(openPR) Das neue Album das Branford Marsalis Quartets klingt wie das musikalische Äquivalent einer Neunzimmer-Villa für den Jazzfan. Jeder Raum ist opulent und im Stil sehr variabel eingerichtet. Trotzdem merkt man in jedem Detail die Handschrift desselben überaus beschwingt agierenden Architektenteams. Der auch im Original deutsche Titel der Platte lässt an Ovid denken, ans alte Europa überhaupt: „Metamorphosen“ hat der älteste Sohn der vier Marsalis-Brüder das Werk genannt, und man kann nur froh sein, dass die meisten Leute heutzutage ihre Musik, wenn nicht schon gleich als Download, so doch als CD übers Internet bestellen. Denn
„Metamorphosen“: das ist schon für deutsche Muttersprachler kein leichtes Wort, für alle anderen ist es ein übler Zungenbrecher. Der Plattenkäufer am Bildschirm braucht wenigstens keine Blöße wegen falscher Aussprache zu fürchten.
Metamorphosen sind Wandlungen, Veränderungen in der Gestalt, Zeichen für Wachstum und Erweiterung der eigenen Möglichkeiten. Branford Marsalis beschreibt die Wachstums- und Wandlungsfreude seiner seit über zehn Jahren in unveränderter Besetzung spielenden Monster-Band mit den Worten: „Wir haben alle eine Menge geübt in den zurückliegenden Jahren, und das kann man hören – sowohl in der Entwicklung der Musik als auch in unserem Klang.“
Beim Rundgang durch die Jazz-Wundervilla des neuen Albums sind diese Metamorphosen zu besichtigen. In der Eingangshalle hängt ein mächtig swingendes Post-Bop-Mobile. Es wird angetrieben von denselben vier rasanten Instrumentalisten, die im Nebenraum ein klangfein ausgesponnenes Interieur an die Wände gezeichnet haben, das an klassisch-romantische Vorbilder erinnert. Es gibt einen in den wunderbar schrägen Formen und Farben von Thelonious Monk dekorierten Saal, einen fast im Zeichensystem der Neuen Musik codierten Raum und ein Klang-Kabinett, das irgendwo zwischen Erik Satie und „Kind of Blue“ in der Schwebe bleibt. Ohne auf jeden Song eingehen zu wollen: so viel verlebendigte Musik-Geschichte des 20. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung des Jazz gibt es auf einem Album wohl so schnell kein zweites Mal.
Die Band knüpft mit „Metamorphosen“ an die Alben „Braggtown“, „Eternal“ und „A Love Supreme“ an, von denen jedes auf seine Weise Energie aus den Kraftzentren zeitgenössischen Improvisierens bezog. Auch wenn Branford Marsalis regelmäßig mit klassischen Orchestern auftritt und seine Quartett-Kollegen mit Spielweisen jenseits des Jazz- Vokabulars vertraut sind: der stärkste Generator bleibt doch der Jazz amerikanischer Prägung. An den schloss sich Marsalis zu Beginn der 80-er Jahre zunächst bei Art Blakey’s Jazz Messengers an, im folgenden Vierteljahrhundert spielte er mit all den ganz Großen. Popfans übten sich in den 80-er Jahren in Verehrung, als Branford Marsalis neben dem unvergessenen Kenny Kirkland die schönen Songs von Sting mit dem Alphabet des Jazz gegenbuchstabierte. Fast überflüssig zu erwähnen, dass Branfords Lehrzeit bei Art Blakey schon ein Lernen schon auf höchstem Fortsetzungsniveau war: Schließlich war er ebenso wie sein Bruder Wynton als Kind in New Orleans in den Zaubertrank des Vaters, des Jazzdruiden Ellis Marsalis, gefallen. Dort impägnierte er sich für sein Leben mit jazzmusikalischer Unbesiegbarkeit. Live dürfte sich die Freude an der schöpferischen Gestaltwandlung des Branford Marsalis Quartets noch vervielfachen – für die Musiker und fürs Publikum.
(Text: Tom R. Schulz)













