(openPR) „Die Wälder waren belebt.“ So berichtet der Reiseschriftsteller Eric Newby über seine Flucht durch die apuanischen Alpen am Ende des zweiten Weltkrieges. Überall gab es bewohnte Häuser und Hütten. Familien sammelten Kastanien, es wurden Ziegen und Schafe in den Wald getrieben und von Kindern gehütet, Holz in die nächsten Ortschaften getragen und verkauft. Selbst Wasser wurde in Flaschen durch den Wald getragen. So berichteten zwei ältere Damen über eine kleine Einkommensquelle, die sie als Kinder erschlossen: Als sie im Krieg in La Culla, heute eine Ortschaft der nordtoskanischen Stadt Camaiore, untergebracht waren, trugen sie im Sommer Wasser in das Nachbardorf Greppolungo um es zu verkaufen. Greppolungo liegt auf einer steilen, hervorspringenden Bergkuppe. In früheren Zeiten war es ein Castell, das die Stadt Camaiore schützte. Wasser gab es dort nur in Zisternen. Man kann sich vorstellen, dass frisches Trinkwasser dort seinen Preis hatte. Denn die 300 Höhenmeter Unterschied zur Talebene von Camaiore, in der es Brunnen und Frischwasser gab, nahm man nicht jeden Tag auf sich.
Damals gab es auch nur den alten Maultierpfad, der seit 800 Jahren das Castell und später das Dörfchen mit der alten Stadt Camaiore verbindet. Und dann noch die „Via Bosco“ nach La Culla, ein Pfad durch den Wald, vielleicht 3 oder 4 Kilometer lang. Für die Mädchen, die damals Wasser verkauften, war das sicher eine ganz schön lange Strecke. Aber so einsam, wie es heute ist, wird es damals nicht gewesen sein.
Denn, wie schon gesagt, „die Wälder waren belebt“. Heute sind sie das nur noch zur Jagdsaison, wenn sich zahlreiche martialisch ausstaffierte Männer, bewaffnet mit Schrotflinten und versorgt mit Rotweinflaschen, in getarnte Verstecke zurückziehen, um auf Vögel zu schießen. Das ist jedes Jahr im Oktober der Fall, und immer nach Saisonbeginn berichten die Zeitungen über die Todesopfer – nicht die unter den Vögeln, sondern die unter den hoffentlich nur versehentlich erlegten Menschen. An solchen Tagen sollte man den Wald nicht besuchen, sondern einen Ausflug zum Meer oder in einer der unweit gelegenen toskanische Städte unternehmen.
Aber sonst gibt es in den Wäldern der apuanischen Alpen viel zu entdecken und zu entschlüsseln. So trifft man immer wieder an abgelegenen Stellen auf Ruinen von Häusern. Reste von Kaminen, Bettgestellen und spärlichen Einrichtungsgegenständen zeigen, dass diese Häuser keinesfalls etwa nur Ställe oder Sommerhäuser waren. Sie waren bewohnt; Bauernhöfe auf kleinstem Raum, die vorzugsweise Weidewirtschaft betrieben, aber auch Früchte und Gemüse anbauten.
Ruinen zeugen von einer belebten Landschaft
In den Olivenhainen, die ungefähr bis in Höhen von 500 Meter reichen, trifft man immer wieder auf nicht mehr genutzte Häuser – oder solche, die jetzt in Feriendomizile verwandelt wurden. Der typische Aufbau bezieht die Hanglage ein: Das Erdgeschoss, oder, wenn man so will, der Keller ist ein Stall. Hier findet man noch heute Futterkrippen, eiserne Ringe an den Wänden zum Anbinden der Tiere usw. Darüber liegt ein einziges großes Zimmer mit einem offenen Kamin – von der Hausseite ebenfalls ebenerdig zugänglich. Hier hat sich alles andere abgespielt. Manchmal gibt es eine hölzerne Stiege, die dann in einen dritten Raum darüber führt. Dieses Schlafzimmmer gab es aber durchaus nicht in allen einfachen Häusern. Eine Zisterne seitlich neben dem Haus sammelte das Wasser vom Dach.
Bis in die 50er und 60er Jahre hinein lebten die Menschen auf diese Weise. Italien war in den ländlichen Gebieten oft auf dem Niveau eines Entwicklungslandes. Dann kam der wirtschaftliche Aufschwung, und mit ihm eine Landflucht gigantischen Ausmaßes. Seither sind die Wälder wohl stiller geworden. Aber dafür gab es dann auch in den entlegenen Dörfern fließend Wasser.
Auch in Greppolungo, dem erwähnten Dorf hoch über Camaiore, ist der Fortschritt eingezogen. Ältere Menschen, die seit Jahrzehnten in dem Dorf wohnen, erzählen es plastisch: Wenn sich zu alten Zeiten eine Geburt ankündigte, stürmte der werdende Vater zu Fuß den Maultierpfad hinunter, um die Hebamme in Camaiore zu benachrichtigen. Bis diese ebenfalls zu Fuß oder auf einem Esel wiederum Greppolungo erreicht hatte, war nicht selten das Kind schon da. In den 60er Jahren wurde dann die Fahrstraße und eine Wasserleitung bebaut. Heute können die Frauen im super-modernen Versilia-Krankenhaus in Lido di Camaiore ihre Kinder bekommen. Allerdings, sie tun es zunehmend seltener!
