(openPR) Bangkok, 28. März 2020,
Verfasser: Asien-Strategieberater Dr. Gunter Denk
Die Corona-Krise hat und in dramatischer Weise vor Augen geführt, wie sehr wir uns, unsere Wirtschaft und unseren Lebensstandard von China abhängig gemacht haben. Dabei gab es Warnzeichen und Fehlentwicklungen schon seit Jahren, und zwar unabhängig von der gegenwärtigen Krise. Jetzt ist es wichtiger denn je, über ein Hedging der Abhängigkeiten gerade von China nachzudenken. Ein Umdenken ist angesagt.
Die Fehlentwicklungen
Dass der asiatische Wirtschaftsraum nach aller Vorausschau der nachhaltigste Wachstumsmarkt auch für die nächsten Jahrzehnte ist, hat sich heute unter exportabhängigen Unternehmen herumgesprochen. Auffällig speziell in Deutschland ist, dass „Asien“ dabei seit Jahren von den meisten KMU (Kleine und mittleren Unternehmen) mit „China" gleichgesetzt wird. Anders als bei den ehemaligen Kolonialmächten Frankreich, England oder den Niederlanden fehlt offenkundig die gewachsene Verbindung mit Alternativen wie Malaysia, Indonesien, Thailand oder Vietnam.
Zahlreiche Mittelständler eilten so nach China und kämpfen dort noch nach Jahren um die Rentabilität ihrer Investition und mit den besonderen Risiken des Reichs der Mitte. Andere geben nach Jahren voller Widrigkeiten desillusioniert auf, wie dies im Falle „Märklin“ durch die Presse ging.
Die Gründe und die Symptome des Scheiterns sind weit diskutiert. Im Wesentlichen lassen sich in folgenden Ursachen zusammenfassen:
• Frühzeitige und „alternativlose“ Festlegung auf das risikobehaftete China als Investitions- und Markteintrittsland
• Ungeprüfte Übertragung der Erfolgskonzepte aus Europa auf den asiatischen Markt
• Mangelhafte interkulturelle Vorbereitung des Managements und der Mitarbeiter auf die Herausforderungen der Geschäftskultur in China
• Verzicht auf Investitionssicherung und Investitionsförderung alternativer Standorte zu China und als Folge:
• Probleme mit Joint Venture-Partnern oder betrügerischem lokalen Management, sowie (häufig damit verbunden)
• Diebstahl des Know-hows durch illoyale Geschäftspartner und/oder Mitarbeiter
• Über Jahre überproportional steigende Produktionskosten
• “Strategische Bedeutung“ als Entschuldigung für Verluste über Jahre
• Übermäßige Inanspruchnahme der Managementressourcen, die die Konzentration auf das Kerngeschäft nachhaltig beeinflussen
Chancen und Risiken der ASEAN-China Free Trade Area (ACFTA) wurden übersehen
Mit ACFTA, die 2015 umfassend in Kraft trat, entfiel für 91 % der 7000 tarifierten Warengruppen sämtliche Zölle zwischen den ASEAN-Staaten und China. ASEAN umfasst die 10 Länder Singapur, Thailand, Vietnam, Indonesien, die Philippinen, Brunei, Malaysia, Laos, Kambodscha und Myanmar.
Transaktionskosten durch Zölle zwischen den 11 Staaten und rund zwei Milliarden Verbrauchern fallen damit praktisch weg. Frachtkosten und zwischen Wirtschaftszentren der ACFTA bewegen sich im unteren dreistelligen Dollarbereich für einen Container und spielen so praktisch auch keine Rolle.
Innerhalb des Freihandelsraumes war zunächst China Gewinner des Abkommens. Die Skalenvorteile der eigenen Produktionszentren werden durch die neuen Märkte der ASEAN-Staaten noch verstärkt. Die Niedriglohnregionen im Westen Chinas treten verstärkt im Wettbewerb zu den Billiglohnländern wie zum Beispiel Indonesien. Das Handelsbilanzdefizit der ASEAN-Staaten hat sich seit Beginn des Stufenweisen Abbaus der Zollschranken gegenüber China verfünffacht.
Für europäische Direktinvestitionen in den ASEAN-Staaten brachte das Abkommen höchst attraktive Vorteile: Sie haben freien Zugang zum chinesische Markt und nutzen die massiven Investitionsanreize, die die ASEAN-Staaten – von Land zu Land unterschiedlich – den westlichen Investoren bieten, die ihnen helfen, das Handelsdefizit zu China zu mindern.
