(openPR) Soeben ist mit “Dorian. Ein Scheitern in Postkarten” das Debüt von Marco Dzebro erschienen. Annabell Schwarz hat sich mit dem Autor in Heidelberg getroffen und ihn zu diesem faszinierenden, rätselhaften Werk befragt.
Marco: Bevor du deine erste Frage stellst, würde ich gerne sagen, dass der letzte Satz dieses Interviews eine Lüge sein wird.
Annabell: Das fängt ja schon sehr vielversprechend an. Ich hoffe, dass der Rest des Interviews wenigstens der Wahrheit entspricht. Dein erster Roman „Dorian. Ein Scheitern in Postkarten“ gibt das New Yorker Stadtleben aus der Sicht eines gewissen Dorians wieder, welcher dem Autor rätselhafterweise innerhalb eines Jahres fast täglich Postkarten mit kleinen Botschaften zukommen ließ. Wie kommt man auf solch einen ungewöhnlichen Stoff? Hattest du selbst einmal eine Postkarte von einem Unbekannten in deinem Briefkasten liegen?
M: Auf die Idee, ein Buch zu schreiben, deren zentrale Figur die Summe aller Krisen ihrer Stadt ist und das in kleinen Erzählungen auf Postkarten festhält, bin ich nicht wirklich selbst gekommen. Die Idee kam zu mir. Dorian und die besagten Postkarten gibt es tatsächlich. Ich bin lediglich eine Möglichkeit Dorians. Obwohl es natürlich einen Grund dafür geben muss, warum die Postkarten gerade an mich adressiert sind. Ich glaube, das liegt daran, dass ich, genau wie Dorian auch, in einer Gesellschaft lebe, die keinen Platz für mich in sich gefunden hat, genauso wie ich auch keinen Platz in mir für sie gefunden habe und ich denke, dass Dorian das erkannt und mich deshalb für seine Albtraumreise auserwählt hat. Wir sind uns sehr ähnlich.
A: Dorian ist also eine reale Person?
M: Oscar Wilde hat einmal gesagt, dass Kunst zu offenbaren und den Künstler zu verbergen das Ziel der Kunst sei. Ich glaube, das trifft auch ganz gut auf Dorian zu. Er ist ganz bestimmt ein wenig Legende der eigenen Vorstellung, die auf den ersten Blick innerlich verschollen wirkt und mit viel Liebe zum Detail entschlüsselt werden möchte – aber die Person Dorian gibt es tatsächlich und obwohl ich nicht wirklich seinen Namen kenne und seine genauere Absicht nur erahnen kann, bin ich mir doch ziemlich sicher, sein wahres Ich zwischen den Zeilen entdeckt zu haben. Vieles an den Texten ist natürlich symbolisch gemeint. Je mehr Dorian die eigene Identität und damit auch die eigene Stimme entrückt, desto häufiger beruft er sich dann auf Künstler, die anscheinend großen Einfluss auf ihn haben.
A: Und wer ist das zum Beispiel?
M: Ich habe Bukowski in den Texten entdeckt, Dalí, die Wachowski-Brüder, bekannte Weltphilosophien und sogar Churchill kommt in einer der Geschichten vor – und das sind nur einige, versteckte Antworten, die ich gefunden habe. Aber unterm Strich sind diese Querverweise auch nur Mittel zum Zweck. Dorian funktioniert für mich ganz persönlich als problematische Figur. Er ist eine Urnatur, die von innen heraus entweder fasziniert oder verstört. Das muss jeder selbst entscheiden. Mir jedenfalls hat er die Augen geöffnet.
A: Warum kommt Dorian mit dem Leben in New York eigentlich nicht zurecht?
M: Dorian ist ganz offensichtlich an der Dekadenz der feinen Gesellschaft, aber auch an all den Grausamkeiten, die sich tagtäglich in seiner Stadt abspielen, gescheitert. Ich kann mich noch ganz genau an Berichte über einige Prostituiertenmorde erinnern, die sich zugetragen haben, als ich in New York war und die ziemlich eindeutig in einigen seiner Texte wiederzuerkennen sind. Ich hoffe natürlich, dass er die Erinnerungen daran damit lediglich verarbeitet und nicht selbst etwas damit zu tun hatte. Aber davon mal abgesehen ist Dorian für mich eine radikale Besinnung auf einen Ich-Gedanken, die aus Erzählungen entsteht, die nicht wegschauen. Dorian ist ein Künstler und wie das bei Kreativen oft so ist, anscheinend auch ein Einzelgänger. Und als eben solcher hat man es in der Gesellschaft oft nicht leicht, da sie immer und immer wieder versucht, einem das auszutreiben. Selbst in einer von Kreativen überfluteten Stadt New York.
