(openPR) Ein Nachmittag im Schießhaus bietet Balletterlebnis der Sonderklasse
Vorausgeschickt: ich war kein glühender Bauhausanhänger. Nicht nur wegen des verpatzten Weimarer Museumsneubaus. Dass sich dieses seit Sonntag bei mir partiell änderte lag am „Theater der Klänge“ aus Düsseldorf. Doch der Reihe nach.
Es ist der rührigen Myriam Eichberger zu danken, dass es in Weimar eine Bach-Biennale gibt, welche sich im Kern dafür einsetzt, dass dieser temporäre Wohnort des genialen Komponisten endlich Würdigung und Anstammung erfährt. Das Konzept ist klar und stringent: Bach pur, gepaart mit sinnenfreudigen Genüssen. Keine elitäre Attitüde, aber Anspruch an die Künstler. Und partielle Ausblicke auf andere Genres, die eines garantieren: Qualität. Das wird gut angenommen, sowohl von Touristen als auch von Einheimischen, die sich in dieser festivalüberfluteten Stadt nicht nur nach politischer Agitation oder unausgereiften Experimenten sehnen, sondern ambitionierte Schönheit suchen. Das soll ja nicht immer verwerflich sein, und biedermeierliches Denken ist dem Bach-Biennale Team sowieso fremd.
Folgerichtig gab es bei dem Abschlusskonzert einen Mix, der Bach zwar huldigte, aber nicht zentrierte. Zunächst spielte das vortreffliche junge Ensemble „amor:atum“, geschmiedet von Hochschulabsolventen aus Köln, Leipzig, Jena, Frankfurt/M., Essen und Berlin unter Leitung von Gertrud Ohse eine furiose und entstaubte Fassung das 5. Brandenburgische Konzerts, welches durch Bernd Niedecken und Erika Rombaldoni und eine weitere Akteurin des „Theaters der Klänge“ als Barocktanz interpretiert wurde. Die weiche Traversflöte (Pia Scheibe) und das virtuos perlende Cembalo (Julia Chmielewska-Ulrich) waren Schmaus für die Ohren, die komplizierten und perfekt choreografierten Tanzschritte im restlos gefüllten Schießhaus (auch Bürgermeister Peter Kleine ließ es sich nicht nehmen, die Veranstaltung zu genießen) die optisch hochwertige Entsprechung. Vor der Pause stellten sich dann vier Tänzer der Düsseldorfer Tanzgruppe der „Kunst der Fuge“ mit elektronisch verfremdeten Klängen und einer animierten Leinwand. Fließende Strukturen, angedeutete Pas de deux und Konzentration auf die körperliche Bewegung deuteten schon eindrucksvoll die Intensität an, welche im zweiten Teil des späten Nachmittags folgen sollte.
Denn der geriet zu einer der besten, intelligentesten und multimedial überwältigenden Ballettproduktionen, die ich je gesehen habe (und ich bin da immer noch mit „La Fura dels Baus“ oder Nacho Duato durchaus kunstfestverwöhnt). Das sechsköpfige Tänzerteam widmet sich mit dem „Lackballett“ einer Schaffensphase von Oskar Schlemmer, die weitestgehend unbekannt, eine weitere Facette dieses Künstlers zeigte.
Kurzer Exkurs: Oskar Schlemmer durfte nach der Machtergreifung durch die Nazis weder öffentlich lehren noch schaffen, da seine Kunst als „entartet“ galt. Es ist dem Großindustriellen Dr. Kurt Herberts zu danken, dass er Schlemmer in seiner letzten Lebensphase mit seinem experimentellen Malstudio, das seiner Wuppertaler Lackfabrik zugeordnet war, unter seine finanziellen Fittiche nahm. (Damals förderten die gutsituierten Unternehmer eben noch Künstler statt Fußballer ...)
Schlemmer wiederum hatte dadurch die Möglichkeit, mit diesen Lacken Bilder zu schaffen, die von seiner sonst gegenständliche Malerei abwichen, und das Farbspektrum des Künstlers ebenso sinnlich wie abstrakt widerspiegelten. Zudem war Schlemmer dem Ballett zugeneigt, und sprengte schon damals mit seinem Bühnenschaffen die klassisch tradierte Form mit Elementen von Volkstanz, Archaik und bildender Kunst.
Das „Theater der Klänge“ (Künstlerische Leitung: Jörg U. Lensing) übersetzt seine Intentionen kongenial mit multimedialen Mitteln. Die schwarzgewandeten Tänzer agieren mit farbigen Tüchern, fächerartigen Objekten, Metallkugelkonstruktionen und sinnfälligen Überwurf-Kostümen. Diese werden durch einen Videokünstler durch unterschiedliche Übertragungen auf die Leinwand projiziert. Diese beständige Interaktion schafft punktgenau und sehr konzentriert Hintergründe, welche den Schlemmerbildern ähneln oder entsprechen. Durch die treibende, sich boleroartig steigernde elektronische Interpretation eines Stücks von Georg Friedrich Händel entsteht ein rhythmischer Sog und Farbrausch, der schließlich nach einer Stunde in einem faszinierenden, und sinnlich betörenden Schlussbild endet. Zwischendurch bringt eine Tänzerin durch Zitate Schlemmers sprachlich eingängig und einfallsreich, auch die Denkart des Malers in das Bühnengeschehen ein.
In vollendet choreografierten Abschnitten (Choreographie: Jacqueline Fischer) entsteht so ein Panoptikum moderner Kunst, welches ebenso emotional wie genreübergreifend die freiheitliche Idee des Bauhauses nahebringt. Anders spekuliert: Wären Schlemmer die heutigen Medien zugänglich gewesen, hätte er sicher diese Form gefunden.
Zum Schluss Standing ovations und tosender Applaus in dem wunderbaren Ambiente des Schießhauses. Ein Höhepunkt im Veranstaltungsreigen der Stadt und eine Produktion, die Bauhaus-Ehrungen Weimars in einer Wiederholung sehr gut anstehen würde.
Bravissimo!
Die nächste Bach-Biennale findet unter dem Motto „Bach natürlich“ vom 6.-11. Juli 2021 statt.
Matthias Huth











