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Pferde passen nicht ins Beuteschema des Wolfes

23.10.201811:59 UhrFreizeit, Buntes, Vermischtes
Bild: Pferde passen nicht ins Beuteschema des Wolfes
Wölfe leben im Familienverbund
Wölfe leben im Familienverbund

(openPR) Infoabend „Wölfe in Schleswig-Holstein“ auf Pferde- und Gästehof Rehedyk war mit über 50 Besuchern ausgebucht

St. Michaelisdonn, 23. Oktober 2018 – Am 12. Oktober 2018 fand auf dem Pferde- und Gästehof Rehedyk der Infoabend „Wölfe in Schleswig-Holstein“ statt. Das Interesse an diesem Thema war groß: Die Veranstaltung war bis auf den letzten Platz besetzt. Hofinhaberin und TGT Premium Pferdetrainerin Tanja Böttger hat drei Referenten eingeladen, um fachlich fundiert über die Wolfsrückkehr nach Deutschland und die Fokusthemen „Pferd und Wolf“ sowie „Hund und Wolf“ zu informieren.


Nachdem St. Michaelisdonns Bürgermeister Volker Nielsen einleitende Worte gesprochen und sein Verständnis für die Sorgen der Schäfer, die ihre Existenz durch den Wolf bedroht sähen, zum Ausdruck gebracht hatte, stellte Nielsen fest: „Es müssen in der EU und im Bund einheitlich für alle Bundesländer Regeln festgelegt werden, um den Umgang mit dem Wolf zu klären.“
Im folgenden Vortrag gab Jens Matzen, Koordinator Wolfsbetreuung Schleswig-Holstein, einen Überblick über die aktuelle Situation und erklärte das natürliche Verhalten des Wolfes. Matzen stellt klar: „Es spielt keine Rolle, ob wir für oder gegen den Wolf sind. Der Wolf steht unter strengem Artenschutz und wird hier heimisch bleiben. Er gehört hierher. Die Verantwortung liegt bei uns, mit dieser Situation rational und umsichtig umzugehen, um Konfliktpotenziale zu entschärfen. Dem Herdenschutz von Nutztieren kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu.“
Das dies möglich ist, zeigen zahlreiche Beispiele aus europäischen Nachbarländern und auch darüber hinaus, weiß Sabine Bengtsson, CEO von Perlenfänger – Naturtouren und Artenschutz, Schwerpunkt Wildpferde und Wölfe. „Es ist wichtig, dass wir über den Tellerrand schauen, von anderen Ländern lernen und sich mit ihnen austauschen, um mit dem Wolf zu leben. Unter anderem leben in Portugal Wölfe und Wildpferde seit jeher in denselben Gebieten. Das ist gar kein Problem. Und in puncto Herdenschutz mit Hunden haben sich dort beispielsweise die Cão de Castro Laboreiro bewährt. Wir müssen für Veränderungen offen sein.“, so Bengtsson.
Es wurde für die Besucher deutlich, dass Schafe und Ziegen durch Wolfszäune und Herdenschutzhunde geschützt werden sollten, dass aber für Pferde kaum eine Gefahr vom Wolf ausginge. Grundsätzlich wichtig für einen sicheren Umgang mit dem Pferd, ob in Gegenwart eines Wolfes, einer Plastiktüte oder beim Verladen, sei eine stabile Vertrauensbasis, die zwischen Pferd und Mensch bestehen müsse. Hierzu referierte Tanja Böttger. „Bei der traditionellen Pferdeausbildung wird Wert auf den bewussten Einsatz von Körpersprache und Tastsinn gelegt. Also die Verständigung, wie sie auch Pferde von Natur aus kennen. Wenn man diese Signale bei sich selber schult, sind sie auch beim Pferd sicher abrufbar – auch in schwierigen Situationen. Mein Pferd muss mir wirklich vertrauen, um sich von mir führen zu lassen. Das ist der Kern des Ganzen.“, bringt Böttger es auf den Punkt.
Abschließend stellte Hundetrainer und Verhaltensberater Sami El Ayachi die Möglichkeiten des Herdenschutzes durch entsprechende Hunderassen vor. Vielfach kämen diese schon sehr erfolgreich in Deutschland zum Einsatz. Ein weiterer Fokus seines Vortrages lag auf der Hund-Mensch-Beziehung. El Ayachi erklärt: „Der Hundebesitzer muss präsent sein – vor allem in den Augen des Hundes. Oft funktioniert die Kommunikation zwi-schen Mensch und Hund nicht problemlos, weil der Hund seinen Besitzer nur beachtet, wenn es gerade nichts Interessantes zu erkunden gibt. Mein Hund sollte gelernt haben, immer auf meine Körpersprache zu achten. Dafür muss ich mir jedoch meiner eigenen Körpersprache bewusst sein und sie gezielt einsetzen. Auch bei einer Wolfsbegegnung sollte der Mensch Präsenz zeigen, laut sein und Krach machen.“
Läuft einem ein Wolf beim Hundespaziergang über den Weg, sollte der eigene Vierbeiner angeleint und der direkte Blickkontakt zwischen Wolf und Hund vermieden werden. Zudem solle man sich ruhig auf den Rückweg begeben. Aus Rücksicht auf Wildtiere sollten Hunde nicht unangeleint durch den Wald stöbern – so kann auch vermieden werden, dass in entsprechenden Gebieten Wölfe den Hund für einen Eindringling in ihrem Revier halten.
Nach den informativen und faktenbasierten Vorträgen blieb Zeit für eine Frage- und Diskussionsrunde mit Besuchern und Referenten.