Richtig ist aber auch, dass gleichzeitig für die deutschen Exporteuren, die sich auf das klassische, investitionsfreie Exportgeschäft nach China oder in die ASEAN-Staaten verlassen, gravierende Nachteile die Folge waren: Zu den qualitäts- und kostenbedingten Preisnachteilen deutscher Anbieter kommen durch ACFTA zusätzliche zolltarifliche Nachteile gegenüber Wettbewerbern hinzu, die im ACFTA-Raum produzieren oder durch bilaterale Abkommen mit ACFTA Erleichterungen genießen.
Gerade die Maschinenbau- und Elektroindustrie, deren Produkte zum Teil mit Zöllen bis zu 30 % (auch auf die Frachtkosten!) belegt sind, war dies in besonderer Weise spüren. Ihr Preisnachteil gegenüber Wettbewerbern aus China, Malaysia oder Thailand erhöht sich drastisch.
Kernpunkte der Hedging-Strategie
Seit 2005 hat Sanet eine Asienstrategie entwickelt, die gegen typische Risiken gerade in China absichert und gleichzeitig die Chancen dieses Wirtschaftsraums optimal zu nutzen hilft. Die Strategie erhält durch ACFTA zusätzliche Vorteile, die jeden Entscheidungsprozess für einen Markteintritt nach Asien prägen müssen.
Die Grundzüge der Strategie sind:
1. Ein ergebnisoffener Entscheidungsprozess, der Risiken bei der Standortentscheidung vermindert und die besonderen Chancen alternativer Standorte nutzt.
2. Die Verbindung von Skalenvorteilen mit verminderten Handelskosten, also die Reduzierung der Stückkosten durch neue Märkte und die Nutzung verminderter Handelskosten durch Vermeidung von Zöllen und Transportkosten.
3. Die regionale Risikoverteilung durch Absicherung („Hedging“) der kapitalintensiven Hauptinvestition durch eine weniger kapitalintensive (zweite) Betätigungsform an einem zweiten Standort.
4. Die zentrale Holding in Asien. Sie ist die Basis der Expansion und das rechtstechnische Bindeglied zwischen den Unternehmensteilen in Europa und Asien
Ein ergebnisoffener Entscheidungsprozess
Japaner und Koreaner, neben China die dominanten Volkswirtschaften im asiatischen Raum, setzten bei Ihren Auslandsinvestitionen zu keiner Zeit allein auf die chinesische Karte. Zum Teil aus historisch begründeten Ursachen, aber auch aus Gründen der Investitionssicherheit und der Kosten „hedgen“ die Unternehmen diese Länder ihre Fertigungsstädten seit Jahrzehnten intensiv durch ein Engagement in Südostasien, insbesondere in Thailand und Vietnam,
Für deutsche Unternehmen standen bislang historische Gründe einer Standortentscheidung zugunsten Chinas nicht im Wege. Bei Direktinvestitionen wurden Alternativen zu China schon deshalb nicht in Betracht gezogen, weil jeder Standort außerhalb Chinas mit zusätzlichen Zoll- und Transportkosten bei der Belieferung des chinesischen Zielmarktes verbunden waren.
So wurden die oben erwähnten Risiken in Kauf genommen, eine Prüfung von Alternativen gar nicht erst vorgenommen und die Festlegung auf China als Investitionsstandort als „alternativlos“ vorgenommen.
(1) Eine solche frühe Festlegung ist spätestens seit ACFTA ein schwerwiegender Fehler im Entscheidungsprozess.
Die Untersuchung der Rahmenbedingungen für eine Investition
Der freie Marktzugang zu allen Regionen der ACFTA macht es möglich und zum Gebot für die Strategiefindung einer Produktionsinvestition, zunächst die Rahmenbedingungen für die Direktinvestition zu prüfen, und zwar unabhängig vom eigentlichen Zielmarkt der Produkte.
Zu den Prüfungskriterien gehören insbesondere:
• Die Investitionssicherheit, das heißt z.B. die Möglichkeit zum Erwerb von Landeigentum, die Rechtsstaatlichkeit, das Rechtssystem, Investitionsschutzabkommen, Korruptionsschutz, Repatriierung von Gewinnen, das Recht, 100 % der Anteile einer Tochtergesellschaft zu
besitzen und diese unabhängig zu managen.
(2) Der Schutz des Know-hows, das heißt, wie stark schützen die formale Rechtslage, die Rechtspraxis, der politische Wille der Staatsführung, die Behörden und die Geschäftskultur den Investor vor Gefahren für sein geistiges Eigentum.
