(openPR) Der „Fall Eva Herman“ erregte die Gemüter und sorgte bundesweit für Entrüstung. Vor den Augen der Nation wurde eine renommierte Journalistin wegmanipuliert und am medialen Pranger mit braun bemaltem Dreck beworfen. Fragen kommen auf: Wie objektiv ist der Journalismus in Deutschland? Wie stark ist der Einfluss von Politik auf Medien und Meinungsfreiheit? Warum wird die Öffentlichkeit belogen?
Der deutsche Medienwissenschaftler, Journalist und Buchautor Arne Hoffmann hat in einer erschütternden Medienanalyse gezeigt, welche Entwicklung im „Fall Eva Herman“ stattgefunden hat. Gleichzeitig ist sein gleichnamiges Werk ein flammender Appell für mehr Meinungsfreiheit in unserer Gesellschaft - ein Appell, der weit über das Thema „Eva Herman“ hinausreicht. Für das SHOWTALK-Magazin hat der liberale Journalist eine exklusive Würdigung geschrieben und ließ die Ereignisse nochmals Revue passieren.
Den einen oder anderen Leser mag es überrascht haben, Eva Herman auf dem Titelbild dieses Magazins als eine der Personen wiederzufinden, die besonders zu würdigen sind. Noch vor anderthalb Jahren erschien Eva Herman in ganz anderer Weise auf Titelbildern. So zeigte sie etwa die Zeitschrift STERN in einer perfiden Fotomontage inmitten von Menschen aus den Jahren des Nationalsozialismus, die die Hakenkreuzfahne schwenken und die Hand begeistert zum Hitlergruß heben. Dieses Cover lag aus in zahllosen Kiosken und Supermärkten unserer Republik.
Im Editorial dieser Ausgabe zeichnete STERN-Chefredakteur Andreas Petzold Herman als eine "entlassene TV-Aufsagerin, die sich allzu gerne durch die Medien-Mangel drehen lässt, um ihr Buch in den Bestsellerlisten voranzutreiben". Normalerweise kennt man so etwas nur von Sexualverbrechern: die Argumentation, dass das Opfer, dem massive Gewalt angetan wurde, diese Gewalt in Wirklichkeit genossen habe. Die Medien-Mangel, die Petzold als geradezu genüssliche Erfahrung beschrieb, offenbarte das größte Versagen, das unser "Qualitätsjournalismus" in den letzten Jahren zeigte: Praktisch alle schrieben in ihrer einhelligen Verurteilung Hermans dasselbe – auch wenn es sich bei nur etwas genauerem Hinsehen schließlich als falsch herausstellte.
Bereits im Februar 2008 urteilte das Kölner Landgericht, die Deutsche Presse-Agentur (dpa) dürfe in ihrer Berichterstattung nicht mehr behaupten, Herman habe in der Talkshow Johannes B. Kerners am 9. Oktober 2007 gesagt, "wenn man nicht über Familienwerte der Nazis reden dürfe, könne man auch nicht über die Autobahnen sprechen, die damals gebaut wurden". In Hermans Verfahren gegen den NDR, der sie auf der Grundlage solcher unterschobenen Aussagen entlassen hatte, erklärte der Vorsitzende Richter des Landesarbeitsgerichts Hamburg, er habe sich intensiv mit den umstrittenen Äußerungen Hermans beschäftigt: "Eine Verherrlichung des Nationalsozialismus kann man daraus nicht entnehmen." Am 23.1.2009 schließlich berichtete das BILDblog über zwei von Eva Herman an diesem Tag gewonnene Prozesse: So durfte sie die BILD-Zeitung Herman nicht länger als "dumme Kuh" bezeichnen, und das ebenfalls zum Springer-Verlag gehörende "Hamburger Abendblatt" durfte die von etlichen Journalisten übernommene Falschmeldung nicht wiederholen, Herman habe behauptet, unter Hitler sei einiges, zum Beispiel die Wertschätzung der Mutter, auch sehr gut gewesen. Zudem veurteilte das Gericht den Verlag und die Autorin des Artikels, Barbara Möller, in dieser Sache zu insgesamt 10.000 Euro Schadensersatz. Einige wenige Beiträge, von denen zahllose andere Journalisten wie in blinder Wut abgeschrieben hatten, hatten hier zu einer flächendeckenden Hexenjagd geführt.
