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Hinter den Kulissen des Karnevals: die Kunst des Jacques Tilly

(openPR) Eine weitläufige Industriehalle im Düsseldorfer Süden. Es ist laut, Radiomusik läuft, die Luft ist staubig. Auf dem Boden eine Sinfonie in Farbe: Pötte und Eimer, Pinsel und Quasten und das wichtigste Malerwerkzeug für den großflächigen Farbauftrag: die Spritzpistole. An der Wand hängen Skateboards und Roller, so kommt man schneller von A nach B. Denn eins ist hier wirklich knapp: die Zeit. An einer Wand ein farbenfrohes, handgemaltes Schild: „Gemeinsam jeck“, das Motto des diesjährigen Karnevals. Team-Managerin Laura Thorenz führt durch die Wagenbauhalle von Jacques Tilly. Rund 20 Menschen, Studenten, Künstler, Illustratoren, arbeiten hier emsig auf den einen, großen Tag hin, an dem endlich „der Zoch kütt“: Rosenmontag. Heinz-Richard Heinemann ist angetan: „Das ist ja eine kreative Idylle hier. Diese farbenfrohe Üppigkeit, da sehe ich Parallelen zu meiner Konditorei.“



Unter Hochdruck – Wagen für den Rosenmontagszug

Laura Thorenz erläutert, dass in dieser Halle der Prinzenwagen und einige Firmenwagen stehen. Eine Besonderheit des Düsseldorfer Umzugs ist es, dass Unternehmen für sich werben können. „Wenn die Wagen an den Kamerastationen vorbeifahren, werden die Logos jedoch abgehängt.“ Die politischen Mottowagen sind in einer anderen Halle – und noch streng geheim. Ein Schild weist humorvoll aber klar darauf hin, dass das Betreten verboten ist. Auf dem Boden entdecken wir ein weiteres, selbstgemaltes Schild: „Noch 10 Tage bis Rosenmontag“.
Wie werden die Wagen in so kurzer Zeit gebaut? Laura Thorenz: „Die Basis der größeren Wagen bildet ein Holzgerüst, darauf wird mit Folie das Motiv appliziert, dann werden die Formen aus Draht geformt und mit Papier verkleidet. Die Masse, die alles zusammenhält, ist eine Mischung aus Wasser, Knochenleim und Kreide, warm aufgetragen. Dann kommt die Farbe ins Spiel.“ Ein bisschen also wie die Pappmachéarbeit früher in der Schule, nur professioneller und in deutlich größeren Dimensionen. Weiter drüben malt eine junge Frau das Gesicht von Jan Wellem nach einer Vorlage auf einen Wagen. Ein junger Illustrator sprüht großflächig rote Farbe aus einer Farbpistole auf. Dahinter sehen wir Skulpturen mit Wahrzeichen der rheinischen Städte Düsseldorf, Mönchengladbach, Neuss und Krefeld. Heinz-Richard Heinemann posiert vor Mönchengladbach: „Jawoll, hier kommen wir her!“

Jacques Tilly – Mastermind des politischen Karnevals

Aus der geheimen Wagenbauhalle heraus tritt jetzt Jacques Tilly und heißt uns willkommen. Auf seinem roten Overall und an seinen Händen sind die Spuren seiner Arbeit zu sehen. Trotz seines Zeitdrucks freut er sich über den Besuch. Wir betreten die „VIP-Lounge“, ein mit einem schwarzen Vorhang improvisiert abgetrennter Bereich mit ein paar Sitzgelegenheiten und verstreutem kreativem Chaos.
Wie kein anderer prägt Jacques Tilly seit Jahren den Düsseldorfer Karnevalszug. Tilly ist der Mastermind des Düsseldorfer Narrentreibens und ein Meister der Satire. Er konzipiert und gestaltet die politischen Mottowagen. Jedes Jahr aufs neue produziert er Hingucker, Aufreger und Lacher. Ab Oktober eines jeden Jahres beherrscht der Karneval sein Atelier. Die Mottowagen werden meist unter enormen Zeitdruck produziert, schließlich nehmen sie Bezug auf das aktuelle Politikgeschehen.
Das knappste Zeitfenster für den Bau eines Mottowagens, berichtet er, war Samstagmorgen vor Rosenmontag. Hat er mit Hilfe seines Tilly-Teams geschafft. Er erinnert sich auch an den Moment, als Wullf überraschend zurücktrat und Gauck Bundespräsident wurde. Tillys Idee, über Nacht umgesetzt: ein Vogelnest, aus einem Ei schlüpft Gauck. Ob Angela Merkel, Donald Trump oder Institutionen wie die Kirche – keiner ist vor Tillys spitzer Feder sicher.