A: Sprichst du da aus eigenen Erfahrungen?
M: Auf jeden Fall. Zu sagen „Ich habe nichts gegen Menschen, aber mir ist wohler, wenn keine um mich herum sind“ ist ein harter Kampf, den die wenigsten überleben. Man könnte also schon sagen, dass wir beide an der Gesellschaft gescheitert sind. Ich für meinen Teil sehe dieses Scheitern jedoch als Erkenntnis und begründe damit Mut mir selbst gegenüber, weil ich sagen kann: „So bin ich halt und das ist auch gut so! Macht euch keine Sorgen, denn mir geht es gut dabei, dass es mir nicht gut geht.“ Dorian hat mir durch seine Karten die Kraft gegeben, diesen Kampf zu gewinnen und ich hoffe, dass auch er es geschafft hat – aber ich befürchte das Schlimmste.
A: Ist Dorian denn wirklich zum Scheitern verurteilt? Gibt es für ihn keinen Ausweg?
M: Ich denke, dass er einen – oder besser gesagt – seinen Ausweg gefunden hat. Ob das nun bedeutet, dass er der Gesellschaft, seiner Stadt oder gar seinem Leben den Rücken zugekehrt hat, das weiß ich leider nicht. Aber ich bin froh darüber, dass er diesen Ausweg gefunden hat, selbst wenn dieser bloß 8 Millimeter groß ist. Und trotzdem belüge ich mich mit diesem Gedanken natürlich jeden Tag selbst, weil die Ungewissheit mich sonst in den Wahnsinn treiben würde. „Meine Stadt ist kein Ausgang.“ – das stand auf einer der Karten und das macht mir Angst, selbst wenn ich weiß, was damit gemeint ist und wie dieser Satz als Querverweis zu interpretieren ist. Denn selbst die Antwort darauf ist schließlich ein großes Fragezeichen.
A: Auf einer Postkarte heißt es: „Meine Stadt ist die Angst vor den Wänden, die immer näher kommen, bis du eines Tages erkennst, dass du auf sie zurennst.“ Ist es also die Stadt, die Dorian zerstört, oder letztendlich er selbst?
M: Es ist wahrscheinlich eine Kombination aus beidem. New York war für Dorian Katalysator zu seinem eigenen, befremdlichen Konzept, aber es war natürlich auch der babylonische Turm einer Gesellschaft, die ihn gefeiert und mit der Lüge geblendet hat, dass wir alle Millionäre und Rockstars werden können, wenn wir nur wollen. Vielleicht wollte er mit der Karte sagen, dass er irgendwann verstanden hat, dass er sich selbst vollkommen fremd ist und mutig zugrunde gehen muss, wenn er das ändern will. Vielleicht hat er aber auch einfach nur den Verstand verloren.
A: Dorian bleibt bis zum Ende anonym. Ist das ein typisches Merkmal einer Großstadt?
M: Anonymes Leben ist in einer Großstadt natürlich optisch am deutlichsten erkennbar und kann auch ganz offen gelebt werden, wenn man bereit ist, den hohen Preis dafür zu bezahlen. Aber im Grunde ist das auch im kleinen Rahmen möglich. Ich selbst lebe seit Jahren schon mit Freunden, Verwandten und Arbeitskollegen zusammen, die allesamt nicht einmal wissen, dass sie gar nichts von mir wissen. Ich lebe auch jetzt, in einer kleinen Stadt, vollkommen anonym – aber das ist viel aufwendiger und kostet auch mehr Kraft als das in New York der Fall war. New York ist eine Stadt, die nicht fordert, sondern die unterstützt und deine Wünsche, Ziele und Sehnsüchte mit offenen Armen empfängt, was natürlich in manchen Fällen in absoluten Katastrophen endet. Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie ich an meinem ersten Tag in New York an einer Ampel stand, einen Obdachlosen dabei beobachtete, wie er den gesamten Verkehr auf einer der meist befahrensten Straßen blockierte, weil er mitten am Tag, mit halb heruntergelassener Hose anfing, direkt auf die Straße, neben seine Einkaufstüten zu scheißen und absolut kein Stück daran interessiert war, was wir anderen darüber dachten. Neben mir stand eine Frau, die sich schreiend wegdrehte, daneben ein Mann, der in Ruhe seine Zeitung weiterlas und nur ein paar Schritte weiter ein Polizist, der die Sache vollkommen unberührt beobachtete. Und nur wenigen Sekunden und einen abscheulichen Durchfall später war alles vorbei und alle Umstehenden benahmen sich so, als sei nichts geschehen. Da habe ich angefangen zu lachen und dachte mir: So etwas ist hier also möglich. Und da wurde mir klar, dass ich mir aussuchen konnte, ob ich die schreiende Frau, der unbeeindruckte Zeitungsleser, der abgestumpfte Polizist oder der auf die Straße scheißende Obdachlose sein wollte. So etwas ist in kleinen Städten natürlich nicht möglich und ich vermisse das.
