. Webseite: www.literaturfest-meissen.de












