(openPR) Das bedeutendste Kunstwerk des Spätmittelalters, der Genter Altar von Jan van Eyck, verweist gleich mehrfach auf eine Kirche aus der Zeit der Kreuzzüge und scheint in der Komposition der Mitteltafeln sogar deren Grundriss wiederzugeben. In seinem zum 6.5.2007 anlässlich des 575. Jahrestags der Altarweihe erscheinenden Buch „Das Rätsel des Lammes“ liefert der deutsche Autor Klaus Schröer eine ganze Palette von Indizien für diese völlig neue These.
SPERRFRIST: Samstag, 2007/05/05
Ausgangspunkt seiner fast zehnjährigen Untersuchung waren eine Reihe von Ungereimtheiten im Genter Altar, die Kunsthistoriker schon im 20. Jahrhundert monierten. So störte vor allem die fehlende Darstellung der Architektur des Himmlischen Jerusalems mit seinen zwölf Toren, auf denen zwölf Engel sind (im Sinne der Offenbarung des Johannes, die das Meisterwerk zum Thema hat). Die Mitteltafeln zeigen nur die Dinge, die dort zu finden sind, nicht das Gebäude selbst. Der sogenannte Lebensbrunnen aber, ein älteres und kleineres Tafelbild, in dem viele Kunsthistoriker die einzig erhaltene Studie zum Genter Altar sehen, zeigt diese Architektur.
Im Genter Altar postierte van Eyck zwölf Engel zu den Seiten des Altartisches des Lammes, der ein mittelalterliches Symbol des Grabes Christi ist. Schröer kam auf die Idee, dass dies ein Rebus sein könnte, das ein zwölfeckiges Gebäude beschreibt, in dessen Mitte sich das Grab Christi befindet. Natürlich gibt es nur ein echtes Grab Christi in Jerusalem. Aber nach dem Verlust der Stadt im Jahr 1189 bauten die Kreuzritter einen speziellen Typus vieleckiger Kirchen, die das Heilige Grab symbolisch in sich trugen, da Pilgerreisen zum Original nicht mehr sicher waren.
Im Zuge einer umfassenden Recherche fand Schröer ein einziges solches Objekt mit zwölf Ecken: Die Kirche La Vera Cruz von 1208 im spanischen Segovia. Mit großer Verwunderung musste er feststellen, dass deren ungewöhnlicher Grundriss dem Aufbau und der Komposition der Mitteltafeln in so hohem Maße entspricht, dass dieser als Vorbild des Genter Altars in Betracht kommt. Zunächst an einen Zufall glaubend, entdeckte er weitere Hinweise auf die Kirche im Meisterwerk van Eycks. Das deplatzierte Wahre Kreuz neben dem Lamm, das eigentlich eine Darstellung Christi als Schmerzensmann notwendig gemacht hätte, heißt auf spanisch „La Vera Cruz“. Auch die je zwölf Bildfelder auf der Außen- und Innenseite des Altars scheinen auf die zwei ineinander verschachtelten Zwölfecke der Kirchenarchitektur anzuspielen.
Aber hatte Jan van Eyck überhaupt Gelegenheit, diese kleine spanische Kirche zu studieren? Es ist bekannt, dass er im Vorfeld der Schaffung des Genter Altars mehr als einmal Spanien bereist hat und Schröer fand einen stichhaltigen Beweis, dass er dabei auch die Grabkirche aufsuchte: Die erwähnte Tafel des Lebensbrunnens wurde erstmals 1454 als Besitz des Klosters Monasteria del Parral urkundlich erwähnt. Dieses liegt in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche La Vera Cruz.
Schröer gibt in seinem Buch auch einen möglichen Vorschlag zur Interpretation seiner Entdeckung. Er glaubt, dass die Verwendung des Grundrisses auf Philipp den Guten und dessen Frau Isabella von Portugal zurückgeht. Der Kirchengrundriss könnte als Symbol für deren Kreuzzugspläne und konkrete Interessen in Kastilien gedient haben. Er hält aber auch spektakulärere Lesarten Arten für denkbar und lädt den Leser mit einer Materialsammlung am Ende des Buches dazu ein, sich selbst an der Interpretation der Entdeckung zu beteiligen.
Das Rätsel des Lammes
Der Genter Altar und sein Geheimnis
von Klaus Schröer
Hardcover, 172 Seiten, 87 Abb.
MV-Verlag, Münster
ISBN 978-3-86582-476-9
EUR 26,50
Journalisten, die genaueres über die Geschichte erfahren möchten oder weiteres Bildmaterial benötigen, finden dieses unter http://www.klaus-schroeer.com/download-counter/count.php?id=71













