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Vabalava 1. Theaterfreiheitsfestival in der Estnischen Stadt Narva

24.08.202109:57 UhrKunst & Kultur
Bild: Vabalava 1. Theaterfreiheitsfestival in der Estnischen Stadt Narva

(openPR) ... an der Grenze zweier unterschiedlicher Zivilisationen - die freie Welt endet in Narva und ist es einmal wieder der Ausgangspunkt der freien Welt", Märt Meos, Festivalkurator ...


(von Dieter Topp) Die Stiftung Vaba Lava (Open Space), Tallinn, Estland, wurde im Mai 2010 gegründet, um Möglichkeiten für etablierte und aufstrebende unabhängige Unternehmen in Estland zu bieten und darüber hinaus internationale Zusammenarbeit durch gemeinsame Projekte, Koproduktionen, Workshops und Seminare zu fördern. Daran beteiligt sind zurzeit neun unabhängige Theater- und Tanzkompanien. Ziel von Vaba Lava ist es, unabhängigen Unternehmen sowohl einen Raum für die Durchführung und Unterstützung von Dienstleistungen zu bieten als auch als Produktionszentrum und Brutstätte für neue experimentelle und unkonventionelle Arbeiten zu dienen.

Im Sommer 2021 veranstaltete das Vaba Lava Narva Theatre Center vom 17. bis 21. August das 1. Internationale Freiheitstheaterfestival in Narva, der östlichsten Stadt des Landes, direkt an der Grenze zu Russland. "Die Stadt Narva ist der richtige Ort, um ein internationales Festival mit diesem thematischen Schwerpunkt zu veranstalten - sie liegt an der Grenze zweier unterschiedlicher Zivilisationen - einerseits endet die freie Welt in Narva, andererseits ist es einmal wieder der Ausgangspunkt der freien Welt", so Märt Meos, Vaba Lava Managing Direktor und Festival Kurator.

Das Programm des Freedom Festivals Vabaduse bot kleinen Theater eine Plattform, speziell aus Ländern mit ernsthaften Problemen in Sachen Meinungsfreiheit und in denen Theatermacher in den letzten Jahren einer Zensur ausgesetzt waren, die die kreative Aktivität einschränkte. Dies ist nicht nur das Problem der östlichen Länder, sondern auch in Europa, wo die Zensur zunehmend die freie Schöpfung beeinträchtigt.


Ein Blick auf die im Programm vertretenen Theater zeigt deutlich, wie ernst und wahrhaftig den Veranstaltern eine Umsetzung gelang:

MEIN KAMPF (Powszechny Theater Warschau)
bot eine ungemein provokante antifaschistische Umsetzung des verbotenen Hitlerbuches, Regie: Jakub Skrzywanek

ROVEGAN (ARENA & REPLIKA, Rumänien)
demonstrierte das unbeschreibliche sozial-psychologische Elend von Wirtschaftsmigration, eine Geschichte armer rumänischer Frauen, die in Italien arbeiten (müssen) und daraus resultierende Auswirkungen von Vertreibung auf ihr Privatleben und das ihrer Familien, Regie: Catinca Draganescu

CHOW DOWN! (Co-Produktion von Theater Company «Zweite Aktion» (Russland) und steirischerherbst (Österreich)
eine surreale Inszenierung, die die Grenze zwischen Theater und zeitgenössischer Kunst überschreiten wollte, eine makabre Episode in der jüngeren Geschichte, als Russland sogenannte Gegensanktionen gegen Produkte aus der EU einführte, Regie: Andrei Stadnikov

KANTGRAD (Theatre.Doc, Russland)
Siedler aus der sowjetischen «Großen Erde» waren hier als «Eroberer», aber gleichzeitig blieben sie selbst Opfer, Geiseln der großen Staatspolitik. Das ergab eine anthropologisch einzigartige Situation, als diejenigen, die gerade Feinde waren, diejenigen, die den Ersten Weltkrieg gewonnen hatten und diejenigen, die im Krieg verloren hatten, unter den Bedingungen der Zerrüttung und des Hungers nach dem Krieg zusammenleben oder überleben sollten, Regie: Anastasia Patlay

