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Da sag mir noch einer, die Voltairsche Vorsehung sei nichts weiter als Lug und Trug!

29.04.202010:16 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft
Bild: Da sag mir noch einer, die Voltairsche Vorsehung sei nichts weiter als Lug und Trug!

(openPR) "Zur Zeit der Wende hatte ich eine Assistenz an der Humboldt-Universität. Diese Uni war das Sahnestückchen des DDR-Wissenschaftsbetriebes gelegen in der Sowiesohauptstadt Berlin. Klar dass die Gier des Westens nicht nur mir, sondern fast allen Ossis die Kariere an dieser Alma Mater versaute. Doch wie heißt es so schön: Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Und was war der Traum des Ossis – die grenzenlose Freiheit, die er als Reisefreiheit verstand. Mit der einst gelebten Freiheit im Osten war es schnell aus, denn der FKK-Strand an der Ostsee wich dem Hund-Badestrand und die Verwaltungsdiktatur des Westens breitete sich wie eine eiserne Handschelle über den Osten aus. Also wollte ich wenigstens diese Reisefreiheit exzessiv auskosten – vielleicht sogar mit einem Beruf verbinden, denn auf ein geneigtes Bankkonto konnte kaum ein Ossi zurückgreifen" erzählt der promovierte Biologe Marcus Schütz, der heute als Heilpraktiker und Autor tätig ist, über seine Erinnerungen an die und nach der Wende.


https://spica-verlag.de/produkt/meilenweit-ein-fantastisches-abenteuer/
"Irgendwann hatte ich endlich eine Anstellung in einem Labor in Sydney, und irgendwann war ich endlich im Outback.
Outback, ... ja, ... obwohl ich seinerzeit mit übergeworfenem Kittel im Labor herumspazierte, hatte ich das Schmetterlingsnetz und die Botanisiertrommel aus dem Grundstudium noch nicht vergessen. Beide hatten ihre Hochzeit im 19. Jahrhundert und sind inzwischen gänzlich aus der Mode gekommen. Mal von ein paar Museumsfritzen abgesehen, die das Jagen und Sammeln noch nicht aufgegeben haben. Oder eventuell noch von Nutzen bei der Suche nach einer vergessenen Urwalddroge, die die Insuffizienzen der Selbstdomestikation erträglicher machte. Wie dem auch sei, naturverbunden - wie es immer so schön heißt - da steh ich zu. Australien war wohlüberlegtes Berufsziel, auch wenn ich hier nur zwei Tage Urlaub pro Monat erarbeite. Glücklicherweise kam ich in meiner Position von Zeit zu Zeit in Bedrängnis, einen neuen Krankheitserreger von irgendeinem Outback-Baum abzukratzen. Outback, was fasele ich nur immer - Touristenterm, die Australier nennen es Bulamakanka und das ist dann wirklich JWD!
Auf Cape York jedenfalls, im tropischen Regenwald - erträglicher im Winter nebenbei bemerkt - ist es uns begegnet. Zwei Wochen hatte ich schon sehnsüchtig, doch leider vergeblich darauf gewartet. Da waren schon etliche Warane und Busch-Puten auf unser Zelt gefallen. Da hatten wir bereits Hunderte von Kängurus, Wallabys und Possums gefüttert, tags und nachts. Da hatte uns ein fetter Walzenskink seine adlig-blaue Zunge rausgestreckt. Da waren wir schon vor einem rotzgiftigen Taipan ins sichere Auto geflüchtet. Und dann? Dann waren wir schließlich abgefahren, mussten aber noch einmal umkehren, weil die Fähre einen Schaden hatte. Eine letzte erzwungene Nacht an Cape Kimberley - da sag mir noch einer, die Voltairsche Vorsehung sei nichts weiter als Lug und Trug!
Im Morgengrauen.
Früher Aufbruch.
Schwaden von Morgennebel.