Nach diesem Urteil aber geschah etwas, was für die Medien unserer Zeit bezeichnend ist: Dieselben Journalisten, die, gewürzt mit den gehässigsten Schmähungen, Falschmeldungen über Eva Herman verbreitet hatten, dachten nicht im geringsten daran, über die gerichtliche Klarstellung und Eva Hermans Rehabilitierung zu berichten.
"Vergangene Woche Freitag ist bei BILDblog einmal kurz Hektik ausgebrochen", berichtete der BILDblog-Mitarbeiter Stefan Niggemeier über dieses Offenbarungszeugnis des deutschen Journalismus. "Wir hatten erfahren, dass Eva Herman zwei Prozesse gegen Axel Springer gewonnen hat, und wollten möglichst schnell einen Eintrag produzieren, damit uns nicht alle anderen zuvorkommen. Das war großer Quatsch. Denn über die juristischen Erfolge der früheren Fernsehmoderatorin berichtet ungefähr niemand." Die wenigen Ausnahmen stellten die evangelikale Nachrichtenagentur idea.de dar, die rechtskonservative Zeitung "Junge Freiheit" und zwei Mediendienste, die sich nicht an die allgemeine Bevölkerung sondern nur an Journalisten richten. Niggemeier führte aus: "Wenn ich es richtig sehe, hat keine Zeitung und kein größeres Online-Medium über Hermans Erfolge berichtet (die deutsche Nachrichtenagentur dpa meldet grundsätzlich nichts, was 'Bild' nicht gefallen könnte). Aber in einer Medienwelt, in der jeder Schluckauf zur Aufmacher-Meldung taugt, war für ausgerechnet diese Nachricht kein Platz mehr?"
(Anmerkung der Redaktion: Mittlerweile hat die Fernsehmoderatorin Eva Herman hat auch im Berufungsverfahren gegen den Axel-Springer-Verlag gewonnen. Das Oberlandesgericht Köln teilte am Dienstag, den 28. Juli 2009 mit, der Verlag dürfte künftig ein falsches Zitat Hermans zur Rolle der Mutter im Nationalsozialismus nicht weiter verbreiten. Wegen einer "schwerwiegenden Persönlichkeitsrechtsverletzung" muss Springer Herman außerdem eine Entschädigung von 25.000 Euro zahlen. Das Landgericht Köln hatte Herman bereits im Januar recht gegeben. (AZ.: OLG Köln 15 U 37/09)
Was hier mit Eva Herman geschehen war, war etwas Ungeheuerliches. In einem ersten Schritt machten sie fast sämtliche Journalisten, die über sie schrieben, öffentlich zur Unperson. Und im zweiten Schritt teilten sie ihren Lesern nicht einmal mehr mit, dass sich die vermeintlichen Grundlagen für diese beispiellose Medienhetze als nicht stichhaltig herausstellten. Es war, als ob durch diese Form der Berichterstattung ein bestimmtes Bild Eva Hermans in den Köpfen der Bevölkerung zementiert werden sollte. Ohne jede Not verhielt sich ein Großteil der deutschen Medienlandschaft so, als ob wir tatsächlich in einem diktatorischen Regime lebten, in dem die Sicht der Wirklichkeit von oben durchgesetzt werden sollte. Eva Hermans Vorwurf, die Medien reagierten "wie gleichgeschaltet", wurde so auf geradezu gruselige Weise bestätigt.