SACRA HUNGARICA (Theater Studio K, Ungarn)
Wie spiegelt unsere moderne Gesellschaft die Fragen des Nationalitätsbegriffs wider? Setzt diese Moderne das auf Traditionen aufbauende Wertesystem außer Kraft oder ist unsere Gegenwart im Gegenteil vom Gegenteil geprägt? Sind Begriffe wie Patriotismus, Landesverrat, Landesverteidigung sowie zivile und nationale Verantwortung noch gültig? Diese Show lieferte explizit eine überhöhte, grausame Darstellung von Populismus, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und Vorurteilen übelster Art, die in Ungarn einerseits durch Dummheit und andererseits Machtgier entfacht wird.

Menschenrechte und europäische Werte gelten nicht mehr, Regie: Andras Urban


INVISIBLE FAMILIES (Theater Filomela, Russland)
Die Produktion basierte auf Interviews mit russischen LGBT-Familien heute während des Verbots der sogenannten homosexuellen Propaganda, die die Meinungs- und Versammlungsfreiheit von LGBT-Organisationen stark einschränkt, die gleichgeschlechtliche Familien verbietet, insbesondere die Anwesenheit von Kindern in solchen Familien. Durch diese Änderung besteht die Gefahr, dass gleichgeschlechtlichen Familien ihre Kinder weggenommen werden, wenn die Lebensweise der Eltern der einer traditionellen Familie "widerspricht", Regie: Zenja Muha

ERROR 403 (Vabalava Theater Center, Estland, BFT Großbritanien)
ein von Nicolai Halezin selbst geschriebenes Stück über das erste dokumentierte Opfer der Revolution in Weißrussland, Alexander Taraikovsky, der bei einem Massenprotest starb, der nach der manipulierten Präsidentschaftswahl am 10. August letzten Jahres begann. …

Das vor 15 Jahren gegründete Halezin Theatre (Belarus Free Theatre, BFT), derzeit aus politischen Gründen in London ansässig, wählt seine Produktionen nach drei Prinzipien aus: soziale Gerechtigkeit, verbotene Themen und Menschenrechtsverletzungen. "Unser Ansatz ist eng mit dem investigativen Journalismus verbunden", steht auf der BFT-Website:. Text, Dramaturgie: Nicolai Halezin (UK - Belarus), Regie Nicolai Halezin und Natalia Kaliada (UK - Belarus)

SOMEONE FROM KGB (Theaterzentrum VabaLava und Estnisches Nationalmuseum)
Der KGB verschwand, aber die Leute, die dort arbeiteten, blieben. Sie hatten lange Zeit der Sowjetunion gedient und dort eine Sonderstellung erlangt. Und dann fanden sie sich plötzlich in einer ganz anderen Welt wieder. Das Schicksal der baltischen KGB-Agenten war vielfältig. Manche wanderten aus, manche begannen, mit den Sonderdiensten des neuen Staates zusammenzuarbeiten, manche brachten sich um. Diejenigen, die überlebt haben, sind jetzt ziemlich alt. Einige von ihnen verbergen ihre Vergangenheit und andere sind im Gegenteil stolz darauf. Regie: Dmitri Jegorov (RUS), Texte: Danila Privalov (RUS); Andres Popov (EST); Alexandr Spilevoj (LT); Dan Jersov (EST)

PEOPLE AND NUMBERS (Vaba Lava Produktion, Tallinn)
Was sagen Statistiken aus, wer sind die Menschen hinter den Zahlen. Zahlen sind anonym, Menschen, über die Aussagen getroffen werden, ebenfalls. Ein opulentes Eigenheim, eine Mietwohnung, ... hier wird der Betrachter vor Ort, direkt, mit der realen Umgebung realer Menschen konfrontiert. Ein sehr erfolgreiches Projekt in Estland. Wäre es in Deutschland, Österreich, Belgien oder den Niederlanden machbar, wo die Privatsphäre aller ihr wertvollstes Eigentum ist? Eine Vaba Lava Produktion aus Tallinn macht Station in Narva und versuchte auch dort eine neue, eigene Art von Theater.

