(openPR) In der jüngsten Debatte über die wirtschaftliche Zukunft der Europäischen Union hat der Ökonom und Finanzexperte Stefan Kühn auf die neuesten Forderungen des ehemaligen Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hingewiesen.
Draghi, der sich bereits durch seine mutige „Whatever it takes“-Politik zur Stabilisierung des Euro während der Währungskrise 2012 einen Namen gemacht hat, tritt nun erneut ins Rampenlicht. Sein neuester Vorstoß, der von Kühn als „zweite Bazooka“ bezeichnet wird, ist ein dringender Appell zur Rettung der EU durch massive Investitionen in Schlüsselbereiche wie Künstliche Intelligenz (KI), Dekarbonisierung und länderübergreifende Energieinfrastrukturen. Diese Initiative wird als entscheidend betrachtet, um die Wettbewerbsfähigkeit der EU zu sichern und das Wohlstandsniveau der Mitgliedstaaten zu bewahren.
Die Ausgangslage: Europas schwindende Wettbewerbsfähigkeit
Mario Draghi, bekannt als der "Retter des Euro", ist in seinen jüngsten Ausführungen ungewöhnlich düster gestimmt. Nach Ansicht von Stefan Kühn und anderen Experten zeichnet Draghi ein beunruhigendes Bild der EU-Wirtschaft. Seine Hauptthese lautet: Die Wettbewerbsfähigkeit der EU hat im Vergleich zu den USA in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich gelitten. Kühn hebt hervor, dass dieser Rückstand vor allem auf die stagnierende Produktivität zurückzuführen ist. In den USA ist das Pro-Kopf-Einkommen seit dem Jahr 2000 fast doppelt so stark gestiegen wie in der EU, was eine alarmierende Kluft zwischen den beiden Wirtschaftsräumen aufzeigt.
Stefan Kühn betont, dass Draghis Analyse korrekt ist: Europa steht vor einer entscheidenden Herausforderung. Die EU hat sich in vielen Bereichen auf ihren bisherigen Errungenschaften ausgeruht – sei es im sozialen Wohlfahrtsstaat, im Umweltbewusstsein oder im Bereich der Gesundheitssysteme. Um diese Standards zu halten, brauche die EU aber dringend Wirtschaftswachstum. Draghi fordert eine umfassende Investitionsinitiative, um die EU in Schlüsseltechnologien voranzubringen und so den Wohlstand der europäischen Bürger zu sichern.
Rolle von Technologie und Innovation
Ein zentraler Aspekt von Draghis Forderungen, den Kühn besonders hervorhebt, ist die Notwendigkeit von Investitionen in wachstumsstarke Technologiebranchen. Hier verweist Kühn auf einen eklatanten Vergleich zwischen den USA und der EU, der zeige, wie weit Europa in Sachen Innovation und Technologie hinterherhinke. Während in den USA in den 2000er Jahren die drei größten Unternehmen, die in Forschung und Entwicklung investierten, aus der Automobil- und Pharmabranche stammten, kamen in den 2010er Jahren die großen Innovatoren aus der Hard- und Softwareindustrie und in den 2020er Jahren werden es vor allem Unternehmen aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz sein. Europa hingegen hinkt dieser Entwicklung hinterher, was sich insbesondere an der Innovationskraft der europäischen Automobilindustrie ablesen lässt.
Kühn unterstreicht die Tragweite dieses Rückstands und erklärt, dass die europäischen Automobilhersteller in den letzten Jahrzehnten die größten Investoren in Forschung und Entwicklung waren. Doch gerade diese Branche befinde sich in einer tiefen Krise und die Innovationskraft der europäischen Industrie bleibe hinter den Erwartungen zurück. Diese Entwicklung bedroht nicht nur die europäische Wirtschaft, sondern auch die globale Wettbewerbsfähigkeit der EU.
Abwanderung von Start-ups aus Europa: Ein weiteres Symptom der Krise
Ein weiteres Problem, das sowohl Draghi als auch Kühn identifizieren, ist die Abwanderung innovativer Start-ups aus Europa. Draghis Bericht hebt hervor, dass von den 147 erfolgreichsten Startups, die seit dem Jahr 2000 in der EU gegründet wurden, 40 in die USA abgewandert sind. Kühn sieht diesen „Brain Drain“ als Symptom eines viel tiefer liegenden Problems: Europa biete nicht die notwendigen Rahmenbedingungen, um junge, innovative Unternehmen langfristig zu binden.
Die Gründe für die Abwanderung sind vielfältig. In den USA sind nicht nur die Wachstumsaussichten für Start-ups besser, auch die regulatorischen Rahmenbedingungen sind weniger restriktiv. Zudem bietet der amerikanische Markt eine gut funktionierende Börse und vielfältige Finanzierungsmöglichkeiten für junge Unternehmen. Kühn betont, dass es sich in der EU um ein strukturelles Problem handelt, das dringend gelöst werden muss, wenn Europa im globalen Innovationswettbewerb eine Chance haben will.
