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Europäische Theaterachse Rumänien-Deutschland

17.05.201112:21 UhrKunst & Kultur
Bild: Europäische Theaterachse Rumänien-Deutschland
Mit „Switch“ schrieb Pal Frénák für das Nationaltheater ein eigenes tragisch-komisches Stück ...
Mit „Switch“ schrieb Pal Frénák für das Nationaltheater ein eigenes tragisch-komisches Stück ...

(openPR) "Heute liegt das Augenmerk nicht mehr auf den großen Theater-Metropolen", Iris Laufenberg (Leiterin Berliner Theatertreffen 2011)

"Alles anders, alles neu!" lautet der Slogan des Berliner Theatertreffen 2011, das fast zeitgleich zum FEST-FDR Timisoara / Rumänien stattfand. Zehn Stücke aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden von einer radikal geänderten Jury in und für Berlin ausgewählt, die den weniger bekannten Namen, nicht den großen Bühnen das Podium bereitet", so die Macher des Festivals. "Ein Triumph des Off-Theaters und der Newcomer unter den Theatergrößen. "Da ist mehr Leben enthalten. … Die großen Theatermetropolen sind nicht schlechter, als sie sonst waren. Aber das Augenmerk liegt nicht mehr alleine auf so Laufenberg weiter. 82 Veranstaltungen in 18 Tagen, Diskussionsrunden, Workshops und szenische Lesungen inklusive.

Das hört sich verdächtig gleich in Rumänien an. Wurde abgeschaut? Haben Ada Hausvater (Chefin des Teatrul National Timisoara), Michaela Michailov (verantwortlich für die rumänische Sektion des Festivals) und Cristina Modreanu (verantwortlich für den neuen internationalen Part in Richtung dessen, was europäisch modernes Theater ausmacht) nach Berliner Vorbild gehandelt?
Nein, hier handelt es sich nicht um geistiges Plagiat, hier haben die Macher verstanden, was in der Luft liegt und sie gestalten kreativ das, was in Zukunft die Tendenzen ausmacht: „Soziale Themen definieren eine europäische Identität des neuen rumänischen Dramas und dramaturgischen Geschehens“, so Ada Hausvater zum veränderten Konzept ihres Festivals. Sie will das geschichtsträchtige westrumänische Timisoara als Hauptveranstaltungsort des rumänischen Dramas in die Landkarte europäischen Theatergeschehens integrieren. Nicht die Wurzeln vergessen, darauf besinnt sich die Theaterchefin und hat mit Michaela Michailov - selbst Schriftstellerin - eine verantwortungsvolle Mitstreiterin, die in 2011 zum 2. Mal die Auswahl rumänischer Dramaturgie gestaltete.

„Wir brauchen eine pointierte Auswahl aus dem gegenwärtigen Theaterschaffen. Das schärft den Blick und zeigt der Politik, was los ist. Dr. Nike Wagner (Künstlerische Leiterin Kunstfest Weimar)

Aber trifft das (18.) FEST-FDR in neuem Gewand den Nerv der Zeit?
Namen wie u.a. Alina Serban, Lia Bugnar, Alina Nelega, Radu Macrinici, Gabriel Pintilei, Stefan Peca, Gianna Carbunariu, Andreea Valean, Sorin Poama, Vera Ion, Peter Kerek, Bogdan Georgescu, Maria Manolescu und deren Arbeiten auf einmal zu erleben, ist nur einmal jährlich, und zwar in Timisoara möglich. Ein Grund für mich, dieses Festival nicht aus den Augen zu verlieren, zeigt es doch, was in Rumänien jung und gut auf dem Theater ist. Sind sie alleine jedoch nicht zu wenige, um ein derart großes Land mit geballter kultureller, ethnischer und vor allem politischer Auseinandersetzung zu vertreten? Soll doch das Festival auch dem Nachwuchs zum Anreiz dienen, sich mit dem Alltag und der Politik auseinander zu setzen.

Die vielen Theatervorstellungen machen nicht satt, sie machen Hunger auf mehr, auf anderes.
Was wäre aber heutzutage ein Festival, wenn die Publikumsmagnete fehlen würden, sagten sich Hausvater und Co. und haben flugs dem Festival einen neuen Hype gegeben, um es in die europäische Bewegung moderner Theaterphänomene einfließen zu lassen. Eine clevere Idee, die in Stadt und Region Timisoara mit zahlreichen multikulturellen Wurzeln wie die Saat auf dem Acker aufgehen kann. Wo sonst, wenn nicht im Westen Rumäniens? Hier haben die Kulturverantwortlichen die Politiker vielleicht überzeugt, und es wird sich auszahlen, diesen Weg einmal eingeschlagen zu haben.

