(openPR) Von Oliver König - Auch 18 Jahre nach Gründung ist Stereolab weiterhin eine der besten und innovativsten Independent-Bands unserer Zeit. Der engelsgleiche Gesang der Französin Laetitia Sadier, "Chemical Chords", Weltraumorgeln und die fantastisch ausgeklügelten Kompositionen des Briten Tim Gane bilden eine Mischung, die süchtig macht.
Stereolab spielt tonight im Stage Club Hamburg: Ein sehr edles Ambiente, Security an der Tür, edle Blumendekoration und Ledergarnituren wollen beeindrucken. Die Räume sind bis ins letzte gestylt, alles ist in blaues und rotes Licht getaucht. Noch sind kaum Gäste zu sehen, sie tragen ausnahmslos dicke schwarze Hornbrillen. Ich traue mich kaum, in diesem künstlichen, coolen Ambiente ein einfaches Flaschenbier zu bestellen.
Noch eine Stunde bis Konzertbeginn. Besucher trudeln ein. Links und rechts von mir unterhalten sich Menschen auf Englisch. Ich frage meine Nachbarin nach dem Namen der Vorband. Sie antwortet bemüht und mit einem französischem Akzent: „Ich weiß nicht“. Leute von der Stereolab-Crew tauchen auf und lockern die Stimmung mit ihrem lässigen British auf. TOTAL INTERNATIONAL. Der Laden füllt sich, und ich würde schwören, dass unter dem Publikum einige Künstler sind.
Die Vorband „The week that was“ legt los. Simon Johns, der Bassist von Stereolab, steht am Merchandising-Stand mit den vielen bunten Stereolab-LP’s und fragt mich: „Very good music, is’nt it?“ Ich stimme ihm zu. Sehr musikalisch, sehr unprätentiös, Hemd, T-Shirt, Hose, fertig. Die wollen nur spielen, nicht mit ihrem Äußeren beeindrucken. Sie achten gar nicht aufs Publikum, sondern vertiefen sich ganz in die Musik, kommunizieren untereinander. - Schöne Musik zum hinhören.
Eine kurze Pause, schnell noch aufs Klo, und Zack, fast mit Tim Gane von Stereolab kollidiert, krass! Vor der Konzert-Bühne wird’s jetzt eng. Ich bin aufgeregt…
Zuletzt habe ich Stereolab 1998 in München im „Backstage“ gesehen und ich erinnere mich, welche Faszination damals diese Musik bei mir ausgelöst hat. Es waren tranceartige Glücksgefühle, die mich überzeugten, dass diese Band zu den ganz großen der 90er Jahre gehört, in der Bedeutung nur vergleichbar mit der Grunge-Band Nirvana. Nur eben nicht mit dem verteufelt guten Depri-Sound von Kurt Cobain, sondern mit retrofuturistischem 60ies Popsound von Tim Gane. Diese Musik von Stereolab, die zuerst etwas seicht wie Easy-Listening oder Lounge-Musik daherkommt, entpuppt sich dann als ein komplexer, musikalischer Kosmos, der sehr unterschiedliche Elemente verbindet: Diese Musik hat den „Mensch-Maschine“-Effekt von Kraftwerk, lebt wie die Minimal-Musik von Reduktion und Repetition (ein Song heißt bezeichnenderweise John Cage Bubblegum*), setzt massiv diverse Farfisa-Orgelsounds, die nicht enden wollen ein, steigert sich dann maßlos in psychedelische Phasen rein und wird insgesamt von Laetitia Sadiers himmlischer, fast mystischer Stimme zusammengehalten.
* (John Cage: „"Wenn etwas nach zwei Minuten langweilig ist, versuche es vier Minuten lang. Wenn es dann immer noch langweilig ist, für 8. Dann 16. Dann 32. Schließlich entdeckt man, dass es überhaupt nicht langweilig ist.“)
Wir haben November 2008, es ist Samstagabend und endlich steht Stereolab nach zehn Jahren wieder vor mir auf der Bühne. Aber diesmal werden kein Visuals eingesetzt, es gibt keine Weltraumdeko und keine Kostüme. Die sechs Musiker stehen da in - ja ich würde sagen Alltagsklamotten. Hier wird keine durchgestylte Show geboten. Sie spielen einfach ihre Songs und sind ganz ungezwungen. Laetitia Sadier trägt nicht wie gewohnt kurzes Haar, sondern neuerdings Pferdeschwanz. Das ist etwas ungewöhnlich, schließlich ist sie die Songtexterin und der intellektuelle Kopf der Band, eine Poptheoretikerin mit gesellschaftspolitischer Dimension. - Nun gut.
Die Musik kommt sehr leicht, fröhlich beschwingt rüber. Besonders die neuen Songs von der CD „Chemical Chords“ sind sehr eingängig, u.a. „Three Women“ und „Neon Beanbag“. Schon nach kurzer Zeit sieht man im Publikum nur noch glückliche Gesichter, Glückshormone fließen. Ich stehe direkt vor den Lautsprecherboxen und an drei Synthesizern werden jetzt Orgelsounds ohne Ende in den Raum gejagt. Das ist nur mit den Vibrationen in einem Parkdeck einer Schiffsfähre der TT-Linie zu vergleichen.
Damals 1998 in München schleppte mich meine damalige Künstlerfreundin mit aufs Stereolab-Konzert. Ich wunderte mich damals, warum in vielen Ateliers von jungen Künstlern oft Musik von Stereolab lief. Heute ist mir klar, dass diese Musiker keine Pop- oder Rockstars, sondern Künstler sind. Sie lassen sich nicht vom System vermarkten, sondern bleiben widerständig. Statt an Vermarktungsstrategien zu feilen, halten sie am Prozeß des Schöpferischen fest. Sie trotzen der Musikindustrie und veröffentlichen ihre aktuelle CD „Chemical Chords“ beim Indi-Label Beggar Groups. Laetitia Sadier ist überzeugt, dass unsere Gesellschaft weiterhin auf Ausbeutung, Unterdrückung und dem Herr/Knecht-Grundmuster basiere. Im schöpferischen Prozess der Kunst sieht sie eine Möglichkeit zu zeigen, dass eine andere Welt möglich sei. Stereolabs Philosophie dekonstruiert die Welt und schafft sie neu im synthetischen Prozess. Sie scheut sich dabei nicht, mit den Errungenschaften der Wissenschaft: Gentechnik, Atomphysik, Chemie, Weltraumfahrt und politischen Utopien zu jonglieren und sie subversiv zu verwandeln – DADA lässt grüßen.
Interessant ist auch, dass Stereolab, ähnlich den Künstlergruppen anfang des 20. Jhd., in einem Netzwerk mit anderen Künstler interdisziplinär kommunizieren und zusammenarbeiten. So mit den „Postrockern“ Tortoise, Pram, Gastr del Sol oder mit den bildenen Künstlern Charles Long, der zusammen mit Stereolab eine Installation schuf oder Sophie Dauvoix, die sich in ihrer Kunst mit der Gentechnologie auseinandersetzt.