Draghis Lösungsvorschlag: Ein Marshallplan für die EU
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, fordert Mario Draghi eine massive Investitionsoffensive in der EU. Konkret schlägt er vor, jährlich 750 bis 800 Milliarden Euro zusätzlich in Zukunftstechnologien, Verteidigung, Dekarbonisierung und grenzüberschreitende Energieinfrastruktur zu investieren. Das entspricht etwa 4,4 bis 4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der EU. Stefan Kühn unterstützt diesen Ansatz nachdrücklich und sieht darin einen notwendigen Schritt, um die europäische Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen.
Kühn zieht einen historischen Vergleich: Der berühmte Marshall-Plan, mit dem die USA Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf die Beine halfen, habe nur ein bis zwei Prozent des damaligen europäischen BIP ausgemacht. Im Vergleich dazu ist die von Draghi geforderte Investitionssumme deutlich höher, was die Dringlichkeit der Situation verdeutlicht. Europa steht vor einem entscheidenden Wendepunkt, und ohne massive Investitionen wird es schwer sein, den Rückstand gegenüber den USA und anderen globalen Wettbewerbern aufzuholen.
Finanzielle Hürden: Die Vergemeinschaftungsdebatte
Ein wesentlicher Streitpunkt bei der Umsetzung von Draghis Plan ist die Frage der Finanzierung. Stefan Kühn erklärt, dass es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten gibt: Entweder erhöhen die EU-Staaten ihre jährlichen Beiträge massiv, was angesichts der angespannten Finanzlage vieler Länder, vor allem in Südeuropa, kaum realistisch ist. Italien und Frankreich, zwei der größten Volkswirtschaften der EU, haben bereits jetzt erhebliche Haushaltsprobleme, und eine Erhöhung der Beiträge könnte für diese Länder zu einer kaum zu bewältigenden Belastung werden.
Die zweite Option, so Kühn, sei die Aufnahme gemeinsamer Schulden innerhalb der EU, wie dies bereits im Rahmen des Corona-Wiederaufbaufonds geschehen sei. Dies wäre allerdings ein weiterer Tabubruch", der in den EU-Ländern heftig umstritten ist. Kühn warnt jedoch davor, diesen Schritt zu vermeiden, da die Alternative - ein weiteres wirtschaftliches Auseinanderdriften der EU - weitaus schlimmere Folgen haben könnte.Deutschlands Rolle und die Industriepolitik
Besonderes Augenmerk legt Kühn auf die Rolle Deutschlands in diesem Zusammenhang. Er weist darauf hin, dass die deutsche Industriepolitik, die traditionell stark auf den Automobilsektor ausgerichtet ist, einen erheblichen Anteil an der aktuellen Misere der EU hat. Die Fokussierung auf traditionelle Industrien habe dazu geführt, dass Deutschland und andere europäische Länder den Anschluss an die neuesten technologischen Entwicklungen, insbesondere im Bereich der künstlichen Intelligenz und der digitalen Wirtschaft, verpasst hätten.
Kühn betonte, dass Deutschland als größte Volkswirtschaft der EU eine zentrale Rolle bei der Umsetzung von Draghis Vorschlägen zukomme. Ohne eine Neuausrichtung der deutschen Industriepolitik und eine stärkere Fokussierung auf Zukunftstechnologien wird es kaum gelingen, die europäische Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen.
Fazit: Die Dringlichkeit der zweiten Bazooka
Zusammenfassend unterstreicht Stefan Kühn in seiner Analyse, dass Mario Draghi mit seiner „zweiten Bazooka“ einen überaus wichtigen Beitrag zur aktuellen wirtschaftspolitischen Debatte in der EU leistet. Die Herausforderungen, vor denen Europa steht - vom technologischen Rückstand bis zur abnehmenden Wettbewerbsfähigkeit - erfordern dringend umfassende Investitionen. Draghi hat den Finger in die Wunde gelegt, und es liegt nun an den politischen Entscheidungsträgern der EU, sich dieser Herausforderung zu stellen.
Kühn warnt jedoch, dass die Zeit drängt. Ohne eine schnelle Umsetzung von Draghis Vorschlägen könnte die EU noch weiter zurückfallen und die wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften, auf die Europa so stolz ist, könnten unwiederbringlich verloren gehen. Draghis zweite Bazooka mag umstritten sein, aber sie könnte genau der Impuls sein, den Europa braucht, um den drohenden wirtschaftlichen Niedergang abzuwenden.
Stefan Kühn plädiert daher nachdrücklich dafür, dass die EU-Mitgliedstaaten die notwendigen Schritte unternehmen, um die von Draghi geforderten Investitionen zu mobilisieren. Es steht viel auf dem Spiel - und die Zukunft Europas hängt von der Bereitschaft ab, diese mutigen Entscheidungen zu treffen.













