(openPR) Am Sonntag ist es zu neuen Massendemonstrationen – diesmal in Izmar - gegen die AKP und ihre politischen Pläne gekommen. In der am Samstag, 12. Mai 2007 erschienenen Ausgabe der Aktuellen Türkei Rundschau beschäftigte sich der Chefredakteur Jürgen P. Fuß mit der aktuellen Situation in der Türkei. Nachstehend seine Sicht der Dinge, die als Kommentar in der ATR erschienen ist.
WIRTSCHAFTLICHER AUFSCHWUNG? – NICHT WIRKLICH!
Sicherlich kennen Sie auch den so häufig zitierten Satz von Berthold Brecht «Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.» An diesen Satz fühle ich mich in den letzten Tagen immer wieder erinnert, wenn ich die Situation in der Türkei im Mai 2007 betrachte. «Stell dir vor, es ist wirtschaftlicher Aufschwung, und die meisten spüren nichts davon.» Natürlich boomt es für türkische Verhältnisse in einigen (wenigen) Regionen der Türkei. Das will ich gerne bestätigen, aber ist dies der Wohlstand für breite Kreise, den uns die noch regierende AKP gerne vermitteln möchte?
Erlauben Sie mir, diese Frage mit einem klaren Nein zu beantworten. Natürlich gibt es Menschen, die in einem Industriebetrieb arbeiten und dort ein halbwegs ausreichendes Einkommen erzielen. Aber nach wie vor arbeiten viele - insbesondere junge Menschen, die sich eine Zukunft aufbauen wollen - in der Touristikbranche und hoffen dort auf ein einträgliches Auskommen.
Doch die Saison währt nur einige Monate im Jahre - entgegen allen Planungen der Offiziellen - und danach ist wieder Arbeitslosigkeit angesagt. Sie taucht nicht in den offiziellen Statistiken auf, weil die Betroffenen entweder keinen Sinn daran sehen, sich als Arbeitslose registrieren zu lassen (ein Job oder wirksame finanzielle Leistungen sind ohnehin nicht zu erwarten) oder sie verzichten aus einem ganz anderen Grund darauf.
Sie waren nämlich in einem nicht registrierten - also illegalen Arbeitsverhältnis – beschäftigt. Das wussten sie, aber anstatt überhaupt keine Arbeit zu haben, haben sie nach dem Strohhalm gegriffen. Wer mag ihnen das verwehren? Auch wenn Wissenschaftler, Politiker und Gewerkschaftsfunktionäre dies nicht hören mögen, möchte ich meine Bewertung zu diesem Punkt deutlich machen.
Wer die Schattenwirtschaft in der Türkei massiv angeprangert, hat noch nicht die wahren Verhältnisse dieses Landes erfasst. Diese Schattenwirtschaft, bei der einfache manuelle Leistungen nicht überproportional mit staatlichen - sprich steuerlichen und sozialen Abgaben belastet werden - ist (immer noch) eine wichtige Grundlage dafür, dass viele Menschen in diesem Land überhaupt etwas Arbeit finden und überleben können!
POLITISCHE ALTERNATIVEN? – NICHT WIRKLICH!
Noch ein zweites Mal möchte ich den Satz von Berthold Brecht in einer modifizierten Form verwenden. «Stell dir vor, du kannst wählen, aber du hast keine echten Alternativen!» Genau so stellt sich für mich im Augenblick die politische Landschaft in der Türkei dar. Bei den Parteien, die in der kommenden Parlamentswahl kandidieren werden, können die türkischen Wähler zwischen nationalistisch, traditionell und mehr oder minder islamistisch wählen.
Eine wirkliche Alternative ist dies nicht! Wo ist die Partei, die sich zu einer modernen, weltoffenen Türkei mit Meinungsfreiheit und echter Religionsfreiheit bekennt. Die sich zu einer kooperativen Partnerschaft mit einem möglicherweise in Gründung befindlichen kurdischen Staat bekennen würde? Die für ein weitgehend bedingungsloses Zusammenwachsen der beiden Teile Zyperns eintreten würde?
Gibt es nicht! Kann es auch nicht geben, denn im Verständnis der (noch) herrschenden Schichten in der Türkei sind zu viele Dinge festgeschrieben, die einer Reform des Denkens im Geiste des 21. Jahrtausends im Wege stehen. Wem immer also der Wähler in der nächsten Wahl seine Stimme geben wird, am Ende ist es eine mehr oder minder nationalistische, traditionelle oder islamistische Kräftegruppe.
Wo bleibt da die Alternative?
Weitere interessante Informationen finden Sie in der neuesten Ausgabe der Aktuellen Türkei Rundschau. Sie steht seit
Samstag,. 12.05.2007 auf der ATR-Homepage zur Verfügung:
www.atr-zeitung.com
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Jürgen P. Fuß
Mit-Herausgeber und Chefredakteur der ersten deutschsprachigen Print-Wochenzeitung
AKTUELLE TÜRKEI RUNDSCHAU »ATR«,
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