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"Die Zahnmedizin darf nicht der Appendix der Medizin werden"

15.10.202008:26 UhrGesundheit & Medizin
Bild: "Die Zahnmedizin darf nicht der Appendix der Medizin werden"

(openPR) Im Rahmen der 5. PRAEVENIRE-Gesundheitstage am Montag, 12. Oktober, im Stift Seitenstetten, proklamierten Zahnmediziner aus allen Fachbereichen, das Anrecht der österreichischen Bevölkerung auf die beste und effizienteste zahnärztliche Versorgung. Den Anfang machte die Zahnmedizin, die in Kooperation mit der Tageszeitung "Die Presse" und dem "Periskop" die "Zahngesundheit 2030" zum Thema machte. Dazu wurde die PRAEVENIRE Initiative Gesundheit 2030 ins Leben gerufen, die "den Patienten im Mittelpunkt" aller Bemühungen sieht!



Was eigentlich selbstverständlich anmutet, scheitert immer öfter an verkrusteten Strukturen, Bürokratie, Kompetenz- und Entscheidungsproblemen, fehlenden Zuständigkeiten und mangelnder Zukunftsorientiertheit aller verantwortlichen Institutionen, wie der praktische Arzt, Zahnarzt und Facharzt für Mund-,Kiefer- und Gesichtschirurgie und Autor des kritischen Buches "Zahn um Zahn", DDr. Gerald Jahl, auch in seinen Beiträgen zur Diskussion in Seitenstetten betont.

Er führt aus: "Es scheint so, dass die Zahnmedizin, als wichtiger Teilaspekt der gesamten Medizin, jetzt in der Coronazeit, und gerade mitten in der zweiten Welle, leider bewiesen hat, dass sie mittlerweile anscheinend absolut keine gesundheitspolitische und medizinische Kompetenz mehr hat. Weder die Zahnärzte werden seitens der Standesvertretung zum aktuellen Geschehen ausreichend informiert, geschweige denn die teilweise verunsicherten Patienten. Und wenn man schon auf die vielen Zahnärzte in Österreich gänzlich vergessen mag, kann und darf es aber nicht sein, die Patienten beispielsweise zum aktuell wichtigen Thema 'Zahnarzt, Aerosol und Corona' richtig und nachhaltig zu informieren. Während die Allgemeinmediziner in der Pandemie durch ihre Vertretung der Ärztekammer täglich viele und aktuelle Informationen und Handlungs- und Verhaltensempfehlungen zum aktuellen Corona-Geschehen erhalten haben, gab es für die Zahnmediziner seit vielen Wochen gar keine diesbezügliche Information, fast keine Empfehlungen und keine Statements von offizieller Stelle. Ich warne daher davor, dass die Zahnmedizin zum Appendix, zum Blinddarm der Medizin verkommt, dass sich die Zahnmedizin immer mehr von der Medizin entfernt. Und es lässt sich darüber streiten, ob der Appendix wichtig ist oder eben doch unwichtig."

"Die gesundheitspolitische Kompetenz in der Zahnmedizin ist verloren gegangen"

Die kritischen Statements von DDr. Jahl waren aber wichtige Impulse für die dringend notwendige weitere Diskussion. "Die mittlerweile schon sehr lange Corona-Zeit war und ist leider ein Trauerspiel von Seiten der gesamten Zahnmedizin. Begonnen hat das alles allerdings bereits vor über 20 Jahren, als die Zahnärzteschaft sich von der Ärztekammer trennte und damit anscheinend von der Medizin. Die Zahnmedizin lebt von seiner Vertretung nach außen. Einfach den Kopf in COVID-Zeiten in den Sand stecken, abwarten und gerade jetzt gänzlich ohne Vorbereitung in den epidemiologisch wichtigen Herbst zu gehen, das kann es nicht gewesen sein", so DDr. Gerald Jahl.

