(openPR) Der Hype ist grenzenlos. Der FC Bayern empfängt die TSG 1899 Hoffenheim und die Medien drehen durch, schreiben vom Giganten-Duell. Doch muss man die Partie zum jetzigen Zeitpunkt wirklich so hochstilisieren? sportal.de meint nein und rät: "Lasst die Kirche noch im Dorf."
Wir wollen die Leistungen von Hoffenheim überhaupt nicht schmälern. Der Aufsteiger spielt begeisternden Fußball und steht ohne Frage völlig zu Recht an der Spitze der Bundesliga. Nun geht es gegen den FC Bayern. Natürlich geht es da um etwas. Der Erste trifft auf den Zweiten und letztlich winkt auch der Titel Herbstmeister - von daher handelt es sich auch von der Wortbedeutung her natürlich um ein richtiges Spitzenspiel. Außerdem erhitzt ein Vergleich David gegen Goliath sowieso immer die Gemüter.
Doch glaubt man den Schlagzeilen der vergangenen Tage, findet am Freitag in der Allianz Arena eine Begegnung statt, die von der Bedeutung her mit einem Champions League-Knaller gegen den AC Milan oder Real Madrid vergleichbar wäre. "Spiel der Spiele", "Der geilste Gipfel aller Zeiten", "Liga-Blockbuster", "Giganten-Duell" lauten exemplarisch herausgegriffene Headlines.
Kein ernsthafter langfristiger Bayern-Konkurrent
Doch wenn man das Wort Gigant in diesem Zusammenhang schon bemühen sollte, dann trifft es höchstens auf die Bayern zu. Seit 1969 wurde der Club 20 Mal Meister, holte zudem alle anderen Vereinstitel mindestens einmal. Richtig gefährden konnte die absolute nationale Vormachtstellung der Münchner bisher keine deutsche Mannschaft.
Sicher, es gab in dieser Zeit immer wieder Mannschaften, die sich zumindest vorübergehend mit ihnen messen konnten und als ebenbürtig erachten konnten. Doch ein wirklicher zweiter Gigant an der Seite des Giganten kristallisierte sich nicht heraus. Zwar zeigten einige Clubs viel versprechende Ansätze. Doch nach ein paar Jahren der Ebenbürtigkeit mit dem Branchenführer war es mit der Herrlichkeit auch schon wieder vorbei.
Drei große, aber kurze Ären
Falsche Personalpolitik, zu große finanzielle Risiken aber auch extremes Verletzungspech waren die Gründe für den jähen Absturz nach kurzer Erfolgsära. Gladbach dominierte die 70er Jahre. 1970, 71, 75, 76 und 77 holte die Mannschaft vom Niederrhein die deutsche Meisterschaft, holte 1975 und 79 den UEFA Cup und 1973 den DFB-Pokal. Doch in den 80ern war dann Schluss mit der Herrlichkeit. Die Borussia verlor den Anschluss an die Bayern, auch weil der Club wegen des kleinen Stadions über nur geringe Zuschauereinnahmen verfügte und daher immer wieder Leistungsträger abgeben musste.
Dem HSV gelangen erst unter Branco Zebec (1978-80) und Ernst Happel (1980-88) zahlreiche Titelgewinne: 1979, 82 und 83 holte man den Meistertitel, wurde 1976, 80, 81, 84, 87 immerhin Vizemeister und gewann 1976 und 87 den DFB-Pokal. Darüber hinaus triumphierten die Norddeutschen 1977 im Europapokal der Pokalsieger und 1983 im Landesmeister-Pokal. Mit dem Weggang Günter Netzers als Manager und Coach Happel, ging es mit dem HSV bergab. Der Club stürzte ins tiefe Mittelmaß.
In den 90ern feierte dann Borussia Dortmund eine ähnliche Erfolgsära. 1995, 96 und 2002 holten die Westfalen die Meisterschaft, siegten 1997 ausgerechnet im Münchner Olympiastadion in der Champions League. Durch hohe Einnahmen aus den europäischen Wettbewerben schwang sich der Club auch finanziell zu einem ernsthaften Konkurrenten der Bayern auf. Doch nach dem letzten Meistertitel begannen die Misserfolge, fehlende Einnahmen taten ihr Übriges - der mittlerweile an der Börse notierte Club rutschte ins Mittelmaß und auch finanziell an den Rande des Ruins. Zur Konsolidierung gingen wichtige Spieler aus Dortmund weg.
Sie tanzten nur einen Sommer
Dann gab es da noch die Clubs, deren Vorstößen an die Bundesligaspitze nur eine ganz kurze Stippvisite blieben. Der 1. FC Köln, der in den 60ern noch den Ton der Liga mit angab, konnte unter Hennes Weisweiler Ende der 70er in der Spitze mitmischen. 1977 holten die Rheinländer den DFB-Pokal, 1978 die Meisterschaft und den Pokal. Nach dieser erfolgreichen Saison beendeten einige Leistungsträger wie Hennes Löhr ihre Karriere. Im folgenden Jahr fiel der Club mit einigen neuen Spielern, aber auch einer langen Verletztenliste zurück. Ende der 80er gelang unter Christoph Daum noch einmal ein Comeback in der Bundesligaspitze. Der große Wurf blieb aber verwehrt.
