(openPR) Eröffnung am 05. Mai 2023, 19 Uhr
Ausstellungsdauer bis 29. Juni 2023
Der Düsseldorfer Schweizer Maler Stefan à Wengen (*1964 in Basel) nennt seine dritte Ausstellung in der Galerie Bernhard Knaus Fine Art in Frankfurt a.M. „Relics“.
Der Künstler verwendet für seine Shows gerne englische Ausstellungstitel, da sie ihn an frühere Zeiten erinnern, in denen Musik noch konstituierende Grundgeräusche waren und womöglich noch heute ein Versprechen enthalten. Und da die englische Songsprache in jenen jugendlichen Zeiten noch nicht gänzlich verständlich war, erschien sie deswegen gerade umso geheimnisvoller, über die Musik jedoch wiederum umso verständlicher.
Zudem wohnt dem englischen Wort „Relic“ eine Doppelbedeutung inne, deren jeweiliger Gegensinn à Wengen stets sehr interessiert. „Relic“ heißt demgemäß sowohl Reliquie wie auch gleichzeitig Relikt.
Die Etymologie des Deutschen versteht das Wort Relikt als Bezeichnung für eine Restform, einen Rückstand, etwas Zurück- oder Übriggelassenes, ein Überbleibsel einer vergangenen Zeit. Eine Reliquie hinwiederum wird dort als religiöse Verehrung eines ausgesetzten körperlichen Überrests eines Heiligen oder ein von ihm stammender Gegenstand definiert. Mithin ebenso ein Rudiment, das jedoch auch eine aufgeladene Besonderheit darstellt.
Dementsprechend hat auch das, was Künstler „zurücklassen“ etwas Reliquienhaftes. Dabei sind es vielmehr jene Künstlerinnen und Künstler, die ihr Leben für die Kunst opfern, deren Hinterlassenschaft daher viel mehr Reliquie sein müsste, als jene der Kunstmarktstars, die man gar nicht mehr diskutiert, sondern nur noch adoriert.
„Detected Dictionary“ indes nennt à Wengen sein 2014 begonnenes und ins Unendliche weitergeführte Projekt eines sogenanntes Wörterbuchs, in dem die Unerreichbarkeit des Anspruchs auf Vollständigkeit gleich miteingeschrieben ist. Die ausschließlich in Schwarzweiß gehaltenen kleinen Malereien, ob als Figuration, Abstraktion oder gleich als Wortbild, beziehen sich dadurch explizit auf die Schriftsprache. Sie sind wie kleine, moderne
Reliquien, da sie in der Perspektive der Unendlichkeit geschaffen werden, wie etwa das Heiligenbild, das selbst Unendlichkeit darstellen will.
Auch die drei Schädel „Homo Helveticus“ aus Staub haben etwas Reliquien-, zumindest etwas Fetischhaftes. Aus Staub entstanden wir, zu Staub werden wir, daher sind diese Objekte ein wahrhaft explizites, wenngleich auch augenzwinkerndes Selbstporträt des Künstlers. Staub ist jene Materie, die nun tatsächlich „abfällt“.
Er besteht aus Partikeln der Umwelt, des eigenen Körpers oder sogar aus dem Weltall. Staub ist allgegenwärtig und wird stets zusammengekehrt oder in den jeweiligen Staubsaugern angesammelt. Der Künstler friert „seinen abgefallenen“ Staub zunächst mindestens eine Woche ein, um Bakterien abzutöten, um ihn danach mit einem Bindemittel in eine Negativform zu pressen und diese dann auszustopfen. Augenscheinlich dabei ist, dass der eine Schädel eine dunklere Farbe aufweist als die anderen. Diese differierende Färbung liegt daran, dass der Künstler den Staub
gesammelt hat, der unmittelbar nach dem Zeichnen einiger großformatiger Kohlebilder abgefallen ist und der sich mit dem Reststaub in à Wengens Atelier vermischt hat. So sind die Schädel gleichzeitig Reliquien wie eben auch Relikte in denen die Zeit buchstäblich eingeschrieben ist.
Die beiden in diesem Jahr geschaffenen Kohlebilder „Personal Queen I“ und „Personal Queen II“ (beide 2023) sind Abbildungen von Quallen, auch Medusen genannt. Ihre Tentakel sind gefürchtet, sowie wohl auch der Schlangenkopf der Medusa. Gleichzeitig sind sie wunderschöne, königinnengleiche Erscheinungen, deren langfädigen Fangarme ebenso einen Vorhang darstellen können, der gleichzeitig auch etwas zu verschleiern scheint. Wie bei einer
Königin mit langer Schleppe, sollte man auch ihnen nicht allzu nahe kommen.
Tatsächlich einen Vorhang zeigt à Wengens Gemälde „The Mission (in der Mitte der Nacht beginnt der neue Tag)“ (2015), der allerdings durch eine dichte, urwäldliche Blättergardine besticht und wie allenthalben im Dschungel das Wilde tatsächlich zu verbergen scheint. Dahinter wuchert Ungemach oder eben das Paradies, zumindest zeigt es eine sogenannte „Pastoral Landscape“ oder eine „Pastoral Scene“.
Auch präsentiert à Wengen erstmals eine Arbeit als Wandprojektion mit dem der Ausstellung leihenden Titel „Relics“, deren 200 Bilder in gewisser Weise ebenfalls „Rückstände“ oder besser „Überbleibsel“ sind. Sie weisen, alle für den Künstler eine Wesentlichkeit auf, weil sie, wie in etwa bei den Werken der Serie „Detected Dictionary“, sich auf das kollektive Gedächtnis, auf Kunstgeschichte und auf eigene Erinnerungen berufen. „Ich sammle Bilder, ich bin mit der sogenannten Pictures Generation groß geworden,“2 sagt der Künstler. „Ich sammle beispielsweise 100
Bilder eines Themas, das mich wirklich betrifft, mich einnimmt, wähle 10 aus, um eventuell 5 Zeichnungen oder Collagen davon zu machen, um daraus eventuell ein Bild zu malen“.3 Der Künstler gewährt uns also zum ersten Mal einen Einblick in seine gleichsam „zurückgelassenen“ Bilder, die jedoch eine wichtige Basis seines Werks darstellen.
Während alle Gemälde und Bilder, inklusive jenes der Bilderprojektion, gänzlich ohne Farben gehalten sind, gönnt uns der Künstler auf der Zwischenempore der Galerie bunte Bilder von Cowboys und von Schaukel- und Rolltieren mit realistisch gemalten Kühen, Zebras oder Pferden. Letztere beziehen sich auf seine erste Ausstellung in der Galerie Bernhard Knaus Fine Art und bezeugen zu guter Letzt auch eine gewisse Melancholie, die zuweilen ebenso in
der Sentimentalität innewohnt: Die Erinnerung nicht nur als Relikt oder gar als Form einer maniablen Reliquie wie vielleicht ein Talisman oder eben ein individuell kostbares Gemälde, sondern auch als kostbares, individuelles Gedächtnis.












