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Arno Geiger ist Joseph-Breitbach-Preisträger 2018

08.10.201809:14 UhrKunst & Kultur
Bild: Arno Geiger ist Joseph-Breitbach-Preisträger 2018
In seiner Dankesrede stellte Arno Geiger seine Wortgewandtheit als Geschichtenerzähler unter Beweis
In seiner Dankesrede stellte Arno Geiger seine Wortgewandtheit als Geschichtenerzähler unter Beweis

(openPR) Koblenz. Der mit 50.000 Euro dotierte Joseph-Breitbach-Preis der Stiftung Joseph Breitbach und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz ging in diesem Jahr an den österreichischen Schriftsteller Arno Geiger. Die Preisübergabe erfolgte Ende September 2018 im Theater der Stadt Koblenz. Frederik Jäckel (Cello) und Rafael Klepsch (Klavier) gaben der Veranstaltung mit Stücken von Chopin, Tschaikowsky und dem Tango-Komponisten Carlos Gardel einen feierlichen Anstrich.


Arno Geiger (geb. 1968) wurde ausgezeichnet für sein literarisches Gesamtwerk, insbesondere für den in diesem Jahr vom Hanser-Verlag herausgegebenen, fast 500-seitigen Roman „Unter der Drachenwand“. Die Jury begründete ihre Entscheidung mit Geigers bewährter und wiederholt schriftstellerisch unter Beweis gestellter „Meisterschaft der Anverwandlung“, die „jetzt in dieser seismografischen Nachzeichnung der letzten Phase des Dritten Reichs und seiner Selbstzerstörung einen neuen Höhepunkt erreicht.“
In der am Abend vor der Preisverleihung in der Buchhandlung Reuffel in Koblenz angebotenen Lesung gab der Breitbach-Preisträger Kostproben aus „Unter der Drachenwand“ zum Besten und Einblicke in sein Leben und Wirken. Er wuchs auf in dem bäuerlich-katholischen dörflichen Milieu einer kleinen Gemeinde in Vorarlberg. An schriftstellerisches Tun traute er sich dort kaum zu denken. Im Leben sei er eher feige, im Schreiben aber nicht. Schließlich bewies der studierte Historiker Mut und wurde schon bald mit Auszeichnungen belohnt. Darunter bedeutende Literaturpreise wie der Deutsche Buchpreis (2005) und der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (2011). Geiger, der sich selbst als hoch reflektierten und belesenen Menschen bezeichnet, verriet dem Publikum, was ihn antrieb, über das Leben im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges zu schreiben. Es sollte kein Buch über den Krieg werden, sondern eines über Menschen in ihrem emotionalen Raum und vielleicht über die Wichtigkeit von sozialen Beziehungen. Aus der Zeit heraus wollte er schreiben, sie aus verschiedenen Perspektiven betrachten und ein vielschichtiges Bild entwerfen. Den Erzählstoff wob er aus den Eindrücken und Einsichten von tausenden von Briefen, die er am Wiener Naschmarkt erstanden und gelesen hatte. So entwarf er seine drei Protagonisten: Ein in Russland verwundeter Soldat, eine Wiener Lehrerin mit ihren aufs Land verschickten Mädchen und eine dem Untergang von Darmstadt entgangene junge Mutter mit ihrem Baby. Geigers Leseproben machten seine treffliche Formulierkunst innerhalb eines unkomplizierten Erzählstils deutlich. Die detailverliebt gezeichneten Bilder und die Fülle der Empfindungen waren berührend nachfühlbar.
