(openPR) MECKENBEUREN-LIEBENAU - 501 Kerzen brennen. Jede von ihnen steht für ein Menschenleben. Die Kerzen führen zum großformatigen Bild des roten Busses mit blinden Scheiben. Mit ihm wurden die Patienten – vom NS-Regime als lebensunwertes Leben bezeichnet – ab dem 1. Juli 1940 "verlegt". 501 Menschen aus Liebenau wurden in eigens für diesen Zweck eingerichteten Tötungsanstalten wie Grafeneck ermordet. Mit einem Gottesdienst setzte die Stiftung Liebenau am 27. Januar ihr Gedenken an die Liebenauer Euthanasie-Opfer fort.
Es waren Menschen
Ganz bewusst wurde der Beginn des Gedenkgottesdiensts für die 501 Liebenauer Euthanasie-Opfer nach draußen gelegt. "Wir wollen ein Stück Kälte aushalten", sagte Prälat Michael H.F. Brock, Vorstand der Stiftung Liebenau, und zeigte zum Bild des Busses, der auch zu einer Ausflugsfahrt aufbrechen könnte. "Wir sprechen von unmenschlichen Taten", so Brock. "Aber es waren keine Unmenschen, es waren Menschen. Wir sprechen von barbarischen Taten. Aber es waren keine Barbaren, es waren Menschen." Leider gebe es kein Lernen der Generationen. Vielmehr müsse jeder neu und für sich lernen, dass jeder Mensch mit Würde ausgestattet sei. Brock warnte vor der Spirale, Kategorien für lebenswertes und lebensunwertes Leben zu bilden. "Eine solche Spirale kann nur zur Unmenschlichkeit führen."
Ein Schicksal stellvertretend für viele
Jeder der Besucher des Gedenkgottesdienstes nahm eine der Kerzen mit in die Kirche und erhielt eine weiße Rose. Stellvertretend für die vielen Opfer, berichtete Prälat Brock von einem Schicksal. "Das Schicksal vieler übersteigt unser Vorstellungsvermögen", schickte er voraus. Den Blick auf ihre Kerze oder ihre Rose gerichtet hörten die Besucher den "Brief an Anna", der von einem ihrer Nachfahren geschrieben wurde. Zufällig sei er im Internet über den Namen der früh verstorbenen Schwester des Vaters gestoßen. Prälat Brock liest von den Spuren der Erinnerung: "Anna war ein liebes, sanftmütiges Mädchen. Man konnte sich ganz normal mit ihr unterhalten, nur das Lernen fiel ihr schwer. Nach dem Besuch der Hilfsschule ging sie der Mutter im Haushalt zur Hand."
Habt ihr während der Fahrt geredet?
Nach dem nationalsozialistischen Rassegesetz galt Annas Leben als minderwertig und sie wurde am 2. November 1935 zwangssterilisiert. Als schwachsinnig eingestuft kam sie in eine Heil- und Pflegeanstalt. Beim fragwürdigen Intelligenztest wurde Anna nach dem Unterschied zwischen einem Kind und einem Zwerg gefragt. "Kinder gehen in die Schule, Zwerge tragen Zipfelmützen", wurde als Antwort festgehalten. Anna konnte Rhein und Ruhr als deutsche Flüsse nennen und einfache Rechenaufgaben lösen. Am 6. März 1940 wurde sie nach Grafeneck "verlegt". Die Fahrt dauerte stundenlang. "Habt ihr während der Fahrt geredet? Hoffentlich hat sich niemand gewehrt oder seine Angst herausgeschrieen", las Prälat Brock. "Du wurdest ‚verlegt‘! Und du ‚verstarbst‘ am 23.04.1940 – Todesursache Bauchfellentzündung – welch beschönigende Worte für das, was mit Dir geschah!".
Kerzen und Rosen am Gedenkstein
"Schenke uns einen wachen Blick für Ideologien und Menschen, die uns verführen wollen", lautete eine der Fürbitten. Viele Besucher brachten ihre Kerze und ihre Rose nach dem Gottesdienst zum Gedenkstein mit den Namen der 501 Liebenauer Euthanasie-Opfer in der Kirche oder zum "Stolperstein" beim Eingang zum Schloss. "Die Krankenzimmer sind gelüftet, die Betten neu bezogen. Aber das Rollen der Räder auf den Gleisen vibriert unter dem Gras, das darüber gewachsen ist. Ganz leise", zitierte Prälat Brock aus einem Gedicht.