• Die Investitionsförderung, also z.B. Dauer und Umfang der Befreiung von Körperschaftssteuern, Abschreibungen auf Logistik- und Infrastrukturkosten, unkomplizierte Arbeitsgenehmigungen für Ausländer, gut vorbereitete Industriezonen und verlässliche bürokratische Abwicklung der Förderung
• Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, also z.B. Arbeitsmarkt und Arbeitskosten, Verkehrsverbindungen, sichere Infrastruktur, ein gute Lieferantenbasis, ein attraktiver Binnenmarkt, gute Lebensverhältnisse für ausländische Manager und ähnliche Kriterien.,
Eine vergleichende Untersuchung wird für nahezu jede Industrie eine Reihe von attraktiven Standorten ergeben. Eine vorzeitige Festlegung auf ein Land wäre fahrlässig.
Die Verbindung von Skalenvorteilen mit verminderten Handelskosten
Wesentlich für den wirtschaftlichen Erfolg einer Asienstrategie ist die Entscheidung, wie das Unternehmen die zukünftige Produktion seiner Waren zwischen dem Heimatstandort und dem neuen Investitionsstandort aufteilen und organisieren möchte.
Dabei kommen drei Optionen in Betracht:
Option 1: Jedes Produkt wird in der Absatzregion auch produziert („Horizontale Strategie“). Dies reduziert Handelskosten, also Frachten und Zölle und schafft Marktnähe. Die Redundanz der Produktion verhindert allerdings Effizienzgewinne durch größere Produktionsmengen und verminderte Stückkosten (Skalenvorteile).
Option 2: Wer umgekehrt die Produktion jedes Produktes auf einen Standort konzentriert („Vertikale Strategie“), erzielt hohe Effizienzgewinne, nimmt allerdings erhöhte Handelskosten durch Transporte und Zölle in den Märkten in Kauf, in die ein Produkt eingeführt werden muss.
Option 3: Beide Vorteile miteinander zu verbinden, und die jeweiligen Nachteile zu vermeiden, ermöglich ACFTA. Man kann nämlich durch eine Produktion im ACFTA-Raum Teilkomponenten in voller Stückzahl an einem der Produktionsstandorte produzieren und diese an beiden Standorten zum Endprodukt zusammenführen.
Im Ergebnis erreicht man mit dieser „Plattformproduktion“ die volle Senkung der Stückkosten durch höhere Produktionsmengen. Bei der Vermeidung fälliger Importzölle kommt dem Investor der Umstand zugute, dass die meisten ASEAN-Staaten im Rahmen ihrer Fördermaßnahmen den zollfreien Import von Komponenten zumindest mehrjährig für die lokale Produktion als Fördermaßnahme zusichern.
Die Regionale Risikoverteilung:
Wesentlicher Bestandteil der Sanet Hedging-Strategie ist es, die kapitalintensive Hauptinvestition durch eine weniger kapitalintensive (zweite) Betätigungsform an einem zweiten Standort abzusichern also zu „hedgen“.
In der Praxis bedeutet dies zumeist, den Produktionsstandort zwar in einem der ASEAN-Staaten einzurichten, jedoch in China eine zweite Präsenz zu etablieren. Dies ergibt sich daraus, dass sich die rechtlichen, kulturellen und praktischen Risiken für ausländische Unternehmen in aller Regel als deutlich höher erweisen als in den „kleinen Tigerländern“ der ASEAN. Umgekehrt bieten diese die besseren Förderangebote und stabileren Rahmenbedingungen.
Politische Risiken in der gesamten ACFTA-Region basieren zunächst auf der heterogenen Struktur dieser Länder in Bezug auf Staatsordnung, Rechtsordnung und Religion. Hinzu kommen historisch bedingte Spannungen und unterschiedliche geopolitische Interessen. Auch witterungsbedingte Produktionsstörungen von erheblicher Dauer sind in Asien potentielle Störfaktoren. Die Flut in 2011 in Thailand mit 8.000 zerstörten Fabriken oder die regelmäßigen Stürme in Südostasien sind Beispiele für solche Beeinträchtigungen.
Die Back-up Präsenz
Dieses Risiko ruft nach einer Back-up-Präsenz an einem zweiten Standort im jeweils anderen Teil der ACFTA-Kernregionen ASEAN und China. Liegt die Hauptinvestition in den ASEAN-Staaten, wird diese durch eine Betätigung in China abgesichert.
Diese zweite Präsenz muss nicht zwingend investiv sein, ist aber dennoch mit einem (relativ geringen) Kapitalaufwand erfolgen. Dieser sollte allenfalls 10-20 % der Gesamtinvestition betragen.
