(openPR) "Sometimes it's nescessary to take things to the limit", antwortet Susi Hyldgaard auf die Frage, warum sie sich auf "It's Love We Need" den klanglichen Möglichkeiten einer Big Band zuwendet. "Ich habe schon so lange in kleinen Formationen gearbeitet. Die Zeit war reif für mehr Raum, mehr Klangfarben und sehr weit gespreizte Flügel." Vergessen Sie deshalb alles, was Sie über den Klangkörper einer Big Band und über Susi Hyldgaards Schaffen zu wissen glaubten. Nichts von alldem wird sich beim Hören von "It's Love We Need" bestätigen. Denn nach dem einminütigen Hyldgaard-Solo-Intro, kündet "Legz On Up" von unkonventioneller Eigenwilligkeit.
Mit Pink Panther-Attitüde, schaurig-schönem Gesang und ersten solistischen Höhepunkten (u.a. von Reiner Winterschladen), swingt sich "Legz On Up" auf ungewöhnlichen Pfaden ins Herz der Hörenden -und das aus dem Stand, ohne Vorwarnung, Netz oder doppelten Boden. "It's Love We Need", die erste Andeutung des Titelsongs, entpuppt sich als Klavierballaden-Interlude auf höchstem Expressions-Niveau. Apropos Zwischenspiel: Im Verlauf von "It's Love We Need" öffnet Hyldgaard für wenige Augenblicke Fenster in intime Räume. Die Baby-häusliche Geräuschkulisse zu Beginn von "It's Love We Need" oder die Studio-Atmo bei "Awake She Is" sind gelungene Über-, Ein- und Ausleitungen, die den Flow des Albums hervorragend unterstützen. "Meine Songs spiegeln mein Jetzt wider. Sie sind wie Schnappschüsse, die mich, meine Stimmung, meine Gedanken und Gefühle beim lesen oder anderen Alltäglichkeiten einfangen. Danach gehen sie natürlich durch meinen persönlichen Filter", kommentiert die in Kopenhagen lebende Dänin augenzwinkernd.
Da man in einem Haushalt mit Kindern schon mal knapp am Wahnsinn vorbei schrabbt, sprechsingt sich die Stimmführung von "Awake She Is" durch eine ebensolche häusliche "Alltagssituation". Spoken Word-Wunder dieser Erzählart erwartet man sonst nur von Ursula Rucker. Mit "Awake She Is" muss sie das Monopol auf höchstwertigen Spoken Word-Wahnsinn nun aufgeben. Adieu, und willkommen "Borderline Happiness"! Der Name ist Programm und Track fünf steigert den Ohrspitzfaktor abermals um gefühlte 100%. Dann biegt die Big Band-Limousine endgültig in die Titelsong-Avenue ein. "It's Love We Need", das bereits angedeutet wurde, wird nun ausgeführt und das überraschte Gehör darf sich auf dem Klang eines etwas herkömmlicheren Big Band-Arrangements ausruhen. Zeit, die Backing Band der dänischen Multiinstrumentalistin und Sängerin Susi Hyldgaard einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Denn auch im etwas hörgewohnteren Klangbild lockt die Symbiose Hyldgaards mit der NDR Bigband mit hin-hörenswertem Charisma. Sie ist es schließlich, die in Zusammenarbeit mit der Protagonistin einen ersten heißen Anwärter auf das Jazzalbum des Jahres ausbrütet. Beziehungsweise die Kreativköpfe, die die
Hyldgaard-Kompositionen ins Jazzorchester-Licht rücken. Denn, "ich habe mein Songwriting nicht verändert, um den Anforderungen einer Big Band zu
genügen", erläutert Hyldgaard den Produktionsprozess ihres bereits sechsten Albums. "Die Songs sind alle auf herkömmliche Weise entstanden und dann für ein großes Jazzorchester arrangiert worden ... Und ich glaube nicht, dass Singer/Songwriter die besten Freunde von Big Band-Arrangeuren sind", fügt sie augenzwinkernd hinzu.
Die Lorbeeren für die gnadenlos guten Kompositionen gebühren also nach wie vor Hyldgaard herself. Auch wenn Dieter Glawischnig mit dem Dirigentenstab fuchtelt, gehen die genialen Orchester-Sätze auf die Kappe von Roy Nathanson und Bill Ware. Klingelt's? Jener Roy Nathanson, der 1987 gemeinsam mit dem Vibraphonisten Bill Ware die Jazz Passengers mitbegründete, und neben Debbie Harry und Elvis Costello mit Jeff Buckley, Jimmy Scott, Mavis Staples und Produzentenlegende Hal Willner (Leonard Cohen, Nick Cave, PJ Harvey u.v.a) zusammen arbeitete. "Was soll ich sagen, anbetungswürdig!", fasst Hyldgaard die Leistung der NDR Bigband zusammen. In "Simple Living" verzichtet sie für einen kurzen Moment auf deren Unterstützung und beeindruckt mit einer emotionsgeladenen Wort-Ton-Narration. "You Have What It Takes" überrascht mit einem mühelos hörbarem und dennoch musikalisch vertrackten 7/8-5/4-8/8-was-weiß-ich-Rhythmusgebilde. Nicht unbedingt eine Aufforderung zum Tanz, aber ein wundersames Stück Jazz, das sich im Solo-Break afrikanisch vibraphonistisch gibt. "Your Favourite Fool" lehnt sich mit seinem Bläser-Arrangement, den Drum'n'Bass-Anleihen, seiner hochkulturellen Melodieführung und den unkonventionellen Soli wieder weiter aus dem Fenster. "Please Forgive Me" kokettiert mit nostalgischen Wirtschaftswunder-Assoziationen und Rumba-Sounds, wenn ... wenn da nicht dieser atemberaubende Erzählstil Hyldgaards wäre. Ihre stimmlichen Qualitäten, das Tonsatzkönnen Nathansons & Wares und die abermals verführerischen Soli entführen aus dem Nostalgie-Serail direkt in die Jazzgegenwart 2009. Dort lebt auch "Little Is Better" und der - schade - letzte Song "Nothing But An Angel". Er nimmt mit sanftem Besen-Offbeat und voluminösem Blech an der Hand, um während neun Minuten zum Ausgang zu geleiten, inclusive "very catchy ending"-Ghosttrack! Erhaben und stolzerfüllt beendet "Nothing But An Angel" ein grandioses Album und es bestätigt sich mal wieder, was Jazz thing-Autor Martin Laurentius bereits feststellte: "Susi Hyldgaard ist immer für Überraschungen gut."