Den Meistertitel holte der Coach dagegen erst nach seinem Wechsel zum VfB Stuttgart 1992. Die Schwaben hatten bereits 1984 unter Helmut Benthaus die Meisterschaft gewonnen, hielten sich aber nicht ganz oben an der Spitze. Unter Daum glückte dann für eine Saison die Rückkehr nach oben, doch nach seinem legendären Wechselfehler im Europapokal gegen Leeds kam der erneute Absturz. Der DFB-Pokal-Sieg 1997 und das Erreichen des Europapokalfinals der Pokalsieger 1998 blieben Ausnahmen. Erst 2007 holte man völlig überraschend erneut die Meisterschaft, ehe auch danach wieder ein Abwärtstrend einsetzte.
Ähnlich war es beim 1. FC Kaiserlautern, der nach dem DFB-Pokalsieg 1990 ein Jahr später überraschend Meister wurde. Auch die Roten Teufel konnten sich in den Folgejahren in den internationalen Plätzen halten, stiegen 1996 trotz erneutem Pokalsieg ab. Die Abgänge wichtiger Leistungsträger war nicht kompensiert werden können. Nachdem sofortigen Wiederaufstieg düpierten die Pfälzer die ganze Liga und sicherten sich zum ersten Mal als Aufsteiger einen Meistertitel (1998). Doch danach folgte auch aufgrund schlechter Einkaufspolitik der erneute schrittweise Abstieg.
Werder die einzige Konstante
Als einziger über mehr als 20 Jahre konstanter und einigermaßen ebenbürtiger Rivale kristallisierte sich Werder Bremen heraus. Die Hanseaten wurden 1988, 93, 2004 Meister, 1983, 85, 86, 95, 2006, 2008 jeweils Vizemeister. Dazu holten sie 1991, 1994, 1999 und 2004 den Pokal, standen dreimal im Finale und errangen 1992 den Europapokal der Pokalsieger. Diese Erfolgserie hebt die Norddeutschen über alle der genannten Bayern-Kontrahenten der letzten fast 40 Jahre. Aber auch bei ihnen machte sich beständiger Aderlass bemerkbar. Immer wieder verließen nach großen Erfolgen die Stars den Club.
Regelmäßige Star-Abgänge machten sich auch bei Bayer Leverkusen und Schalke 04 bemerkbar, die auch zwischenzeitlich den Anspruch erhoben, in diesen Kreis zu gehören etablierten sich zwar in der Spitzengruppe der Liga, gewannen aber - auch wenn sie knapp dran waren - nie die deutsche Meisterschaft. Ein Umstand, der Bayern-Manager Uli Hoeneß seinerzeit zu der auf Bayer-Coach Daum gemünzten Aussage trieb: "Der kann noch 100 Jahre spielen, der wird uns nie überholen."
Die Hoffnungsträger aus Hoffenheim
Vielleicht rührt aber gerade aus diesem Umstand, dass sich kein zweites wirklich großes Team neben Bayern etablieren konnte, der große Hoffenheim-Hype. In ihm liegt die Hoffnung, dass dort im kleinen Dorf in Baden endlich ein Club heranwachsen könnte, der dieses Vakuum füllen könnte.
Generalstabsmäßig wurde der Aufstieg in die Bundesliga geplant. Sehr positive Schritte, dort eine nachhaltig erfolgreiche Mannschaft aufzubauen, sind gemacht worden. Ralf Rangnick, Bernhard Peters und Jan Schindelmeiser leisten hervorragende Arbeit, setzen gerade - wie von sportal.de vor Kurzem analysiert - in Sachen Trainingsgestaltung und Leistungsdiagnostik neue Maßstäbe.
Mit Dietmar Hopp steht ein potenter Geldgeber im Hintergrund, im nächsten Jahr ist das neue Stadion - ein Schmuckkästchen mit 30.000 Sitzplätzen - fertig. Schon jetzt zaubert sich der Club durch die Liga.
Das fehlt noch zum Giganten
Doch für das Attribut Gigant reicht das alles noch nicht. Jetzt muss Nachhaltigkeit bewiesen werden, die bisher gezeigten Ergebnisse müssen bestätigt werden. Doch das wird schwer, warnte Oliver Kahn bereits in der BILD: "Da liegen noch viele Stolpersteine auf diesem Weg. Mal angenommen, die werden Herbstmeister. Dann beginnt das Nachdenken. Dann steigen die Erwartungen. Der Nimbus des Überraschungs-Teams ist weg. Und dann erst wird sich zeigen, wie sie mit diesem Druck umgehen können."
Auch werden sie versuchen müssen, ihre besten Spieler zu halten, um nicht wie so viele Clubs vor ihnen zu einem Ausbildungsverein verkümmern. Im Fall Vedad Ibisevic scheint dies zumindest vorerst zu klappen. Der Stürmer, mit 17 Toren der erfolgreichste Goalgetter der Liga, erklärte auf die Angebote der Bayern und einiger ausländischer Clubs angesprochen: "Die Anfragen anderer Clubs machen mich ein bisschen stolz. Aber ich bleibe nächste Saison definitiv in Hoffenheim."
Wo der Weg Hoffenheims letztlich hingeht, wird man erst in einigen Jahren sehen können. "Wir wollen dafür sorgen, dass die Geschichte etwa so ausgeht wie in den Asterix-Heften", erklärte Ralf Rangnick. Doch orientiert sich Hoffenheim an diesem Beispiel, würde es nichts werden mit dem Aufstieg zum Giganten, sondern allerhöchstens zum zweiten Werder Bremen. Denn das kleine gallische Dorf leistet dem Eindringling zwar zähen und beständigen Widerstand, die Vorherrschaft des römischen Imperiums beendet es nicht.
Und ob am Freitag ein Sieg in München gelingt? Trotz toller Spiele - Hoffenheim konnte in dieser Saison noch kein Auswärtsspiel bei einem Team aus der oberen Tabellenhälfte gewinnen....
Malte Asmus
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