Stimmung wie im russischen Märchen: Mascha und Dascha gehen im Wald Pilze sammeln. Die Pilze reichen schon bis an die Kinderbrust, plötzlich fangen die Bäume an zu sprechen und Baba Jaga ist nicht mehr weit. - In diese Stimmung tritt urplötzlich, langsam, aber unaufhaltsam, dieser menschengroße Vogel aus dem Dickicht rechts, watet über den Sandpfad und verschwindet im Dickicht links. Eine Fata Morgana? Vor unserem Exkursionsauto! - Und doch jedes Detail sichtbar für den Augenblick. Für ein Foto viel zu dunkel! Dickicht links und rechts, und tiefer Sonnenstand des Morgens - wie gesagt - und natürlich nur 100er Film in der Kamera. Dennoch: Ein unbeschreiblicher Urvogel, bewaffnet mit gefährlichen Saurierpranken, auf denen mit Echsenleder bezogene, stämmige Läufe gewachsen sind. Saurierkrallen - klobig und groß - viel zu groß für das Tier. Das Federkleid obendrauf, wie lange zottlige Haare – dunkel, fast schwarz. Der breite Schnabel und das offene Ohr geben dem Vogelkopf etwas Menschliches! Vom langen, blauschillernden Hals schwabbeln paarig knallrote Säckchen in das fellartige Gefieder. Plus die unglaubliche Krönung: Ein schaufelförmiger Knochen! Mitten auf des Kopfes Scheitel. Mit dem Kopf durch die Wand würd'n Sie denken.
Und tatsächlich, der Knochen erlaubt die Flucht ins dichter werdende Unterholz des Regenwaldes. Nur einmal zuvor - noch als Steppke - hatte ich solch ein Wesen gesehen: Mausetot und ausgestopft in einer Museumsvitrine eines schon längst entseelten polnischen Naturforschers. Der Mann, muss den Helmkasuar auf einer langen Schiffspassage von Cape York nach Europa getragen haben.
So ein Erlebnis! Mensch-unabhängige-Natur-pur; ... vorbei an der täglichen Auseinandersetzung zwischen Neuer-Welt-Mentalität der Amis oder Aussis und der nachdenklich-europäischen Schwere. Europas Sonne, Mond und Sterne - mit Depressivität verhangen und mit Geschichte, die auch Humanität und Aufklärung war, zugeschüttet.
Kristallklar ist der Himmel hier unter frischem Pazifikwind - unbedarfte Leichtigkeit bleibt unterm Ozonloch Lebensart.
Lass'n Sie mich noch ein bisschen von Down under schwärmen. Auf einer Tour bin ich 7346 km mit dem Auto gefahren, hab' dabei die Ostküste nicht mal verlassen: Sydney - Cape Tribulation - und zurück. Wir sind sogar Abkürzungen gefahren, die Abenteuer in sich selbst waren: Der Asphaltweg hatte gleich am Ortsausgang, sprich hinter der Tankstelle - denn die alleine war kartierter Ort - aufgehört.
Nie zuvor hatte ich die Milchstraße gesehen, schon gar nicht im stinkigen Europa noch in einer kristallklaren Nacht Kaliforniens, nein es bedurfte der absoluten Menschenleere - im Umkreis von 50 Meilen nicht ein Haus, das einzige Licht: Die Scheinwerfer, wenn das Auto fuhr. Den Motor abgestellt, rausgetreten in die von Zikaden und Grillen zersägte Nacht. Über uns ... diese Sternenmenge! Die Milchstraße: Ein Schweif von Gefunkel. Selbst der Mond spielte verrückt! Eine neue zarte Sichel auf den Rücken gelegt. Und das einzige Sternbild, das ich aus Europa kannte, der Große Wagen, war hier vom Kreuz des Südens abgelöst. Wirklich ein Himmelszelt! Ein Gewölbe für Doctor Faustus! So ein tiefer Eindruck! Wie muss der doch unaufhörlich auf die Menschen gewirkt haben, bevor die Industrialisierung Prioritäten verzerrte. Was muss da im Mittelalter vorgegangen sein! Galilei hat das Fernrohr auf die Himmelskörper gerichtet - die Köpfe müssen sie sich eingeschlagen haben - in tiefer Nacht - um sich dieses Naturspektakel unter die Haut zu ziehen. Das muss wie in den 50ern einen Fernseher zu besitzen gewesen sein. Klar, dass die Inquisition aus dem Häuschen geraten war. Gott über die Schulter schauen zu wollen, das war unerhört, das ging zu weit.
Mein erlauchter Vater schimpft mich die hedonistische Generation, die keinen Krieg miterlebt habe. Reiselust, Ausgelassenheit, Bedenkenlosigkeit, Kurzweil. Aber es ist nicht diese Generation, es ist die zyklische Wiederkehr, der Hauch von Untergang wie bei Poe's "Roter Tod" oder Merkels "Covid 19", bevor eine neue Qualität entsteht: eine neue Art nach dem Aussterben der Saurier; ein neuer Mayakalender, nachdem der alte abgelaufen war.