Eine Kulturlandschaft verwilderte
Die Wälder überließ man mehr und mehr sich selbst. Sie wurden dichter, und wer heute im Herbst Esskastanien oder Pilze sammeln möchte, muss sich nicht vor Konkurrenz fürchten. Und die Olivenhaine? Diese in den Hanglagen terrassierten Pflanzungen brauchen zwar nicht sehr viel Pflege, aber mit gewisser Regelmäßigkeit sollte schon Hand angelegt werden. In alten Zeiten wurde das Gras zwischen den Bäumen von Ziegen und Schafen kurz gehalten. Um gute Erträge zu erzielen, wurden die Bäume jährlich geschnitten – übrigens ungefähr nach den gleichen Regeln, mit denen man auch Apfelbäume beschneidet. Die Bewohner hatten ein Interesse daran, dass zusammengebrochene Trockenmauern umgehend wieder aufgeschichtet wurden.
Damit war es erst einmal vorbei. Viele tausend Hektar an Olivenpflanzungen blieben am Rand der apuanischen Alpen sich selbst überlassen. Die Natur freut es! Es bildeten sich üppige Brombeer-Gebüsche, in denen sich Fuchs, Stachelschwein und manchmal auch Wildschweine ihre Wohnstätten einrichteten. Wilder Spargel breitete sich aus. Um die alten Verbindungswege zwischen den Dörfern kümmerte sich bald niemand mehr. Auch sie wurden teilweise von der Natur zurückerobert. Und was sollte man schon machen? Mit Sense und Hackmesser einen Urwald am Weiterwachsen zu hindern, ist zu viel für einzelne Menschen. Dafür braucht es eine Armee. Die gab es in früherer Zeit in den zahlreichen und oft mit vielen Kindern gesegneten Bewohnern des Waldes und der Olivenhaine. Nun wurde nur noch vereinzelt gegen die Rückvereinnahmung durch die Natur gekämpft.
Der technische Fortschritt erleichtert die Pflege
Aber es kam noch einmal anders. Es begann schon in den 70er Jahren, als die Nach-68er-Bewegung die Natur als ideellen und faktischen Bezugsort entdeckte. In der Folge wurden hier und da Olivenhaine wiederbelebt, die alten Bäume wieder freigeschnitten und eigenes Olivenöl produziert.
Doch so richtig Schwung in die Sache brachte eine Erfindung. Schon 1962 hatte der deutsche Winzer und Ingenieur Klaus Thormaehlen die Mulchmähsichel erfunden. Dies gilt als die geistige Geburt des Freischneiders. Geistig deshalb, weil die theoretisch so nützliche Erfindung von 1962 nur auf dem Papier verwirklicht und nicht in der Praxis ausgeführt wurde. Aber zehn, 15 Jahre später gab es sie, die ersten Freischneider. Wem noch ein völlig überwachsener Olivenhain gehörte, hatte mit so einem Gerät die ernsthafte Chance, diesen wieder in eine gepflegte Plantage zu verwandeln.
Seither sind Freischneider-Geräusche aus dem Tal von Camaiore wie aus fast allen Gegenden des Olivenanbaus nicht mehr wegzudenken. Zahlreiche Haine wurden rekultiviert und werden wieder beerntet. Mit dem Rückdrängen von gigantischen Dornengebüschen wurde auch wieder Platz für seltene Wiesenpflanzen geschaffen, die sich in den lichten Hainen wohlfühlen. Wilde Alpenveilchen, Zungenstendel, Alpen-Hyanzinthen, Nießwurz, Glockenblumen, Lilien und die kleinblütigen Narzissen findet man in den kultivierten Olivenhainen.
Dem Wanderer, der auf den alten Verbindungswegen zwischen den Dörfern und Städtchen der apuanischen Alpen unterwegs ist, bietet sich eine abwechslungsreiche Landschaft. Die großen Wälder werden immer wieder von lichten Olivenhainen unterbrochen. Oft gibt es Ausblicke aufs Meer, das ja nur wenige Kilometer entfernt ist. Die Marmor-Gegend im Hinterland von Carrara und Massa ist eine weitere Attraktion, allerdings sollte man sich mit der Besichtigung beeilen, bevor die Gegend vollkommen abgebaut ist! Alte Ruinen, Bergwerke, Almwirtschaft mit Rindvieh, Lastenseilbahnen und an manchmal schon ganz unwahrscheinlichen Stellen Wegkreuze und Marien-Grotten: Das findet man in den apuanischen Wäldern, auf den Almen und in den Olivenhainen. Eine Reise dahin lohnt sich zu jeder Jahreszeit.
Quartier könnte man in Camaiore nehmen, aber besser noch in einem der Bergdörfer, die Camaiore wie eine Perlenkette umgeben. Dort ein Ferienhaus im Olivenhain mieten – und man muss nur den Fuß vor die Tür setzen, um mit der spannenden Erkundung anzufangen. Das geht im Herbst, Winter und Frühjahr vielleicht sogar besser als im Sommer, wenn die Temperaturen über die 30-Grad-Marke klettern. Die Bergwelt der apuanischen Alpen wird man auf diese Weise am besten kennen lernen – und die Wälder wieder ein bisschen mehr beleben.