A: Du hast ja selbst einige Zeit lang in New York gelebt. Wie ist deine persönliche Ansicht zu der Stadt?
M: Ich bin in New York der größten Angst meines Lebens begegnet und ich möchte nicht darüber reden. Was ich jedoch sagen kann ist, dass ich in New York auch mein Monster gefunden habe, was mir erst durch Dorian bewusst wurde, der auf einigen Postkarten von seiner Stadt als „dem Monster“ spricht. Mein Monster ist eine Stadt, die sich von meiner Angst ernährt hat, bis mir irgendwann klar wurde, das Angst ja nichts Schlimmes, weil ein Teil von mir ist. Angst ist etwas, das in mir selbst entsteht, etwas, das ich zulasse, ein Teil von mir und somit ist auch das Monster ein Teil von mir. Ich habe viele Menschen getroffen, die das nicht verstanden und lähmende Angst vor ihrem Monster haben. Einigen hat das Monster sogar den Kopf abgebissen. Aber ich habe verstanden, dass das Monster in mir ist, dass New York in mir ist und dafür liebe ich es. Ich liebe diese Stadt und ich liebe mein Monster, denn es ist mein Monster und es steht mit großen, breiten Schultern hinter mir und beschützt mich in leidenschaftlicher Abwehr vor allem Chaos in dieser Welt.
A: Möchtest du gerne wieder zurück?
M: Ich habe New York nie wirklich verlassen.
A: Du schreibst gerade an deinem zweiten Roman. Rechnest du darin auch so kritisch mit der heutigen Gesellschaft ab wie in „Dorian“?
M: Hat Dorian mit der Gesellschaft abgerechnet oder hat er mich an seinem fundamentalen Scheitern einfach nur teilhaben lassen? Ich veröffentliche Dorians Postkarten nicht, um der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, denn, abgesehen davon, dass die Gesellschaft einen Scheiß darauf gibt, was ich denke und die Spiegel längst schon trüb sind von all den Lügen unserer seligen Freiheit, die wir unserem Abbild jeden Morgen beim Rasieren entgegenspucken, ist der Zug doch längst schon abgefahren. Ich glaube fest daran, dass diese Welt nicht mehr zu retten ist. Ich veröffentliche Dorians Postkarten, um ihm zu zeigen, dass ich sie bekommen und vielleicht sogar verstanden habe. Ich möchte ihm dafür danken: für sein Vertrauen, für das Feuer des leidenschaftlichen Umdenkens, das er in mir entfacht hat und ich möchte ihm zeigen, dass inzwischen tatsächlich alle Kunst völlig nutzlos ist und irgendwie aber auch nicht. Das Buch ist also kein Angriff gegen die Gesellschaft, sondern eine dankbare, liebevolle Geste an einen Freund, den ich gar nicht kenne. Ich hoffe dass, wo auch immer er untergetaucht ist, Dorian das Buch irgendwo entdeckt oder dieses Interview liest und damit sein Gedankenloch stopfen kann – wenn er denn noch lebt. Aber du hattest nach meinem nächsten Buch gefragt: Derzeit arbeite ich an zwei weiteren Romanen beziehungsweise daran, eine Autorenförderung für die Projekte an Land zu ziehen. Inhaltlich wie auch sprachlich könnten sie unterschiedlicher zu Dorian gar nicht sein: Das eine Projekt ist ein lustiger, abenteuerlicher Noir-Krimi für Kinder, in dem Jugendliche auch die Hauptrolle spielen und das zweite ist eine historische Geschichte, über die ich jedoch nichts verraten darf. Bis auf die Tatsache, dass in allen drei Geschichten eine Figur die Hauptrolle spielt, die irgendwie anders ist als andere, haben die rein gar nichts miteinander gemein und richten sich auch an ein vollkommen unterschiedliches Zielpublikum.
A: Wenn du dir einen Ort auf der Welt zum Leben aussuchen könntest, wo würde sich dieser befinden?
M: In Salvador Dalís Kopf.
A: Vielen Dank für das Interview.
M: Ich möchte mich für die interessanten Fragen bedanken und wünsche den Lesern viel Spaß mit dem Buch. Der erste Satz dieses Interviews ist übrigens wahr.











