(openPR) Junger Radio-Talk kokettiert mit schwul-lesbischen Themen und verpasst eine große Chance
Müssen Schwule und Lesben in Deutschland heute noch für ihre Rechte auf die Straße gehen? Oder sind CSDs inzwischen nicht eher wie ein buntes Straßenfest?
Diese und ähnliche Fragen stellte Moderatorin Caroline Korneli sich und ihrer Hörerschaft in einer Ausgabe des Jugend-Talkradios "LateLine" am vergangenen Dienstag.
Die Sendung, die laut eigener Aussage "Denken verursacht", griff damit im Kontext der laufenden CSD-Saison ein durchaus spannendes, wichtiges und kontroverses Thema auf – ihrem eigenen Anspruch wurde sie dabei leider nicht gerecht.
Nach einem inhaltlich nur mäßig wertvollen Einstiegsgespräch mit dem bisher einzigen, offen schwulen Fußballer Markus Urban, der diese Plattform wie gewohnt professionell zur Bewerbung seines Buches nutzte, wandelte sich die Sendung zu einem über weite Strecken inhaltslosen und betont liberalen Plausch ohne besonderen Tiefgang.
Dass Caroline Korneli dabei selbst bisweilen die größten homosexuellen Klischees vom Stapel ließ, schien die unvorbereitet wirkende Moderatorin gar nicht zu bemerken.
Man möge ihr zugute halten, dass vermeintlich provokante Aussagen, Homosexuelle seien inzwischen doch vollkommen anerkannt, dürften heiraten und auch Kinder adoptieren, einzig zur Befeuerung einer kontroversen Diskussion beitragen sollten.
Dennoch lässt dies nicht über die hochgradige Fehlinformation Kornelis hinsichtlich rechtlicher Grundsatzfragen, ihren mangelnden Überblick über die Thematik und eine wenig differenzierte Eigenperspektive hinwegsehen.
So betonte sie unentwegt ihren eigenen, liberalen Umgang mit Homosexualität, bestärkte darin ihre (dies ist im Grunde positiv zu werten) zumeist gleichermaßen argumentierenden Anrufer_innen – und vermittelte in der Gesamtheit den Eindruck einer vollkommen toleranten und gleichberechtigten Gesellschaftsrealität.
Derweil häuften sich auf dem Internetblog der Sendung Kommentare dieser und ähnlicher Art (Originalzitat): "Ich habe nichts gegen Schwule, doch die, die behaupten, es wäre keine Krankheit, liegen meiner Meinung nach falsch…In der Natur ist es nicht vorgesehen, also muss es krankhaft sein. Oder bin ich gesund, nur weil ich und meine Mitmenschen mit meiner bspw. Zwangsneurosen leben können?"
Nicht nur in Hinblick auf diese Gegenposition im konkreten Umfeld der Sendung wäre es an Korneli gewesen, zu konstatieren und ihren zum Teil sehr jungen Anrufern mit auf den Weg zu geben, dass die eigene Wahrnehmung und Haltung selten auf die Gesellschaft als solche übertragbar sind. Sowie der Diskussion weitere kontroverse Fakten anheim zu stellen, die erst dann zu einer fruchtbaren Debatte hätte reifen können: So wurde unter anderem in keinem Moment die offenkundige Tatsache erwähnt, dass die Selbstmordrate unter homosexuellen und transidenten Jugendlichen auch in Deutschland nach wie vor fast viermal so hoch liegt wie bei gleichaltrigen Heterosexuellen.
Stattdessen plauderte die Moderatorin mit ihren Anrufer_innen über "Mädchensachen", die man mit Schwulen so tun könne und bot damit selbst das beste Beispiel für eines jener Klischees, das vor allem männlich-homosexuellen Jugendlichen in vorwiegend patriarchisch und anarchisch-männlich geprägten Gesellschaftsstrukturen ein Outing auch heute noch massiv erschwert.
Ihre größte Chance, der Sendung den so sehr vermissten Tiefgang zu geben, verpasste Korneli im Gespräch mit den wenigen homosexuellen Anrufern dann auch nicht nur um Haaresbreite.
Statt den sich ihr angebotenen Perspektivwechsel zu nutzen, flüchtete sie sich – von einigen inhaltlich relevanten Rückfragen abgesehen – schnell zurück in klischeehafte Banalitäten: Ob man ihm seine Homosexualität denn ansehe, befragte sie einen schwulen Anrufer und eröffnete kurz darauf und wenig zielgruppen-sensibel der Hörerschaft, sie fühle sich auf schwul-lesbischen Partys ab und an von Homosexuellen ausgegrenzt.
Obgleich Korneli an wenigen Stellen, so beispielsweise in ihrer vehementen Verteidigung der Gleichberechtigung homosexueller Eltern, kurzzeitig zu ihrer bekannt guten journalistischen Form zurückfand, vermochte sie doch nicht zum Kern der Problematik vorzudringen: Die tatsächliche Sachlage wurde auf weiten Strecken nur unzureichend dargestellt, einseitige Aussagen blieben unkommentiert, Reflexionen der eigenen Perspektive blieben aus und es fehlte die – gerade für Jugendliche – ernsthafte Behandlung des Spannungsfeldes zwischen Selbstverwirklichung und Selbstausgrenzung.
Durch eine kritischere Betrachtungsweise hätte diese Ausgabe der "LateLine" auch im lockeren Umfeld einer Jugend-Talkshow entscheidend zur Akzeptanz Homo- und Bisexueller und Transidents beitragen können. Bedauerlich, dass dieser Kunstgriff nicht gelungen ist!
Wir sehen es daher als unsere Pflicht an, im Interesse der zahlreichen schwulen, lesbischen und transidenten Jugendlichen, die sich in unserem Verband organisieren, darauf aufmerksam zu machen, wie entscheidend eine tiefer gehende und ambivalente Auseinandersetzung mit der genannten Thematik ist:
Nur wenn in einer Debatte um die Relevanz schwul-lesbisch-transidenter Emanzipation – neben wünschenswerten Einzelerfahrungen – auch ganz deutlich gesellschaftliche Tatsachen abgebildet und kommuniziert werden, kann ein ernst gemeinter Dialog gleichsam dem notwendigen Aufklärungsanspruch gegenüber homo- und bisexuellen sowie transidenten Jugendlichen gerecht werden. Und darüber hinaus andere, ebenso wichtige Sichtweisen und berechtigte Kritik an eben jenem Prozess zulassen.
Wir wünschen uns und fordern das Team der "LateLine" zu einer Sendung auf, die sich in angemessener, aber auch kritischer Weise noch einmal mit der Situation (jugendlicher) Homo- und Transsexueller in Deutschland auseinandersetzt und dabei dem eigenen Anspruch, Jugendliche zum Denken anzuregen, gerecht wird.
Das Jugendnetzwerk Lambda e.V.
Köln, 20. Juli 2010