Und weiter: "Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass die Innung der Glaser, Spengler und Dachdecker anscheinend mittlerweile mehr gesundheitspolitische Kompetenz hat als das öffentliche Auftreten der zahnärztlichen Standesvertretung gegenüber ihren Mitgliedern und den oft auch schon verunsicherten Patienten. Die Zahnmedizin muss sich im Rahmen der gesundheitlichen gesamtstaatlichen und landespolitischen Organisation punkto COVID-19 mehr einbringen. Eine einzige APA-Aussendung vom 14. August 2020, dass die Hygienestandards in den österreichischen Zahnarztordinationen zu den Besten der Welt gehören, ist vielleicht doch zu wenig. Wir haben uns durch eigenes Verschulden von der Medizin entfernt und mittlerweile fast zur Gänze abgenabelt."

"Zahngesundheit 2030"- damit Patienten die beste und effizienteste zahnmedizinische Versorgung erhalten

Auf Empfehlung des stellvertretenden leitenden Zahnarztes der ÖGK, Prim. DDr. Franz Schuster, hat PRAEVENIRE dank des Präsidenten Hans-Jörg Schelling ab sofort nun auch die Zahngesundheit in ihre Agenda aufgenommen. Es sollen Handlungsempfehlungen für die Gesundheitspolitik auf Bundes- und Landesebene entworfen werden, um der Bevölkerung auch 2030 ein modernes, leistungsfähiges Gesundheitssystem zu garantieren.

Im Rahmen des Gipfelgespräches wurden hochrangige Vertreter der Zahnmedizin angefragt, um wichtige Themengebiete vertiefend zu diskutieren. Die eingeladenen hochrangigen Teilnehmer von der Zahnärztekammer, von den Universitäten Wien und Krems und vom zahnärztlichen Interessensverband ließen sich leider entschuldigen, aber wurden leider auch nicht durch andere Personen vertreten, was die zeitnahe Umsetzung des wichtigen gesundheitspolitischen Projekts "Zahngesundheit 2030" nun wahrscheinlich eher verzögern und erschweren wird.

Dass etwas geschehen muss, zeigt folgendes Beispiel. DDr. Jahl erzählt: "Ein Mensch, der einen Unfall erleidet, durch zum Beispiel einen Sturz auf das Gesicht, bemerkt, dass zwei vorher gesunde Frontzähne sich nun deutlich bewegen. Der Betroffene sucht deshalb rasch und naheliegend einen Zahnarzt auf, der ihm dann erklären muss, dass es für die Erste Hilfe, also die Befestigung und notwendige Schienung der Zähne, keinen Anspruch über seine Krankenkassa gibt. Offiziell muss der Patient das privat bezahlen, weil es keine Position im Krankenkassenvertrag dafür gibt. Diese Beispiel zeigt, dass etwas passieren muss in Österreich, damit Patienten effiziente und bestmögliche Therapie erhalten können."

Die Themen, die noch während des Gipfelgesprächs diskutiert und erörtert wurden:
* Wo steht die zahnmedizinische Versorgung heute und wo soll sie 2030 stehen?
* Wie definiert sich beste zahnmedizinische Versorgung und reicht dieser Qualitätsanspruch?
* Ist die Stärkung vorsorgemedizinischer Ansätze im Berufsfeld möglich?
* Braucht es ein Mehr an Qualitätskontrolle in der Zahnmedizin?
* Ist eine Modernisierung und Aktualisierung des Honorarkataloges der Krankenkassen erforderlich?
* Wie kann grenzüberschreitendem Patientenverkehr begegnet werden?
* Wird die Besetzung von Kassenplanstellen in der Zukunft zu einer Herausforderung für das System?
* Ist die universitäre Ausbildung ausreichend oder sollte es ein 2-jähriges Pflichtpraktikum geben?

Spätestens in einem Jahr soll in Seitenstetten das nächste Treffen stattfinden und damit wird es hoffentlich auch zukunftsweisende Entscheidungen im Sinne der Patienten geben.

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