(openPR) Jürgen P. Fuß, Chefredakteur der Aktuellen Türkei Rundschau und Türkei-Korrespondent des deutschen Nachrichtensenders N24 - kommentiert das glückliche Ende der türkischen Geiselnahme.
Am Sonntag ist die Geiselnahme der drei deutschen Bergsteigern am Berg Ararat im Süd-Osten der Türkei glücklich zu Ende gegangen. Im Laufe des Montags werden die drei Deutschen in Deutschland zurück erwartet. Die türkische Regierung und ganz besonders die Sicherheitskräfte wollen diese Freilassung als Erfolg ihres massiven Einsatzes in der Region verbuchen.
Kann man mit dieser Darstellung uneingeschränkt zustimmen? Haben sich die Entführer tatsächlich von den militärischen Aktion einschüchtern lassen oder ist eine andere Erklärung des glimpflichen Ausgangs der Entführung eher angesagt?
Zum einen gibt es Meldungen, dass es sich bei der Entführung um eine isolierte Handlung einer kleinen Splittergruppe innerhalb der PKK gehandelt habe, hinter der Fehman Hüseyin stecke, der dadurch seine Position innerhalb der Führung der PKK ausbauen wollte. In der vergangenen Woche hatte es in einigen Agenturmeldungen dann sogar geheißen, Fehman Hüseyin sei bei Luftangriffen der türkischen Armee gegen PKK-Stellungen im Norden Iraks schwer verletzt worden und möglicherweise sogar tot.
Eine Aktion einer kleinen Splittergruppe ohne den notwendigen Rückhalt in der PKK und der mögliche Tod des Anführers - das könnte eine Erklärung sein, warum die Geiseln früher freigelassen wurden, als es die Sicherheitskräfte noch kurz zuvor für möglich gehalten hatten. Doch zu Fehman Hüseyin gab es keine weiteren Informationen und einige Türkei-Experten hatten ohnehin von Anfang an Zweifel an dieser Version.
PKK WILL AUFMERKSAMKEIT - UND DEM TOURISMUS SCHADEN
Eine andere Erklärung für die Entführung der drei deutschen und das anschließende Verhalten der PKK ergibt sich, wenn man etwas zurückblickt. Immer wieder hat es die PKK in den letzten Jahren verstanden, kurz vor oder zu Beginn der sommerlichen Hochsaison durch Aktionen Touristen zu verunsichern. In der Vergangenheit hat man dabei auch nicht davor zurückschreckt, bei Bombenanschlägen unschuldige Touristen in den Tod zu reißen oder schwer zu verletzen.
Doch solche terroristischen Aktionen haben zwei Seiten. Einerseits wird das Ziel erreicht, dass ein Teil der Touristen auf Grund der angespannten Sicherheitslage von einem Türkeirlaub absieht. Das bedeutet für die Tourismusbranche Einbußen bei ihren Einnahmen und signalisiert nicht nur der Regierung, sondern auch den Geschäftsleuten „wir können euch an einer sehr sensiblen Stelle treffen.“
Aber Anschläge, bei denen unschuldige Touristen ums Leben kommen, sind für dass Image der PKK äußerst schädlich und dienen damit letztlich nicht den Zielen der Kurden. Bei der jetzigen Entführung hat dagegen die PKK ihr Ziel, Macht zu demonstrieren und der Tourismusbranche Schaden zuzufügen erreicht, ohne dass ihr Image dabei großen Schaden genommen hat.
Für die Richtigkeit dieser Version sprechen Pressemeldungen der vergangenen Woche, nach denen die PKK zunächst alle 13 Bergsteiger gefangen genommen und diesen dann freigestellt hatte, selbst zu bestimmen, wer als Geisel in den Händen der PKK verbleibe. Tatsächlich waren zehn Mitglieder der Bergsteigergruppe kurze Zeit nach dem Überfall wieder freigelassen und sofort nach Deutschland zurückgekehrt.
Kann die PKK also den Verlauf der Entführung als einen Erfolg für sich verbuchen?
EINZIGER SIEGER SIND DIE FREIGELASSENEN GEISELN
Wenn sich die türkischen Sicherheitskräfte wegen ihres massiven Einsatzes als Sieger der Befreiung der deutschen Geiseln darstellen wollen, sind erhebliche Zweifel angesagt. Zu oft hat die PKK deutlich gemacht, dass sie sich durch solche Aktionen nicht einschüchtern lässt. Die deutsche Seite hatte sogar vor einem gewaltsamen Befreiungsversuch gewarnt, weil sie dadurch erhebliche Gefahren für das Leben der Geiseln befürchtete.
Die PKK hat einmal mehr aller Welt gezeigt, dass sie sehr wohl in der Lage ist, Menschen in ihre Gewalt zu bringen und dass damit der Südosten der Türkei für Reisende nicht zu empfehlen ist. Tatsächlich hatte das deutsche Auswärtige Amt sofort nach der Entführung seine Sicherheitshinweise korrigiert, weil es auf die veränderte Sicherheitslage reagieren musste.
Der aktuelle Sicherheitshinweis: „Von Reisen in die östlichen Provinzen der Türkei, insbesondere die Provinzen Hakkari, Sirnak, Mardin, Siirt, Van, Agri und Igdir wird dringend abgeraten. … Es besteht die Gefahr, dass Deutsche, insbesondere Individualreisende, in diesen Provinzen Opfer von Racheaktionen (Anschläge, Überfälle, Entführungen) durch PKK-Terroristen werden könnten.“
Aber auch die PKK kann die Entführung und anschließende Freilassung der Geiseln kaum als Sieg für sich verbuchen, auch wenn sie wieder einmal Macht demonstriert und dem Ruf der Türkei als angenehmes und sicheres Reiseland eine neue Schramme versetzt hat.
Der eigentliche Sieger sind allein die drei deutschen Bergsteiger, die die Geiselnahme offensichtlich weitgehend wohlbehalten überstanden haben und jetzt nach Deutschland zurückkehren können.
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