(openPR) „Splitter am Herzen“ erzählt eine Lebensgeschichte des 20. Jahrhunderts. Wolfgang wurde als Kind der Weimarer Zeit Deutschlands geboren, erlebte in der Jugend das Dritte Reich der Nazis, wurde im Krieg schwer verwundet und traumatisiert, fand jedoch trotzdem einen Neubeginn. Mit Pragmatismus und Wirtschaftswunder wurde er ein erfolgreicher Unternehmer. Historische Ereignisse und persönliche Erlebnisse hinterlassen ihre Spuren in Körper und Seele, die Splitter am Herzen. Und doch – oder gerade deshalb – wird ein erfülltes und erfolgreiches Leben daraus. Die vielen Splitter des Lebens ergeben eine Skulptur, charmant, schroff, verletzend, zupackend, optimistisch, verlässlich und voller Energie und Ideen. Die Romanbiografie eines Überlebenden. Ein exemplarisches „Schicksal“ macht die Lebensumstände einer Generation greifbar.
Als Kind nahm er manchmal meine kleine Hand und ließ sie über die Narbe an seiner Wange streichen. Mein Erstaunen, als er sagte, da sei noch ein Splitter drin.
Er erzählte nicht wirklich, was passiert war. Aus dem Krieg war alles, was er dazu sagte. Es war ein Teil meiner Bewunderung als Kind, eine Besonderheit, die ihn unverwechselbar machte. Aber auch ein Teil der Geheimnisse, die ihn umgaben. Er erzählte nie viel von sich selbst. Nimbus der Unnahbarkeit. Die Geste der Zärtlichkeit mit seinem kleinen Sohn war wohl alles, was er zulassen konnte.
Fürsorge ja, denn er regelte alles, was sich regeln liess. Organisierte, machte seinen Einfluss geltend, bügelte aus, bestimmte. Machte Angebote, zu denen ich kaum Nein sagen konnte. Zeitweise ein sehr angenehmes Sein für einen Sohn.
Wohl deshalb war es so ein Schock für ihn, dass ich ein ‚vernünftiges‘ Studium hinwarf und mich entschloß, meinen eigenen Weg mit der Fotografie zu finden, seine Vorbestimmung abstreifte, weil er in seiner Vorstellung das Beste gewollt hatte. Und zwar auch das pragmatisch Beste aus den Möglichkeiten, die sich boten. Ohne zu fragen, ob es da nicht noch andere Kriterien gäbe.
Ausgerechnet etwas ‚brotloses‘ wie Fotografie. Von Kunst ganz zu schweigen.
Immer wieder fragte er nach den Inhalten, den Methoden und der Struktur des Studiums, des Unterrichts. Ohne zu begreifen, dass das Loslassen des Vorbestimmten wesentlich für mich war. Wesentlich auch für eine Kunst, die das Konventionelle überwinden wollte. Bis er eines Tages, zwei Jahrzehnte später, vor einem meiner Bilder stand, die Abstraktion einer Architektur, und minutenlang schwieg, bevor er dann plötzlich leise sagte:
„Ich glaube, ich verstehe.“
In der Zeit davor hatten wir uns weit voneinander entfernt, weil jedes Gespräch entweder in Schweigen oder Streit mündete, weil wir unsere Welten nicht verstanden. Hier die bürgerliche Sicherheit einer Kleinstadt, dort der Versuch, eine Bestimmung zu finden.
Dieser unprätentiöse Satz, so wurde mir später klar, war das Tor aus seiner Welt! Ein Angebot! Der Versuch, das Bestimmbare zu verlassen, eine Öffnung zu dem, was man nicht beschreiben kann. Ein Zulassen dessen, was man nicht versteht. Eine Weiträumigkeit, ohne das Ziel zu kennen.
Hinter seinen Geheimnissen, unter der Fassade, lag vielleicht eine unerfüllte Sehnsucht. Er war der Pragmatiker, der immer eine Lösung, immer einen Kompromiss suchte, vielleicht auch suchen mußte, mit dem es weiterging. Und einer, der manches Mal gegen die Sehnsucht entschied, weil Sehnsucht nicht praktisch war, zu unklar, zu unbestimmt. Vielleicht manchmal auch unerfüllbar. Unter den Möglichkeiten, die ihm das Leben bot, wählte er oft jene, die am besten zu verwirklichen war. Wobei er doch oft nach seiner Intuition entschieden. Und dann war er unschlagbar bestimmt.
Ich wußte ja selbst nicht, wohin mich meine künstlerische Arbeit führen mochte. Das gehört sicherlich auch zum Wesen des inneren Drangs, nur eine Ahnung zu verspüren.
Nach diesem leisen Satz, dass er zu verstehen glaubte, entstand in mir die Frage, wer mein Vater war. Und ich wollte verstehen lernen, was ihn ausmachte, was er erlebt hatte. All die kleinen Anekdoten, die bei Familienfeiern amüsant kurz erzählt aber nie erklärt wurden.
Die Kriegserlebnisse, so oberflächlich erwähnt, dass sehr viel mehr zu vermuten war.
Und seine Sehnsucht, über die ich mir nie Gedanken gemacht hatte.
Ausgelöst von dieser Geste der Öffnung versuchte ich mehr von ihm zu erfahren. Gespräche, Interviews, Reisen in die Erinnerung wurden zum Mittelpunkt unserer Begegnungen. Bruchstücke eines Lebens im Zwanzigsten Jahrhundert.
Mit diesen Bruchstücken eine Geschichte schreiben, gewissermaßen die Vergangenheit neu entwerfen, es wie eine Nacherzählung erscheinen zu lassen, habe ich versucht.
Mit allen Erfindungen, Handlungsabläufen und Ereignissen in der Mischung mit persönlichen Tagebuchaufzeichnungen, Gesprächsnotizen, Briefen und Erinnerungen eine Erzählung zu schaffen, sozusagen die Erfindung der Wirklichkeit.
Geschichten, deren Schauplätze authentisch sind.
Geschichten, deren Grenzen zwischen Tatsache und Erfindung stets unsichtbar bleiben.