Wendeherbst in Ostberlin: Hackescher Markt: Verfall, Decay, aufgerissene Straßen, Häuserwände mit fünfzigjährigen Schussverletzungen. Da schieben sich genauso alte Nerze, einer nach dem andern in das Hinterhaustheater, getrieben von Neugier und Lust; schlammige Pfützen, Hundekacke, Rattenlöcher, katzenbepisste Steinhaufen, die Armut der Gosse ignorierend. Aber Avantgarde braucht diesen produktiven Hintergrund, Millionen auf dem Bankkonto verkümmern Erfindergeist. - Wo lebt denn der Gospel? In den schwarzen Kirchen der Südstaaten, während gleichzeitig feuchter Schimmel weiß-viktorianischen Reichtum zuwuchert.
Und leitete die Wende nicht das Ende einer zweitausendjährigen christlichen Epoche ein? Und entsteht nicht irgendetwas Neues? Wen kümmert's noch, was für ein Dummdummgerede Politiker in den Äther schnauben. Feuerluft! Was zählt noch Familie, Ethik, Moral im Sinne christlicher Dogmen? Schneller und extremer Lustgewinn bestimmt das Handlungsgebaren der Individuen der neuausgebrochenen Epoche. Sie schau'n mich so fragend an, wissen nicht wovon ich rede?
Vielleicht ein Beispiel. Auf den Outbacktouren bleibt das Autoradio für lange Zeit einzige Verbindung zur sogenannten Zivilisation. Auf einmal eine Direktübertragung aus Berlin - meiner Heimatstadt! Da werden die Eukalyptusbäume plötzlich vom Technosound einer Love-Parade durchgerüttelt - kein Wind, nur der Sound aus den Boxen meines Autoradios. Und in die sonnendurchflutete Einsamkeit keuchen Interviewte irgendetwas in gebrochenem Englisch hierher zu mir auf die Südhalbkugel. Da kackt gerade noch ein Känguru in die sich neigende Sonne wo sich zur gleichen Zeit Abertausende halbnackt nach Berlin zum Abzappeln und zum Im-Rudel-Rum-Bumsen aufgemacht haben. Zig Tausende, der ganze Tiergarten ist zerlatscht und breitgelegen. Keine Ethik, keine Moral, schnelle Lust anstatt. Und außerhalb der Saison treffen sich Tausende Jungs unter 30, kahlköpfig, knallenges Gummi, Bomberjacke, Uniform ein, zwei E's eingeworfen im Bunker, Eimer, Tresor, Reichsbahn-Ausbesserungs- oder E-Werk, bis das Wochenende zweimal getagt hat. Die Schwänze prall geladen mit Durchhaltedroge im Technorausch. Im Dunkel der Kompartimente zwischen künstlichem Nebel, echter Pisse, Amylnitrit und durchgeschwitztem Leder und Gummi geht's dann um nackte bzw. eingepackte Befriedigung. Nichts zählt mehr als der überlaute, antreibende Beat. Die Sinne zerfetzt, die Scheinmoral der letzten Epoche abgelegt, deren eingezwängte Seelen immer noch versuchen mit Parkboxen, Investruinen, Verwaltungsdiktatur und Geldgeschäften den Glimmer ihrer Epoche am Scheinen zu halten, ohne zu bemerken, dass das Ende ihrer Epoche schon lange eingeläutet ist. Der Counterpart also ein apokalyptisches Aufbrausen mit Bodywahn. Wie, wenn im letzten Mondviertel des Oktobers der Ozean zu Irisieren beginnt, ein Leuchten von Milliarden kleinster Lebewesen, die in dieser Nacht ihre Geschlechtsprodukte ins Wasser ausspritzen und Evolution in Gang halten. Biolumineszenz von Quallen, Würmern, Hüpferlingen, Flagellaten, Garnelen. Eine unendliche Welt hier und doch das Ende einer zwei-tausendjährigen Epoche dort: kein Gott mehr, kein Glauben, außer an sich selbst, seinen Körper, seine Kraft und die schnelle Lust haucht Katholizismus und Folgereligionen aus.
Und während ich mich noch mit meinem Autoradio alleine zwischen den Eukalyptusbäumen wähne, nährt sich ein Dröhnen von Motorrädern. Drei, vier, fünf Enduros knattern querfeldein an mir vorbei. Die bunten Leder-Goretex-Kombis der Endurofahrer sind eingestaubt und schlammbeschmiert. To the limits - an die Grenzen des eigenen Könnens, der letzte Wüstenstrich wird von Abenteuerlust zerwühlt, da hängt einer an zwei Fingern und vielleicht noch einem Nylonfaden von der Klippe und spürt nicht Angst ob der hunderte Meter Nichts unter ihm, sondern ist abenteuerbefriedigt... Wende zu Ende!"

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