Im Film BAD ROADS von Natalya Vorozhbit, Ukraine, wurden Kurzgeschichten während des Krieges entlang der Straßen des Donbass gezeigt: "Es gibt keine sicheren Räume und niemand kann verstehen, was gerade vor sich geht. Auch wenn sie im Chaos gefangen sind, schaffen es einige, Autorität über andere auszuüben. Aber in dieser Welt, in der das Morgen vielleicht nie kommen wird, sind nicht alle wehrlos und elend - und selbst die unschuldigsten Opfer können die Verantwortung übernehmen." …
Eine zutiefst beeindruckende Arbeit nach Erzählungen über das Leben im Krieg von Natalia Vorozhbyt.

Gesprächsrunden und Diskussionen ergänzten täglich das Theatergeschehen und lieferten darüber hinaus fundierte Hintergrundinformationen zu diversen Problemen in den jeweiligen Ländern, eine Reihung, die besser und hautnäher, konkreter und konzentrierter bislang nicht live erfahrbar war.

Ukraine und Weißrussland
Nikolai Khalezin und Natalia Koliada (Leiter des Freien Theaters von Weißrussland, Weißrussland, im Exil in Großbritanien) ließen tief in die belarussische Realität eintauchen. Es erschreckt diese Art von Hoffnungslosigkeit auf der einen Seite und die Macht der Untergrund Emigranten auf der anderen Seite.

Wertvolle Informationen zur freien, unabhängigen Theaterszene in Kiyv gab Jaroslava Kravtsenko (Intendantin des Theaters Dikii, Ukraine).

Polen und Ungarn
Pawel Sztarbowski (Powszechny Theater, Polen) und Beata Barda (Theaterleiterin des Trafo Zentrums, Hungary) beschrieben die teilweise kongruenten Vorgehensweisen gegen Demokratie und Freiheit in den beiden EU-Staaten.

Zentralasien
Olzas Zanaidarov (Leiter des Festivals DramaKZ, Kasachstan) steuerte ein Szenarium aus Kasachstan bei.

Besonderer Dank sei gesagt an Irina Bharat (Leiterin des Privattheaters ILHOM, Usbekistan) vom einzigen Nichtregierungstheater für ihre offenen Worte zur usbekischen Situation

Thema Russland
im Rahmen des Vabalava Freedom Festivals ergab ein offenes und informatives Gespräch für diejenigen, die mehr über die heutige Situation zu Freiheit und Zensur des russischen Theaters erfahren wollten, unter Beteiligung der absoluten Spezialisten: Jelena Kovalskaja (Meyerhold Center, Moskau), Marina Davodova (Theaterproduzentin und Kritikerin, Russland ) und Marina Dmitrevskaja (Theaterkritikerin und Dozentin, St. Petersburg) nebst Marius Ivaskevicius (Regiesseur, Litauen).

Vabalava legte mit der ersten Festivalausgabe zum Thema Freiheit die Messlatte bereits sehr hoch an. Erwartungen an die Zukunft eines derartigen und einzigartigen Festivals stehen im Raum. Dies bedeutet nicht nur die Hoffnung auf eine Fortsetzung von Vabaduse, in Narva, dem Schnittpunkt zwischen Ost und West, Europa und den Nachbarn. Da wird die Forderung wach, in den Anstrengungen nicht nachzulassen, in der Welt des Theaters die kostbaren und sehr fragilen Werte von Demokratie und Freiheit aufzuzeigen, besonders dann, wenn diese abhanden gekommen sind, entwendet wurden von Menschen, denen lediglich die eigene Macht und die ihrer Adlaten das einzige Ziel darstellen.



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