Narrenfreiheit – nicht nur zu Karneval

Heinz-Richard Heinemann liebt den Karneval von Kindheitstagen an. „Wenn man wie ich im Rheinland aufwächst, bekommt man den Karneval mitsamt der Narrenfreiheit doch in die Wiege gelegt“, meint er. Und diese gelte es schätzen und zu nutzen. Sich an Kaneval kreativ zu verkleiden, hat Heinemann schon immer begeistert. Die üblichen Kostüme sollten es aber nicht sein. „Als der Modeschöpfer Hanns Friedrichs noch lebte, kleidete er mich ein. Ich ging als Salatblatt oder als Möhre.“ Heinemann nimmt oft und gerne teil am Karneval. Ein Amt zu bekleiden interessierte ihn jedoch nie. „Der bekannte Düsseldorfer Karnevalspräsident Hermann Schmitz wollte mich immer als Prinz, aber ich habe mich dem erfolgreich entzogen.“
Jacques Tilly sieht das ähnlich. „Ich bin ein Hyper-Individualist, also kein Typ für Gruppenreisen. Ich muss immer meinen eigenen Weg gehen. Wenn ich mich verkleide, gehe ich auch nicht als Cowboy oder Indianer. Lieber als Wasserleiche oder als Krümelmonster.“ Und er ergänzt: „Meine Narrenfreiheit nehme ich übrigens auch außerhalb des Karnevals in Anspruch. Ich arbeite das ganze Jahr über im politisch-satirischen Bereich, unter anderem für Greenpeace. Für die habe ich anlässlich des G20-Gipfels 2017 Donald Trump als schreiendes Baby gezeigt, welches das Umweltabkommen zerreißt. Meine Arbeit bezeichne ich als 3-D-Satire.“
Die Anlagen zum Freidenker wurden bei Jacques Tilly in der Kindheit gelegt. Er und sein Bruder wuchsen antiautoritär auf, durften Wände und Treppenhäuser bunt bemalen. Die Eltern versuchten, die natürlichen Neigungen ihrer Kinder zu unterstützen. Der Bruder war technisch begabt, er bekam Bausätze zum Spielen und wurde Ingenieur. Tilly bekam bunte Farben und würde Künstler.

Überzeugungstäter – Arbeit als Genuss

Jacques Tilly Werk macht viel Arbeit, die auch in seine Freizeit hineinreicht. „Ich würde mich schon als Workaholic bezeichnen – manchmal zum Leidwesen meiner Familie. Aber meine Arbeit bedeutet für mich auch Freude und Erfüllung.“ Heinz-Richard Heinemann kann das verstehen: „Das habe ich auch schon immer so empfunden. Ich bin zwischen den Beinen meiner Eltern in der Konditorei aufgewachsen. Sie zu führen, war schon immer meine Lebensaufgabe. Als ich sie später übernahm, ließ man mir die Freiheit, meinen eigenen Weg zu finden. „Mach es für dich, nicht für uns“, sagten meine Eltern. Das hat mich immer motiviert, bis heute. Ich gehe jeden Tag durch die Backstube, treffe meine Mitarbeiter, die zum Teil schon Jahrzehnte dabei sind. Das ist wie in einer Familie. Die Arbeit macht mir einfach Freude.“
Wo bleibt bei aller Arbeit der Genuss? Spielt er eine Rolle, hat er einen Wert? Jacques Tilly: Mein Leben ist eigentlich nicht nach Genuss ausgerichtet.“ Er klingt ernst und kämpferisch, wenn er sagt: „Ich verfolge die Aufgabe, die ich habe: die Werte, für die ich stehe, klar und deutlich zu machen.“ Zeit mit der Familie genießen jedoch sowohl Tilly als auch Heinemann. Man ist sich einig: diese Momente sind wertvoll und ein besonderer Genuss. Nach kurzem Überlegen fällt Jacques Tilly doch noch etwas ein:
„Ein Laster gönne ich mir: Süßes! Am liebsten mag ich alles mit Schokolade. Marzipan liebe ich auch. Und Karamell.“ Heinz-Richard Heinemann lächelt: „Karamell ist auch mein Favorit. Dann bringe ich das nächste Mal mehr davon mit.“

Humor – das Salz in der Suppe

Kann ein Leben ohne Spaß und Satire gelingen? Heinz-Richard Heinemann findet: „Spaß muss sein, der bedeutet für mich Freude am Leben. Satire kann sein.“ Für Jacques Tilly ist das auch eine klare Sache. „Ohne Spaß und Satire würde doch das Salz in der Suppe fehlen. Wer sich mit Humor bewaffnet, ist praktisch unverwundbar. Wenn ich diesen Schutz nicht hätte, würde ich mir manche Dinge viel zu sehr zu Herzen nehmen. Aber bei mir wird alles in Humor gebadet und löst sich damit auf.“


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