Als solches „Hedging“ empfiehlt sich ein Einkaufs- und/oder Servicebüro. Schon das primäre Investitionsziel, insbesondere China mit den in ASEAN hergestellten Produkten zu beliefern, bedingt - unabhängig vom Fertigungsstandort - eine markt- und damit kundenahe Präsenz. Chinas Markt vertriebsbzogen aus einem anderen Land heraus zu betreuen, erscheint schon aufgrund der Größe des Landes nicht zielführend.
Diese zusätzliche Präsenz in China kann dafür genutzt werden, um für das Produktionsort in den ASEAN-Staaten Lieferquellen für Rohmaterialien und Komponenten zu erschließen. Die Produktionsnetzwerke in China bieten noch immer eine Lieferantenbasis, die in Hinblick auf Vielfalt und Wettbewerbsfähigkeit so in einem anderen Staat der ACFTA schwer zu finden ist.
Im Falle einer Behinderung der Produktion durch lokale politische oder wirtschaftliche Krisen im südostasiatischen Fertigungsstandort wird im Zuge dieser Risikoverteilung das Lieferantennetz so strukturiert, dass im Krisenfall kurzfristig die Lieferanten gebündelt und eine Auftragsfertigung in China aufgebaut werden kann. Umgekehrt, im Falle einer Störung des chinesischen Lieferquellen durch Krisensituationen werden die meisten dieser Teile und Komponenten – wenn auch vielleicht nicht zugleich günstigen Preisen – im Produktionsland oder im südostasiatischen Nachbarraum als Ersatzbeschaffung zur Verfügung stehen
Die zentrale Holding in Asien
Die Absicherung der Zukunftsentwicklung ist eine wesentliche Säule der Strategiefindung und der Zukunftssicherung der Internationalisierungs-Strategie. Dabei geht es um die Vorbereitung der weiteren Unternehmensentwicklung im gesamtasiatischen Raum.
Wir empfehlen, sämtliche Betätigungsformen in ACFTA von Anfang an unter einer Holding vorzugsweise in Singapur oder Hongkong zu koordinieren. Der Standort von Honkong bietet dabei eine optimale Systemverbindung zwischen den unterschiedlichen Wirtschaftssystemen innerhalb ACFTA.
Er bietet nämlich den praktischen Vorteil, dass die dortigen finanziellen Dienstleister zumeist mit den chinesischen Buchführungsvorschriften und gleichzeitig mit westlichen GAPs hervorragend vertraut sind. Dies erspart gerade im Umgang mit Tochtergesellschaften oder Büros in China die schwierige und häufig missverständliche Kommunikation zwischen der zentralen deutschen Finanzabteilung und den Dependancen bzw. staatlichen Stellen in China.
Zudem bietet eine Holding generell eine sehr gute Möglichkeit, beim Ausbau der Präsenz in mehreren Ländern Asiens sowohl die organisatorischen Verantwortlichkeiten, als auch die finanziellen Ressourcen zu koordinieren und zu bündeln. Hong Kong und Singapur qualifizieren sich darüber hinaus durch seine Steuerbefreiung für Geschäfte, die nicht unmittelbar in Hong Kong vereinbart oder ausgeführt werden.
Zusammenfassung
Wer die Abhängigkeiten und Risiken einer Produktion in China vermeiden möchte, dennoch aber zoll- und nahezu frachtkostenfrei nach China liefern will, der wählt einen Produktionsstandort in den ASEAN-Staaten . Am Beispiel Thailands kumuliert er dann folgende Vorteile:
• Steuerbefreiung für 5 – 8 Jahre zuzüglich weiterer 5 Jahre 50 % Steuernachlass
• Verlustvortrag bis Ende der Steuerbefreiung
• Recht auf Landeigentum
• Deutsches Rechtsystem und hoher Know-how Schutz durch Sondergericht
• Zollfreier Zukauf von Komponenten, Material und Maschinen aus China und 10 ASEAN-Staaten
• Zollfreier Import (zeitlich begrenzt) von Maschinen, Komponenten und Material aus Europa
• Tiefe Lieferantenstruktur in Thailand
• Günstige Produktionskosten mit niedrigen Löhnen (Mindestlohn ca. 1,25/Stunde)
• Niedrige Transportkosten nach China
• Zollfreier Export nach China und in die 10 ASEAN-Staaten
• Freihandelsabkommen mit Indien, Südkorea, Japan, Australien und Neuseeland
• Repatriierung von Gewinnen