In einem anderen Kontext profitiert von dieser Denke das Theaterfest in Sibiu, dem die Kulturhauptstadt 2007 den nötigen Aufschwung gegeben hat, und wo man es verstanden hat, Rumänien auf intellektueller Ebene vermischt mit effektivem kulturtouristischen Angebot einen Platz im europäischen Festivalkalender zu festigen. Timisoara hat mit Neugestaltung und Ausdehnung seines Festivals wieder einen Schritt in die Zukunft getan, nicht nur in die des Theaters, das hat man schon damit bewiesen, indem man von Garcia bis Frénák die theatralische Bandbreite festgelegt hat. Auch für den so bedeutsamen kulturtouristischen Markt sind hier 2011 weitere Grundsteine gelegt worden, auf dem man unbedingt weiter experimentieren und ausfindig machen sollte.

Internationale Gäste und Inszenierungen runden das Bild des neuen Festivals ab. (Alle Aufführungen werden zusätzlich ins Englische übersetzt.)
Hier sei mir erlaubt, von meiner Aufgabe als Berichterstatter abzuweichen, um ein paar Worte ganz subjektiv über Vorstellungen zu verlieren, die mich am meisten angesprochen haben.
Der ungarische Choreograph Pál Frénak agierte nonverbal mit seinem Ballett „Twins“, einem atemberaubenden Modern Dance Geschehen im emotionalen Raum von Zwillingsbrüder oder auch Zwillingsmarionetten, je nachdem wie sie miteinander klarkommen und das ungewöhnliche Leben in dieser Zweierverbindung meistern. Mit „Switch“ schrieb er für das Nationaltheater ein eigenes tragisch-komisches Stück, das in unterschiedlich virtuellen Räumen spielt.
Mit „Borgos vs. Goya“ von Rodrigo Garcias, in einer französischen Interpretation, wurde ein weiteres Mal ein Star des internationalen Theatergeschehens nach Rumänien verpflichtet, sicher ungewohnt und keine leichte Kost.

Aus Chisinau (Moldavien) bestachen vier Schauspielerinnen, ein Fahrrad und riesige Einweckgläser mit „M House“ von Luminita Ticu, vielleicht in Anlehnung an „Die Krankheit der Familie M“ von Fausto Paravidino (den Besuchern von erfolgreicher Inszenierung vor Ort ein Begriff). Eine bittere Chronik von häuslicher Gewalt, die sich - anders als bei Paravidino - ausschließlich und in voller Brutalität gegen Frauen richtete, eine psychotherapeutische Sitzung in Form einer erschütternden Dokumentation, an der das Publikum teilhaben musste.

Eines mag noch Erwähnung finden: Die Inszenierung von Radu Apostol des Maria Manolescu Stücks „As Thyself“ hat mich sehr ergriffen. Vor ein paar Jahren war mir in Bukarest das Schreiber/Regisseur-Duo aufgefallen, als es mit „With a Little Help from My Friends“ die Geschichte von vier Jugendlichen um die Thematik Sex, Drugs, Rock’n’Roll und Crime versetzt mit Punk-Musik als einen rumänischen Beitrag zum Leben und Umgang junger Menschen auf die Bühne brachte. Ein internationaler Wurf war damit gelungen, rumänisch lediglich am Ort des Geschehens, von einer Aussagestärke, die fast überall auf der Welt widerhallt, zumindest dort, wo es ein Meer und ein Ufer gibt.
(Leider wurde dies von rumänischen Kritikern unter anderem wegen seiner “Sprache“ wenig beachtet. Ein Kritiker mit Universitätsehren sagte mir wörtlich, es sei schlecht, aber er war leider nicht in der Lage mir zu erklären warum. So einfach macht man es sich. Ich sah ihn zufällig wieder beim Festival, und er besuchte erst gar nicht die neue Vorstellung. Vielleicht war das besser für alle.)
In der neuen Inszenierung geht es wieder um ein allgemeingültiges Thema. Diesmal hat Manolescu ihr Augenmerk auf die „Homeless“ gerichtet, diejenigen, die auf der Straße leben, die sich von der Gesellschaft aus mannigfaltigen Gründen absentiert haben und von denen jedes Jahr an die 300 alleine im Bukarester Winter erfrieren. Tragödien, die sich auch in den eisigen Wintern von New York, Moskau oder Paris und überall auf der Welt abspielen könnten. 300 unerzählte Geschichten von Unbekannten, denen wir ausweichen, wenn wir ihnen auf der Straße begegnen. Manolescu schildert hier sehr sensibel, wie weit sich diese Menschen im kalten Winter von Bukarest von uns und voneinander entfernt haben, wie sie physisch und psychisch leiden und sie erzählt von einer aufkeimenden Liebe, die in unendlicher Hoffnungslosigkeit und Selbstzerstörung umkommt.
Wieder spielt Musik eine Rolle zwischen den einzelnen Akten; sie lässt uns durchatmen, diesmal in rumänischem Chansongewand von Bogdan Burlacianu, vielleicht zu vergleichen mit Ausdruck und Tiefe eines neuen Jaques Brel. Eine einzige Geschichte von jährlich 300 unerzählten hat Apostol inszeniert. Bewusst lässt er Bühnengeschehen und Bühnenarbeiter am Set zusammen agieren, um dieses Thema nicht in visueller Sentimentalität zu ersticken. Wohl aber schafft er Betroffenheit, tiefe Betroffenheit, die sich erst langsam beim Zuschauer in einen Schlussapplaus lösen kann.

