(openPR) Zwei Monate vor dem Start Mitte Juni ist das gesamte Programm online gegangen und die Anmeldung zur persönlichen Teilnahme am Kongress bei www.tanzkongress.de bis zum 19. Mai freigeschaltet worden. Unter dem Motto Zeitgenoss*in sein findet vom 16. bis zum 19. Juni in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover der Tanzkongress 2016 statt. Zu den über 70 Ein-zelveranstaltungen mit 200 Referent*innen und Künstler*innen werden mehr als 700 Fachbesucher*innen erwartet.
Der Tanzkongress, eine Veranstaltung der Kulturstiftung des Bundes, hat sich seit seinem Auftakt in Berlin 2006 als eines der wichtigsten internationalen Foren für die Diskussion und Präsentation von Tanz, Choreografie und Bewegung etabliert.
Im Mittelpunkt dieser vierten Ausgabe, die in enger Kooperation mit dem Nieder-sächsischen Staatstheater Hannover und der Landeshauptstadt Hannover durchge-führt wird, steht die Beschäftigung mit dem Phänomen der Zeitgenossenschaft. Seit dem frühen 20. Jahrhundert wird sie in der künstlerischen und theoretischen Praxis als Aufforderung verstanden, sich mit den Bedingungen und Umbrüchen der Gegenwart auseinander zu setzen und sich ästhetisch, politisch, gesellschaftlich und im Tanz nicht zuletzt auch physisch in der eigenen Zeit zu verorten.
Grundlage für die Programmentwicklung war ein thematischer Call for Proposals zum Phänomen der Zeitgenossenschaft im Vorfeld des Kongresses, auf den Künst-ler*innen, Theoretiker*innen, Studierende und Tanzschaffende aus dem In- und Ausland mit über 220 Einreichungen reagierten und eindrücklich die Relevanz und Vielfalt des Themas aufzeigten. Die ausgewählten Projekte adressieren aus ihrer jeweiligen spezifischen Praxis und ihrem Kontext heraus den Begriff der Zeitgenos-senschaft und befragen ihn kritisch. Sie spiegeln unterschiedliche ästhetische, media-le und diskursive Entwürfe sowie geo-politische, ökonomische, institutionelle Bedin-gungen und Bedingtheiten des ‚Tanz- und Choreografie-Machens’.
Dies zeigt sich vor allem in der Bandbreite der vielfach dialogischen und arbeitsori-entierten Formate (Lectures, physische Workshops, Salons, Laborsituationen, Experi-mente und vieles mehr). Das gesamte Kongressprogramm wurde bewusst nicht in klar voneinander abgegrenzte Bereiche gegliedert, sondern ist geflechtartig organisiert, damit verschiedene Querverbindungen geknüpft werden können. Durch diese Her-angehensweise wird der Tanzkongress 2016 stärker zu einem Arbeitstreffen und Forum der Verhandlung als seine Vorgänger.
In dieser vielstimmigen Standortbestimmung (in) der eigenen Zeit, als die der Tanz-kongress gedacht ist, finden sich ganz unterschiedliche thematischeFelder. Fragen nach dem Herstellen von Gemeinschaft innerhalb kollektiver Arbeitsstrukturen als auch im Rahmen politischer, sozialer oder ästhetischer Konfliktfelder oder zeitgenös-sisches Kunstschaffen in verschiedenen soziopolitischen Kontexten werden ebenso diskutiert wie z. B. im Workshop Reality Check and Dream Machine die Überlegung, welche (neuen) Werte und Normen heute bindend für eine zeitgenössische Tanzaus-bildung und das Überleben danach sind.
Das Aufspüren hierarchischer Strukturen in der kapitalistischen Gesellschaft, in die kulturelle und ästhetische Positionen und Herkünfte eingebunden sind, und die Frage nach dem Zeitgenössischen im Kontext globaler und postkolonialer Tanzkulturen werden u. a. in den Veranstaltungen Decolonizing Dance und Reclaiming the Critical Space thematisiert.
Auch die Beschäftigung mit dem Kanon der Tanzgeschichtsschreibung und den Lücken, die die nicht geschriebene Tanzgeschichte hinterlässt, findet ihren Platz, so z.B. im Tanzfonds Erbe Projekt der Choreografin Angela Guerreiro zur Verbindung zwischen dem New Yorker Judson Dance Movement und dem zeitgenössischen Tanz in Deutschland oder im Ausdruck-Mobil der Compagnie MS Schrittmacher, die den Wegen deutscher Ausdruckstänzer der 1920er, 30er und 40er Jahre nachspürt.