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+++Pressestimmen+++
Jazzzeitung, Stefan Pieper 2/2009:
Auf die in New York aufgewachsene Dänin ist Verlass. Sie kleidet hochkultivierte Jazzideomatik in moderne Gewänder und ihre Stimme kann mit allen großen Jazz-Vokaleusen locker mithalten. Sie macht ihr eigenes Ding - ja, sie überholt so manch gefeierte Vokal-Diva aus den Staaten locker, wenn es um das Individuelle, um den feinen, besonderen Moment geht! Sie liebt epische Arrangements, deren Kern ein lyrisches, zuweilen nachdenkliches Songwriter-Potenzial ausmacht. Jetzt hat sie all dies einem orchestralen Großformat einverleibt, denn für ihr aktuelles Album stand ihr die NDR-Bigband unter Dieter Glawischnig zur Seite. Die Stücke passieren komplexe Arrangements, vereinen in kaleidoskopischer Vielfalt so viel konträres - und bleiben durch und durch Songs dabei! Da gibt es mal die volle Breitseite mit fetten Blueseinlagen von Mingus-scher Größe und mit opulenter Pianistik seitens Susi Hyldgaard selbst im Epizentrum. Dann kommt viel Zartheit, ja Intimität auf. Hyldgaards Songs verströmen Alltagspoesie - intelligent, voller Reife, mit spitzer Feder. Balladen artikulieren großes Gefühl, integrieren dabei allumfassend das ganze Arsenal der Hörner. Verspielte Rhythmen treiben selbstironische Reflexionen über ihre ganz private Befindlichkeit und Lebenswirklichkeit voran, dabei lässt die Wucht der Bigband nie die Macht des Wortes in ihren Songs schrumpfen. Wer an Susi Hylgaards künstlerische Autorität glaubt, konnte auch am Gelingen dieser Herausforderung nicht zweifeln.
Jazz thing, Klaus Halama 78/2009:
"Don't judge a CD by its cover." Auch wenn Susi Hyldgaard mit dem Artwork ihrer Alben nicht immer ins Schwarze trifft, so entschädigen ihre musikalischen Leistungen doch immer wieder aufs Neue. So auch diesmal. Nach jahrelangen Alleingängen an Piano und Akkordeon war es nun an der Zeit, den Horizont zu erweitern und sich einer Männerhorde unterzuordnen: der NDR Bigband unter der Leitung von Dieter Glawischnig. Die Arrangeure Roy Nathanson und Bill Ware (Jazz Passengers) verpassten den skandinavisch introvertierten Songs ein ungewohnt üppiges Volumen, dass selbst der Susi zu Beginn der Sessions Angst und Bange wurde. Aber ein stilles Vertrauen in die Musiker und eine ausgefeilte Postproduktion führten am Ende zu einer großartigen Performance. Neben einigen kurzen Piano-Interludes behauptet sich Hyldgaard bravourös und aufgekratzt zwischen Zentnern von Bigband-Utensilien, kokettiert mit Trompeten-Soli, zartem Vibrafon und vertrackter Rhythmik. Zwei Welten prallen hier aufeinander und enden doch in einer wundersamen Symbiose - Fans beider lager dürfen aufatmen. Es lebe das staatenübergreifende Harmonieverständnis.
+++Tour 2009+++
Susi Hyldgaard (voc, p, acc), Jannik Jensen (bass), Benita Haastrup (perc)
feat. Roy Nathanson (ts) & Bill Ware (vib) & NDR Bigband
27.3. Braunschweig-Lindenhof Quintett mit Roy Nathanson & Bill Ware
30.3. Hannover-Jazzclub Quintett mit Roy Nathanson & Bill Ware
31.3. Kopenhagen-Jazzhouse Quintett mit Roy Nathanson & Bill Ware
01.4. Wien-Porgy & Bess Quintett mit Roy Nathanson & Bill Ware
03.4. Singen-Gems Quintett mit Roy Nathanson & Bill Ware
04.4. Neuburg-Birdland Quintett mit Roy Nathanson & Bill Ware
23.4. Neubrandenburg-Schauspielhaus mit NDR Bigband
24.4. Neumünster-Stadthalle mit NDR Bigband
25.4. Ratzeburg-Burgtheater mit NDR Bigband
26.4. Bremen-Jazzahead mit NDR Bigband