Die große Kunst Geigers, „etwas mit den Augen anderer zu sehen, es sich zu eigen zu machen und zu beschreiben, als würde er in deren Haut stecken“ lobte auch der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Franz Haas. Er hielt am Tag nach der Lesung im Koblenzer Theater die Laudatio auf den Breitbach-Preisträger. Geigers „Meisterschaft der Anverwandlung“ zeige sich explizit in „Es geht uns gut“ (2005), dem autobiografischen Werk „Der alte König in seinem Exil“ (2011) und dem aktuellen, „kriegsversehrten Liebesroman 'Unter der Drachenwand'“. Dieser Roman, vielleicht sein bislang bester, sei ein polyphones Sprachkunstwerk, in dem der Autor nicht über, sondern neben seinen literarischen Charakteren, vor allem den „herzerweichenden Verliererfiguren“ stehe. „Von Jahr zu Jahr arbeite Geiger mit stiller Beharrlichkeit und Kunstverstand“ an seinem Stil, um „entspannt in einer schlichten und doch eleganten Alltagssprache zu schreiben“, frei von jeglichem moralischen Eifer. Bei einem Rückblick auf die letzten zwanzig Schaffensjahre Geigers zeigte er auf, dass der Weg des Sprachmagiers zu Beginn nur wenig Erfolge bereithielt. Ein beharrlicher Lektor und ein „sprachlich den Gürtel enger schnallender“ Autor führten dann zum Paukenschlag mit dem Roman „Es geht uns gut“. Weitere Bücher, jedes für sich eine neue Erfindung, gesellten sich auf die Erfolgsspur. Mit dem Bestreben sich das Schreiben so schwer wie möglich zu machen, ohne dass man es merkt, fand er „diese hintersinnig einfach raffinierte Sprache“ für seine erzählerischen „Mirakel aus Leichtigkeit und Tiefsinn“.
Arno Geiger bedankte sich für die hohe Ehre der Verleihung des Breitbach-Preises an ihn und nutzte die Gelegenheit, seine Wortgewandtheit als Geschichtenerzähler dem Publikum nahezubringen. Mit Bildern vom Theater in der Brandnacht in Koblenz 1944, von einem Vereinsfest mit Luftballon-Weitflugwettbewerb in der Stadt, in der er als Sechsjähriger lebte und mit wiederkehrender Bezugnahme auf Joseph Breitbach brachte er ganze Satzgefüge zum Leuchten. Wer hätte das gedacht von diesem verschämten Sitzenbleiber, der so viele Jahre für den mühsamen Aufstieg brauchte? Erfahrungen mussten reflektiert und verarbeitet werden. Letztlich, so glaubt er, sei es wohl die Verbindung von Leben und Schreiben gewesen, die ihm auf die Beine half. Die Figuren, über die er schreibt, scheinen zu sein wie er. Nicht schwarz oder weiß, sondern grau, vielgestaltig und widersprüchlich. Keine Hundertprozentigen. Solche mag Geiger nicht. „Wer über Grautöne schreibt, setzt sich zwischen die Stühle“, sagte er. Dort im Unbequemen habe die Kunst ihren Platz. Sie scheint Geigers Schreibmotor zu sein. Der Motor, der für Lebendigkeit sorgt und ständig in Bewegung bleiben will, um das Leben verstehen zu können, um gerüstet zu sein für das Unerwartete. Was den Motor startet? Die Neugierde sei es und der Wunsch, etwas besser zu verstehen. Mit lang anhaltendem Applaus zeigte das Publikum große Begeisterung für die geistreiche, von Wortspielen erfüllte Dankesrede des Preisträgers.
Die Breitbach-Preisverleihung ist, seitdem sie 2003 nach Koblenz kam, wo Joseph Breitbach (1903-1980), der Stifter des Preises, im Stadtteil Ehrenbreitstein zur Welt kam, ein Highlight im Kulturprogramm der Stadt. Oberbürgermeister David Langner nannte es eine besondere Ehre, den renommierten Preis hier alljährlich verleihen zu dürfen. Für Staatssekretärin Heike Raab, die Grüße der Landesregierung überbrachte, ist er gar eines der kulturellen Glanzlichter des Landes, wie sie sagte. Und Prof. Dr.-Ing. Reiner Anderl, Präsident der Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz, bezeichnet die Verleihung des höchstdotierten Literaturpreises in Rheinland-Pfalz als den Höhepunkt der Zusammenarbeit von Stiftung und Akademie. Wurde der Preis schon hoch gelobt, so formten die drei Grußwortredner ihre Bewertungen des erzählerischen Könnens des Preisträgers Arno Geiger zu einer wahren Superlativ-Kette.

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