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Kein Brot für Biogas

10.12.201016:41 UhrEnergie & Umwelt

(openPR) “Well, tonight, thank God it's them instead of you.” (Do They Know It’s Christmas? — Bob Geldof, Midge Ure)

Bürgerinitiative Frankenberg fordert Diskussion über technische Alternativen zur industriellen Produktion von Bio-Methangas aus Nahrungsmitteln.



Frankenberg, 10. Dezember 2010 —

Die Frankenberger Bürgerinitiative, die den geplanten Bau einer Großbiogasanlage in unmittelbarer Nähe der Kernstadt verhindern will, fordert die Entscheidungsträger in Frankenberg dazu auf, bei der begrüßenswerten Umstellung auf regenerative Energien alle verfügbaren Optionen vorzustellen und abzuwägen. Die Umsetzung von Nahrungsmitteln in Gas sei zwar technisch möglich, aber ethisch bedenklich, klimaschädlich und nur durch hohen Einsatz fossiler Brennstoffe umsetzbar. Das lobenswerte Ziel, unabhängiger vom Erdöl und importiertem Erdgas zu werden, lasse sich durch die geplante Vergärung von Mais und Getreide nicht unter Einhaltung von Nachhaltigkeitskriterien umsetzen. Deutlich besser geeignet seien Energiequellen wie Holz, Gülle oder pflanzliche Reststoffe, die in der Region in großer Menge verfügbar sind.

"Auf der diesjährigen Auftaktveranstaltung von Brot für die Welt warnten die Initiatoren, dass immer mehr Lebensmittel, Treibstoff und Futterpflanzen für die Länder der nördlichen Erdhalbkugel angepflanzt werden. Die Menschen im Süden hungerten aber und ihnen werde der Boden für das tägliche Brot entzogen", merkte Ernst van Bentum, Ökobauer vom Basitenberghof in Friedrichshausen an. "Am 29. November 1984 wurde die Single "Do they know it’s Christmas?" veröffentlicht und ein Jahr danach fand "Live Aid" in London und Los Angeles statt, um Geld für die Opfer der Hungersnot in Äthiopien zu sammeln. 25 Jahre später schaffen wir durch den fehlgesteuerten Einsatz unserer Subventionen die Voraussetzungen für die nächsten Hungersnöte."

"Stiller Tsunami"

Nach Angaben der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) leben ungefähr eine Milliarde Menschen von einem US-Dollar oder weniger pro Tag. Für sie werden steigende Preise für Nahrungsmittel schnell lebensbedrohlich. Bereits 2011 drohen Engpässe bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln, wenn die Produktion bestimmter Feldfrüchte nicht ausgeweitet wird, so die Welternährungsorganisation. Bei den Getreidelagerbeständen werde gegenüber dem Vorjahr ein Rückgang erwartet von 7%, darunter Weizen mit einem Minus von 10%, Gerste mit minus 35% und Mais mit minus 12%. Vor dem Hintergrund weltweit sinkender Vorräte wird die nächstjährige Ernte aus Sicht der FAO maßgeblich für die Stabilität der internationalen Märkte sein. Auf dem Höhepunkt der Nahrungskrise 2008 mit Rekordpreisen für Lebensmittel bezeichnete das britische Wirtschaftsmagazin "The Economist" diesen Missstand als "stillen Tsunami" und ermahnte die reichen Länder, die Problematik so ernst zu nehmen wie die Finanzkrise der Bankenwelt. Zum ersten mal seit 30 Jahren brachen damals Proteste wegen Nahrungsknappheit in mehreren Ländern gleichzeitig aus.

Fast alles, was essbar ist — ob Getreide, Mais oder Zuckerrohr — wird mittlerweile zweckentfremdet. Die Folge dieser Fehlentwicklung ist, dass die Grenzen zwischen der Nahrungsmittel- und Energieindustrie verschwimmen. Subventionen für Energiepflanzen, Missernten und Spekulationen auf den weltweiten Agrarrohstoffmärkten treiben die Preise in die Höhe. Am 11. Oktober 2010 erhöhte sich der Preis für Mais um 8,5 Prozent, der höchste Tagesanstieg seit 37 Jahren. Im Jahresvergleich haben sich die Preise für Weizen um 39%, für Mais um 49% und für Sojabohnen um 35% erhöht, berichtet die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen.
(Quelle: Nahrungsmittelbericht "Food Outlook – Global Market Analysis", November 2010)

Hunger nach und Hunger durch Energie

Global agierende Wirtschaftskonzerne bedrohen die Lebensweise von Kleinbauern durch Landvertreibung und Brandrodung, um so Flächen für die Exportlandwirtschaft zu gewinnen. Der Anbau von Energiepflanzen rund um die Welt bringt deshalb keinen langfristigen Wohlstand für die Länder der Dritten Welt, sondern verschärft deren Probleme bei der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln. Und auch hierzulande forciert die planwirtschaftliche Subventionspolitik den Wechsel von der Landwirtschaft in die Agrarindustrie. Die Zeitschrift "Börse Online" meldete am 19. November 2010, dass in Deutschland inzwischen Finanzinvestoren die Landwirte als wichtigste Käufergruppe von Ackerland überholt haben.
(Quelle: http://mobil.boerse-online.de/versicherung/nachrichten/meldung/:Ackerland--Anleger-uebertrumpfen-Bauern/618773.html)

Die aktuelle Energiepolitik der reichen Industrienationen konterkariert aber auch die eigenen Klima- und Umweltziele. In seiner Studie "Energieziel 2050: 100 % Strom aus erneuerbaren Quellen" schließt das Umweltbundesamt den Anbau von Nahrungsmitteln zur Nutzung in Biogasanlagen aus folgenden Gründen komplett aus: "Dazu zählen ihre Konkurrenz mit der Nahrungs- und Futtermittelproduktion, die negativen Auswirkungen auf Umweltmedien, wie z.B. Qualität von Wasser und Böden, Auswirkungen auf die Wassermenge, auf die Biodiversität und auf den Naturschutz. Zudem ist der Anbau von Biomasse nicht treibhausgasneutral." Zu den Kohlendioxid-Emissionen bei der Verbrennung müssen die Belastungen bei der Produktion, durch Pestizide und mineralische Düngemittel gerechnet werden. Ohnehin ist Kohlendioxid nicht das einzige Treibhausgas; Stickstoff hat beispielsweise ein circa 300 mal höheres Treibhausgaspotential, verbleibt länger in der Atmosphäre und wird beim Mais- und Getreideanbau in großen Mengen freigesetzt.
(Quelle: Umweltbundesamt-Studie "Energieziel 2050: 100 % Strom aus erneuerbaren Quellen", Juli 2010, S. 56)

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