Festivalgeschehen in geschlossenen Räumen wird stets begleitet vom Geruch geschlossener Gesellschaft. Hier tritt das neue Internationale Theater- und rumänische Dramaturgiefest entgegen. Wenn auch in den vergangenen Jahren alle Veranstaltungen für Jedermann zugänglich und vor allem erschwinglich waren, geht man jetzt nach draußen und zeigt sich „auf der Straße“. Der geschichtsträchtige Platz vor Opernhaus und Theater bietet das Podium, die Besucher können bis weit in Fußgängeralleen hinein Spektakel live erleben, teilhaben, involviert sein und sich mit dem neuen Festival identifizieren.
Wie passend, dass ausgerechnet die polnische Truppe „Osmego Dnia“ (Acht-TagesTheater), eine lebende Legende in Sachen politischen Widerstands, dieser Einladung auf Plata Victoriei gefolgt ist. Diese Akteure gingen in nonverbalem Theater bis an das Äußerste, um in Polen z.B. Redefreiheit zu forcieren. Mit einem multimedialen Aktionstheater „Zeit der Mütter“ klagen sie mit neuer, atemberaubender Bühnentechnik den Krieg an; in allen Kriegen, überall auf dem Globus, sind sie die Leidtragenden, die um den Verlust ihrer Kinder trauern. Mit allgemeinverständlichen Gebärden, Bewegungen und Tanz, unterstützt von Videodokumentationen, rufen sie gegen die unheilige Kriegsallianz auf der Welt auf und sie tun es an einem historischen Ort, von dem 1989 die sogenannte rumänische Revolution startete.

"Für mich war das Theatertreffen 2010 ein pulsierendes Ereignis, das mir einen wertvollen Innenblick in die deutschsprachige Theaterwelt erlaubte. Als Teilnehmer des Stückemarkts hatte ich die Möglichkeit, einige bedeutende Autoren kennenzulernen und Gedanken und Meinungen zum Unterschied (und den Gemeinsamkeiten) zwischen dem deutschen und rumänischen Stückeschreiben auszutauschen. Und ich habe eine Ahnung davon bekommen, was der Text im deutschsprachigen Inszenierungsprozess bedeutet. Ich war total glücklich, dabei zu sein. Das Organisationsteam war wunderbar. Ich lernte zahlreiche internationale Theaterleute kennen und ich denke, dass alles, was ich als Teil des Theatertreffens gewinnen konnte, für mich als Theaterautor von größtem Nutzen ist." Stefan Peca, Autor, Bukarest (zum Stückemarkt 2010 in Deutschland). Ähnliche Statements werden sicher ab 2011 und zukünftig von internationalen Gästen zum neuen Timisoara Festival verlautbaren.

In wenigen Besuchstagen, die mir möglich waren, blieb leider noch Vieles ungesehen. (Dieter Topp)

Keywords: Timisoara, Theaterfestival, Frenak, Garcia, Rumänien, Bukarest, Berlin, Theatertreffen,
weitere Informationen: www.tntimisoara.com

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