(openPR) Kompetent, aber überhört: Wenn Frauen nicht am Wissen, sondern an der Stimme scheitern – wie Tonlage über Macht in Meetings entscheidet
Die moderne Arbeitswelt hält sich für aufgeklärt. Sie misst Leistung, predigt Gleichberechtigung und hört trotzdem lieber auf tiefe Stimmen. Besonders dann, wenn es um Führung geht. Frauen in leitenden Positionen verlieren oft Einfluss, noch bevor sie überhaupt anfangen zu argumentieren. Nicht, weil sie weniger qualifiziert wären, sondern weil ihre Stimmen als zu hoch, zu leise oder zu unsicher wahrgenommen werden.
Der unterschätzte Machtfaktor Stimme
Wer in Meetings gehört wird, hat Macht. Wer überhört wird, verliert sie. Eine Studie von Rafael Wilms, Janneke Oostrom und Emma van Garderen (2024, Leadership Quarterly) zeigte in drei Experimenten mit über 2.400 Teilnehmenden: Frauen mit tieferer, ruhigerer Stimme wurden signifikant häufiger als kompetent, führungsstark und einstellungswürdig bewertet – unabhängig vom Inhalt ihrer Aussagen. Die Forschenden sprechen von einem „Voice-Pitch-Bias“, der systematisch wirkt.
Ähnlich belegt eine Studie der University of Cambridge (2023, Political Science Research and Methods): Bei identischen Redebeiträgen beeinflusste allein die Stimmlage die Präferenz der Zuhörer. Frauen mit tieferer Stimme wurden bevorzugt – selbst wenn ihre Argumente neutral oder umstritten waren. Stimme entscheidet also schneller über Autorität als jeder Inhalt.
Eine Meta-Analyse der Universität Lund aus dem Jahr 2022 kommt zu dem klaren Schluss, dass stimmliche Merkmale wie Tonhöhe, Lautstärke und Stabilität in Führungssituationen bis zu einem Drittel der wahrgenommenen Kompetenz erklären – ein vergleichbarer Wert wie bei formaler Qualifikation.
Ein persönlicher Blick
Nora Brinkmann, 38, Teamleiterin in einer Berliner Softwarefirma, ist fachlich ausgezeichnet, immer gut vorbereitet, klar in ihren Entscheidungen. Doch ihre Stimme ist leise, hoch, vorsichtig. Im Meeting wandern Blicke ab, Prioritäten werden diskutiert, Verantwortung zurückgespielt. Das Problem liegt nicht an Ihrem Wissen oder fachlicher Kompetenz – sondern an ihrer Stimmtechnik, die unter Stress unter Druck gerät und hoch rutscht.
„Unsere Stimme verrät sofort, wo wir stehen.“ sagt Jessica Wahl, Atem-, Stimm- und Sprechtherapeutin und Leiterin des Instituts für Personal Performance in Berlin. „Unter Stress spannt sich der Bauch an, die Atmung wird flach, die Stimme steigt und verliert an Volumen. Das wirkt unsicher und Teams interpretieren das automatisch als mangelnde Kompetenz.“
Der Psychologe Dr. Marvin Keller ergänzt: „Stress verändert Sprechtempo, Tonhöhe und Lautstärke. Zuhörer nehmen diese Signale unbewusst wahr und schließen daraus auf Sicherheit und Führungsanspruch, noch bevor sie rational darüber nachdenken.“
Die gesellschaftliche Dimension
Eine Studie von Hannah Xiaohan Wu et al. (2023, British Journal of Social Psychology) zeigt, dass tiefe Stimmen mit Kompetenz und Durchsetzungsfähigkeit assoziiert werden, während höhere Stimmen mit Wärme und Sympathie in Verbindung gebracht werden. Frauen bewegen sich damit in einem akustischen Zwickmühlen-Korridor: Sind ihre Stimmen zu weich, leidet ihre Autorität, sind sie zu hart, droht ihnen die Ablehnung.
Die Arbeitswelt mag Gleichberechtigung predigen, belohnt aber weiterhin maskuline Ausdrucksweisen. Wer gehört werden will, muss nicht nur klug sein, sondern auch hörbar führen.
Fazit
Führung beginnt nicht mit Argumenten. Sie beginnt mit dem Atemzug, bevor man spricht.
Für Frauen wie Nora Brinkmann bedeutet das: Kompetent zu sein, reicht nicht – man muss auch so klingen, als dürfe man führen. In einer „aufgeklärten” Welt ist das der leise, aber mächtige Filter, der darüber entscheidet, wer gehört wird und somit entscheidenden Einfluss hat.










