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West-Nil-Virus - Eine Frage des „Wann“

03.04.200908:03 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung
Bild: West-Nil-Virus - Eine Frage des „Wann“
Tierarzt und Pferdewirtschaftsmeister Christian Schacht
Tierarzt und Pferdewirtschaftsmeister Christian Schacht

(openPR) Ein Fachartikel von Tierarzt und Pferdewirtschaftsmeister Christian Schacht:

Spätestens seit dem Filmklassiker „Outbreak“ mit Dustin Hoffmann ist bekannt, dass Viren und andere Krankheitserreger den Menschen als Transportmittel nutzen. Für ihre Reisen wählen sie den internationalen Luftverkehr und passieren ungehindert Detektoren und Sicherheitsschranken. Die Quarantänezeit für Menschen fällt in der Regel „deutlich kürzer“ aus als für andere Lebewesen. Außerdem findet der Transport von Menschen von Ost nach West, Nord nach Süd etc. deutlich öfter statt. So ist eine Verbreitung von viralem Material mittels Vektor Mensch nicht nur fiktive Horrorvision, sondern leider Realität.



Gerade, wenn man den Vergleich des Transportes (dieser Begriff ist bewusst gewählt, denn auch der Mensch unterliegt den gleichen biologischen Gefährdungen wie Pferd, Hund, Katze, Maus, etc.) anstellt und sich zudem bewusst macht, wie schnell der körperliche Kontakt zu anderen Individuen der gleichen Gattung am Bestimmungsort hergestellt wird, kann man aus Sicht des Seuchenschutzes nur staunen. Da es natürlich unmöglich ist, Menschen in Quarantäne zu stellen und vor Antritt jeder Reise Bluttests zu verlangen, ist die Virologie aufgefordert, protektive Maßnahmen zu ergreifen. Ein namhafter Professor der tierärztlichen Hochschule Hannover hat den Begriff „Vorsicht“ als bedachtes Handeln in dem Bewusstsein der Gefahr definiert. In dieses Bewusstsein der Gefahr schleicht sich seit einigen Jahren ein bereits seit 1937 bekanntes Virus mit den Namen West-Nil-Virus.

Spätestens seit dem Ausbruch 1999 in New York steht es ganz oben auf der Fahndungsliste der Virus- und Impfstoffagenten. Die erste Erkrankte war eine Frau in Uganda 1937. So entstand der Name des Virus. Weitere Infektionen wurden in den nächsten Jahren beschrieben (Israel 1957, Algerien 1994, Rumänien 1996/97, Tschechien 1997, Kongo 1998, Russland und Nordamerika 1999, Israel 2000, Italien 2008, Österreich Oktober 2008).

1960 wurden die Antikörper erstmals in Algerien und Frankreich bei Pferden nachgewiesen. Im Jahre 2002 wurden in den USA über 4.000 Infektionen bei Menschen gezählt – knapp 300 davon endeten tödlich. Im selben Jahr erkrankten in den USA rund 15.000 Pferde an dem Virus.

Die Übertragung des West-Nil-Virus erfolgt durch Mücken, deren Populationsgröße besonders durch Überschwemmungen und die globale Erwärmung begünstigt wird. Die Mücken saugen das Blut von infizierten Vögeln auf und übertragen das Virus so auf Menschen und Pferde. Bei der ersten Infektionswelle in New York war parallel zu den Erkrankungen bei Menschen und Pferden ein massives Vogelsterben im Central Park aufgetreten. Auch in der griechischen Mythologie werden solche Zusammenhänge beschrieben. So sollen kurz vor Alexanders Tod schwarze Raben tot vom Himmel gefallen sein und auch heute sind in Amerika Krähen ein Indikator für das Auftreten des West-Nil-Fiebers.

Die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass die Vektoren (Überträger) vor Grenzen nicht halt machen. So ist nachweislich das Virus mit einer Mücke per Linienflugzeug (Tel Aviv - New York) in die USA gelangt. Es ist also keine Frage des „ob“, sondern eine Frage des „wann“ die erste Infektion in Deutschland erfolgt.

Die Symptome der häufig inapparent (ohne Krankheitsanzeichen) verlaufenden Infektion reichen beim Menschen von grippeähnlichen Erscheinungen bis hin zur Hirnhautentzündung mit tödlichem Ausgang. Gerade die Fähigkeit des Virus, die sogenannte Blut-Hirnschranke zu überwinden, stellt es ganz oben an die Stelle der zu bekämpfenden Infektionskrankheiten. Beim Pferd löst das Virus unter anderem Ataxien, Schwäche in der Hüfte, Schwierigkeit beim Aufstehen, Muskelzittern, Fieber, Hinterhandslähmungen oder Blindheit aus. Ca. 40 % der infizierten Pferde sterben oder müssen euthanasiert werden. Besonders die Symptome der Hinterhandslähmung und der Ataxie sorgen zunächst differentialdiagnostisch für Verwirrung, da auch die in den vergangenen Jahren zunehmend auftretende Form der spinalen Erkrankung durch Herpesviren ein ähnliches Krankheitsbild liefert. Gemäß einer Studie aus den USA tritt die Erkrankung gehäuft im Spätsommer oder Frühherbst auf. Das kann mit der erhöhten Luftfeuchtigkeit und der daraus steigenden Anzahl von Moskitos zusammen hängen. Zwar ist bei der Masse an Moskitos in den tropischen Regionen die Infektion wahrscheinlicher, aber wie das Beispiel mit der israelischen Airline zeigte, reicht bereits eine einzige infizierte Mücke für den Beginn einer Katastrophe aus.

Ein wirksamer Schutz der Pferde kann nur mit einer Impfung aufgebaut werden. In amerikanischen Reiterkreisen ist Impfung gegen das West-Nil-Virus mittlerweile ein genauso gängiges Gesprächsthema wie in Deutschland die Impfung gegen Influenza und Herpesinfektionen. Durch die Häufigkeit der Erkrankungen in den USA und der daraus resultieren Notwendigkeit ist es dem amerikanischen Pharmakonzern Fort Dodge gelungen, einen Impfstoff zu entwickeln, der bereits flächendeckend in Amerika eingesetzt wird. Mittlerweile ist der Impfstoff auch in Deutschland zugelassen und steht ab Mitte des Jahres zur Verfügung – denn es ist keine Frage des „ob“, sondern nur eine Frage des „wann“.

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