(openPR) (Berlin-Weißensee) Trotz Coronakrise gibt es im Pankower Ortsteil Weißensee in diesem Monat etwas zu feiern: Die Brotfabrik wird 30! Seit 1990 begeistert das nicht nur in Pankow beliebte Kunst- und Kulturzentrum am Caligariplatz sein Publikum in fast allen künstlerischen Sparten.
Bereits 1986 kommt das kulturelle Leben an der Spitze, wo die heutigen Ortsteile Pankow, Weißensee und Prenzlauer Berg zusammentreffen, in Fahrt: In dem kommunalen Jugendklub „An der Weißenseer Spitze“ entsteht zunächst ein Saal für Musik-, Tanz-, Film- und Literaturveranstaltungen in den Räumen der ehemaligen „Brotfabrik Michael Kohler“ (1890-1952) und der „Selterswasserfabrik Gertrud Sitzlach“ (1953-1972). 1987 entstehen ein Café und eine Galerie. Nach dem Fall der Mauer wird am 15. Mai 1990 das „Jugend- und Kulturzentrum Brotfabrik“, später umbenannt in „Kunst- und Kulturzentrum Brotfabrik“, gegründet. Die hier anschließenden Umstrukturierungen lassen ein Kino, ein Theater, eine Galerie und eine Kneipe entstehen. Der bis heute aktive Trägerverein des Zentrums, der Glashaus e.V., wird gegründet.
Seither ist die Brotfabrik gewachsen. Zu Kino, Galerie, Bühne im ersten Stock und Kneipe kamen in den letzten Jahren ein Inklusivatelier sowie der Neue Salon hinzu. Das Veranstaltungsprogramm heute wird in den Sparten Darstellende Kunst, Bildende Kunst, Film, Literatur und Musik von jeweils zuständigen Kurator*innen gestaltet. „Im Brotfabrikteam verstehen wir unter kultureller Arbeit konsequent eine soziale Praxis auf Augenhöhe“, betont Geschäftsführer und Person der ersten Stunde Jörg Fügmann. Die Begegnung entstehe, so Fügmann, zwischen Kunst, Künstler*innen und Publikum. Das zeige sich insbesondere auch an den aktuellen Inklusionsprojekten, die zum festen Programm der Brotfabrik gehören. Hierzu zählen ein inklusiver Musiksalon und das aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds finanzierte Kunstprojekt „Zurück ins Leben!“
Zu diesem soziokulturellen Anspruch gehört auch der beständige Beitrag zum Diskurs über gesellschaftspolitische Fragestellungen. Mit ihrer 30jährigen Geschichte ist die Brotfabrik ein Ort des Austauschs, an dem seit Beginn der 1990er Jahre Veranstaltungen statt-fanden, die den künstlerischen und gesellschaftspolitischen Status Quo sprengten. Zum Beispiel die erste deutschsprachige Bühnenadaption des berühmten Romans von James Baldwin „Giovannis Zimmer“ im Jahr 1993, oder die Filmreihe „50 Jahre subversives Kino“ 1994, oder eine Expert*innendiskussion über Body modification bereits 1996, oder das interdisziplinäre Caligarifestival „Somnambule“ im Jahr 2010, oder erst im letzten Jahr das Filmfestival „InEx“ zum Thema Inklusion. Zum Kreis der Künstler*innen gehörten ebenso etablierte Personen wie Max Goldt, Nan Goldin, Elke Erb, Thomas Brasch oder Christoph Schlingensief wie unbekannte Personen aus Kiez, Nachbarschaft sowie Ost- und Westberliner Subkultur.
Die Brotfabrik sei, fasst Fügmann zusammen, „immer schon ein ständig wachsendes Gebilde“ gewesen und bestehe „aus einem Haufen Leute, die sich demokratisch einbringen“. Das gilt bis heute. Das Leitungs- und Kurator*innenteam der Brotfabrik mit seinen flachen Hierarchien besteht aus neun Menschen unterschiedlichster Qualifikation, die mit ihrem monatlichen Kulturangebot und dem soziokulturellen Modell „Kulturfabrik“ für eine offene, diverse und plurale Gesellschaft einstehen. Dieses Engagement, in den 1990ern schon wichtig gewesen, ist heute dringlicher denn je.
Diversität und Inklusion sind Trends geworden. Viele staatliche und städtische Kulturhäuser in Berlin haben die Notwendigkeit dieser Ansätze in den letzten Jahren auch begriffen und präsentieren sich entsprechend. Soziokulturelle Zentren wie die Brotfabrik leisten diese Arbeit schon seit 30 Jahren, auch wenn ihnen das Marketingbudget für medien-wirksame Präsentationen ihrer engagierten Programme leider oft fehlt.
Zu einem Jubiläum wie diesem wären ein großes Fest und ein Tag der offenen Tür angemessen gewesen. Leider müssen die Feierlichkeiten wegen der aktuellen Kontaktbeschränkungen im Mai ausfallen. Das Team der Brotfabrik aber hofft, dass die Pforten bald schon wieder geöffnet werden können, um ein neugieriges und durstiges Kultur- und Kneipenpublikum willkommen zu heißen.