Zusammenfassend lässt sich mit Blick auf das Thema „Pferd und Wolf“ Folgendes fest-stellen (Quelle: Pferd und Wolf – Alte Bekannte oder neue Gefahr, Autorin: Wiebke Wendorff):

PFERDE
• Pferde sind genetisch auf die Anwesenheit von Beutegreifern „programmiert“ und, vor allem im stabilen Herdeverband, wehrhaft. Eine alters- und geschlechtsgemischte Herde bedeutet für Pferde einen natürlichen Schutz.
• Bei der Feindvermeidung spielen primär optische Reize eine Rolle – die Annahme, Pferde reagierten panisch bei Wolfswitterung, konnte in einem ent-sprechenden Versuch nicht bestätigt werden.
• Fohlen unter drei Monaten bedürfen dennoch eines besonderen Schutzes.
• Einbruchssichere Zäune bieten Schutz, damit weder wildernde Hunde noch wandernde Wölfe auf die Weide gelangen.
• Auch Herdenschutzhunde können u.U. beim Schutz von Pferdeherden zum Einsatz kommen.
• Esel sind zum Herdenschutz ungeeignet, da sie in Eselgesellschaft gehalten werden müssen (!) und auch nur die eigene Spezies verteidigen. Zudem kön-nen Esel aufgrund der Witterung und ihrer Anfälligkeit für Hufrehe nicht exten-siv gehalten werden.
• Mehreren Reiterberichten aus der Lausitz zufolge, wo der Wolf seit knapp 20 Jahren wieder heimisch ist, reagierten Pferde im Gelände beim Anblick des Wolfes höchstens mäßig interessiert, aber keinesfalls panisch. Die Wölfe nahmen in den verschiedenen Begegnungen mit Pferden und Reitern kaum Notiz von ihnen und zogen sich zurück.
• Seit Beginn der Wolfsrückkehr vor 20 Jahren hat es keinen nachgewiesenen Angriff von Wölfen auf Reitpferde in Deutschland gegeben. Weder auf der Weide. Noch im Gelände beim Ausritt.

WÖLFE
• Wölfe leben im Familienverbund: die Elterntiere mit ihren Welpen der letzten zwei Jahre – nach ca. zwei Jahren wandern die Jungwölfe ab.
o Die Wolfsfamilie umfasst zwischen zwei bis zehn Tiere. Es entstehen keine großen „Rudel“. Eine Überpopulation ist aufgrund natürlicher Selektion nicht zu befürchten.
• Der Wolf ist ein Opportunist und jagt Beutetiere, die er mit möglichst geringem Energieaufwand erlegen kann – als Risikovermeider geht er wehrhaften Tieren aus dem Weg.
o Pferde sind für Wölfe eine „unattraktive Beute“ – sie passen somit nicht ins Beuteschema des Wolfes.
• Die deutschen Wälder bieten genügend Nahrung (Reh, Hirsch, Wildschwein, Hasen etc.) für Wölfe.
o Reduziert sich die Beutetierdichte, nimmt auch die Wolfspopulation ab.
• Wenn der Wolf bei einer Begegnung in der Nähe bleibt, besteht kein Grund zur Sorge. Vor allem junge Wölfe sind neugierig. Es ist für sie nicht ungewöhnlich, nicht gleich die Flucht zu ergreifen, sondern die Begegnung mit Mensch (und Pferd) zu beäugen.

Wie verhält man sich bei einer Wolfsbegegnung?
• Ruhig bleiben. Das Pferd reagiert unsicher auf einen nervösen Reiter.
• Langsam weiterreiten und den Wolf im Auge behalten, falls er sich nicht zurückzieht.
• Wenn man in der Gruppe ausreitet, sollten sich die Reiter nebeneinander auf-stellen und „sich breit machen“.
• Niemals versuchen, Wölfe zu füttern! Sie können Menschen sonst mit Futter assoziieren – eine Situation, die für beide gefährlich werden kann.
• Die Wolfsbegegnung einem der für das Bundesland zuständigen Wolfsberater melden. Die Beobachtungen können für das Monitoring von Bedeutung sein.

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