Worum aber ging wirklich es bei den Attacken auf Eva Herman, wenn die gegen sie vorgebrachteten Vorwürfe in Wahrheit jeder Grundlage entbehrten? Es ging darum, die Autorin für ihre Haltung in ganz anderen Fragen zu bestrafen. Schon als Herman 2006 in einem Artikel für die Zeitschrift CICERO die Diskussion eröffnete, ob eine Frau auch heute noch ihre Berufung vielleicht nicht im Bereich Karriere, sondern im Bereich Haushalt und Familie finden könnte, wirkte Alice Schwarzer in einer Rundmail an ihre Leserinnen auf eine Entlassung Hermans aus der "Tagesschau" hin. De facto war das die Forderung nach einem Berufsverbot dafür, dass Herman ein anderes Rollenmodell zur Diskussion stellte als Schwarzer. "Keine Frau sollte das Recht haben, zu Hause zu bleiben und ihre Kinder aufzuziehen" hatte Schwarzers großes Vorbild Simone de Beauvoir bereits 1975 in einem Zeitungsinterview erklärt. "Frauen sollten diese Wahl nicht haben, denn wenn sie vor dieser Möglichkeit stehen, werden sie zu viele Frauen ergreifen." Aber wie setzt man das von de Beauvoir Geforderte in einer scheinbar liberalen Gesellschaft durch? Das konnte nur durch die mediale Hinrichtung derjenigen geschehen, die den von de Beauvoir und vielen anderen Feministinnen abgelehnten Lebensentwurf öffentlich zu befürworten wagten. Wobei diese Hinrichtung des größeren Abschreckungseffektes zufolge besser so brutal wie möglich erfolgen sollte: Wer eine solche Meinung vertrat, musste allen Bürgern als blondes Dummchen präsentiert werden, besser noch als eigentlich unzurechnungsfähig und noch besser als Hitlers Nichte im Geiste.
Also versuchten lange vor der breit skandalisierten Pressekonferenz Hermans im September 2007 verschiedene Publizistinnen, Hermans Thesen in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken: zunächst die Berliner "taz", dann die Feministin Thea Dorn und schließlich einmal mehr Alice Schwarzer, der zu der von Herman geforderten stärkeren Würdigung der Mutterschaft nur Parolen enfielen wie "Wir müssen dem Führer doch heute kein Kind mehr schenken." Wo man bei Eva Herman die Hände darüber rang, in der aktuellen Debatte auf den Nationalsozialismus zurückzugreifen, blieb man bei Schwarzer seltsam stumm.
Tatsächlich hatte Herman in ihrem Buch "Das Eva-Prinzip" sechs Seiten auch dem Thema Drittes Reich gewidmet – sechs Seiten, in denen sie ausführlich erklärte, warum diese Jahre der deutschen Geschichte auch für Mütter und Familien eine furchtbare Zeit waren. Keiner der lautstark zeternden Journalisten schien sie gelesen zu haben. In ihrem Nachfolgeband "Das Prinzip Arche Noah" kritisierte Herman auf den Grundlagen der Bindungsforschung den massiven Ausbau von staatlichen Kinderkrippen, sie widmete sich der emotionalen Verwahrlosung von immer mehr Kindern und Jugendlichen und lobte den hohen Wert von Gemeinsinn und einer funktionierenden Nachbarschaft. Groteskerweise fand Eva Hermans öffentliche Kreuzigung ausgerechnet vor dem Hintergrund statt, dass sie jene Werte wieder einforderte, über deren Verfall sich unsere Medien sonst gerne beklagen.
"Kerner & Co sind die Inquisitoren von heute" befand schließlich der jüdische Historiker Michael Wolffsohn: "Wir leben in einer medialen Massengesellschaft der Analphabeten, in der man (wie einst) für das eigene Versagen (hier: die Unfähigkeit zuzuhören, richtig zu zitieren und richtig zu verstehen) nach Sündenböcken sucht." Und als der Sozialwissenschaftler Ronald Grossarth-Maticek die Kerner-Sendung mit einem Forschungskonzept untersuchte, mit dem man die NS-Lastigkeit von Menschen nachweisen kann, gelangte er zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Kerner und seine Gäste außer Eva Herman erhielten hier den Wert von 4,7 – ein laut Grossarth-Maticek "extrem hoher Wert, der knapp unter dem Durchschnitt von Altnazis liegt." Bei Eva Herman dagegen wurde 1,1 gemessen – was sogar noch besser ist als der Durchschnitt der Demokraten.
Es gibt also guten Grund, Eva Herman besonders zu würdigen. Damit, dass sie auch entgegen dem vom Zeitgeist bestimmten Meinungsstrom zu ihren Werten steht und auch die unsäglichsten Verletzungen bis hin zur beruflichen Vernichtung erduldete, ohne selbst jemals aggressiv oder verletzend zu werden, damit kann sie all unseren Journalisten ein dringend notwendiges Vorbild sein.
Quelle: Showtalk - das Magazin | www.showtalk.net