Die Kongressteilnehmer*innen sind zudem eingeladen, historische und zeitgenössi-sche Trainingsansätze im Tanz zusammen mit Studierenden des Masterstudiengangs Zeitgenössische Tanzpädagogik MA CoDE an der Hochschule für Musik und Darstel-lende Kunst in Frankfurt am Main (HfMDK) selbst zu erproben.
Aus der Perspektive des physischen, politischen, sozialen und nicht zuletzt künstleri-schen Wunsches, sich mit den eigenen Sinnen und durch eigenes Handeln in Bezug zur Umwelt zu setzen und den Körper in Bewegung als Seismografen der eigenen Zeit aufzufassen, wurde auch der Themenbereich ‚Border Effects’ entwickelt. Dabei wird gefragt, auf welche Weise Tanz und Choreografie Wissen und Erfahrung liefern oder auch körperliche und imaginäre Räume eröffnen können, um sich mit Grenzen und Grenzziehungsprozessen auseinander zu setzen. So untersucht z. B. die langjährige Forsythe-Tänzerin und jetzige Konflikt-Mediatorin Dana Caspersen, inwieweit Choreografie als kreatives Werkzeug von Analyse, Konzept und Praxis gesellschaftspolitischer Teilhabe und Intervention in Konflikt und Krise wirksam ist.
Korrespondierend mit dem zentralen Motiv der Zeitgenossenschaft eröffnet den Kongress ein speziell für Hannover entwickeltes, dreiteiliges Programm, in dem sich Kongressteilnehmer*innen, Zuschauer*innen und Künstler*innen außerhalb konven-tioneller Bühnensituationen begegnen können. Dabei verbindet der renommierte französische Choreograf und Leiter des Musée de la danse, Boris Charmatz, das Kongressthema auf bewegte und spielerische Weise mit zeitlosen und tanzhisto-rischen Aspekten. Nach dem öffentlichen Warm-up auf dem Opernplatz verwandeln in ‚20 Dancers for the XX Century’ 20 Tänzer*innen Hannovers Staatsoper in ein weitläufiges Tanzmuseum und anschließend widmet sich Charmatz’ 13-köpfiges Ensemble in ‚manger (dipersed)’ dem alltäglichen und körperlichen Vorgang des Essens.
Fragen des Zeitgenössischen werden auch in dem internationalen Tanzprogramm verhandelt, das zusammen mit dem Niedersächsischen Staatstheater und der Lan-deshauptstadt Hannover, Gastgeber des Tanzkongress 2016, und weiteren Part-nern*innen vor Ort entwickelt wurde.
Im Schauspiel Hannover untersucht der französische Choreograf Rachid
Ouramdane mit der Deutschlandpremiere ‚Tenir le temps‘ die Fähigkeit des Men-schen, sich an unkontrollierbare Dynamiken anzupassen und aus der eigenen Macht-losigkeit individuelle und kollektive Kräfte zu entwickeln. Guilherme Botelho, Direktor der bekanntesten Schweizer Tanzcompagnie Alias, kreiert mit ‚Antes’ in der Orangerie Herrenhausen einen tänzerischen Science Fiction über den Beginn der Menschwerdung. Das Ballett der Staatsoper nimmt in ‚Der Besuch’ einen Klassi-ker der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur auf: Friedrich Dürrenmatts berühmte Tragikomödie ‚Der Besuch der alten Dame’. Der Choreograf Felix Landerer lässt in ‚Revolte!’ seine sieben Tänzer*innen ein brisantes und höchst aktuelles Thema ausloten: Ist Revolution heute noch möglich? Die kubanische Choreografin Maura Morales schafft mit ‚Stadt der Blinden’ im Theater in der Eisfabrik eine eindrückli-che Studie über Auflösung und Zerfall von Bewegung und im KinderTheaterHaus zeigen der Choreograf Martin Nachbar und die Dramaturgin Gabi dan Droste ein Tanzstück für Kinder zum Thema ‚Geschwister’.
Den Kongress beschließt am 19. Juni ‚Update’ in der Staatsoper Hannover mit zwölf exklusiv für den Tanzkongress 2016 zusammengestellten Ausschnitten aktueller Tanzproduktionen aus der ganzen Republik, u. a. von Simone Sandroni, Martin Schläpfer, Tim Plegge, Marco Goecke und Bridget Breiner.
Der Vorverkauf für die Veranstaltungen des Tanzprogramms in Hannover läuft be-reits.
Zudem richtet der Kunstverein Hannover mit ‚Körper und Bühnen‘ kongressbe-gleitend einen assoziativen Blick auf die Schnittstelle von Performance, Tanz und Bildender Kunst.
Der Tanzkongress 2016 ist eine Veranstaltung der Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit dem Niedersächsischen Staatstheater Hannover und der Landeshauptstadt Hannover.










