(openPR) Professor Jean Claude Mbanya, Präsident der Internationalen Diabetes-Föderation (IDF), kommentierte die Ergebnisse einer neuen Studie in China zu Diabetes, die im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurden.
China ist nun das Land mit den meisten Diabetikern
Frühere Berechnungen der IDF (Diabetes Atlas Fourth Edition, veröffentlicht im Oktober 2009) gaben aufgrund der besten verfügbaren Daten die Anzahl der Menschen mit Diabetes in China mit 43,2 Millionen an. Nun scheint es so, als ob China inzwischen Indien überholt hat und mit 92,4 Millionen Menschen mit Diabetes jetzt das globale Epizentrum der Diabetes-Welle ist.
Einige Differenzen zwischen den alten und den neuen Zahlen könnten in den unterschiedlichen Methoden der Studien liegen. Sicher spiegeln die neuen Zahlen jedoch ein rasantes Anwachsen der Häufigkeit von Diabetes in den vergangenen Jahren wider. In Anbetracht der neuen Studie erwartet die IDF nun bis zum Jahr 2030 einen Anstieg der weltweiten Anzahl von Menschen mit Diabetes auf fast eine halbe Milliarde.
Warum so große Unterscheide zwischen den alten und neuen Zahlen bestehen; Bedeutung für die politischen Entscheidungsträger
Es ist nicht wirklich überraschend, dass die neue Studie fast doppelt so viele Diabetes-Fälle annimmt als vorher gedacht. Die IDF stützte ihre Berechnungen aus 2009 auf Ergebnisse einer Studie von „Gu et al“ aus 2003 – die besten zu dieser Zeit verfügbaren Daten. Es ist wichtig zu betonen, dass die IDF einen konservativen Modell-Ansatz nutzt. Wenn in der Welt neue Studien durchgeführt werden, sieht die IDF stets einen großen Anstieg bei den Diabetes-Zahlen. Die IDF begrüßt die neue im New England Journal of Medicine veröffentliche Studie. Die Methode ist gut, da sie eine große, gut zusammenstellte Stichproben-Auswahl und die Goldstandard-Methode für die Feststellung von Diabetes verwendete. Sie nutzte den oralen Glukosetoleranztest, wie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen. Dies zeigt, dass die weltweite Belastung durch Diabetes weitaus größer ist als bisher angenommen. Es ist ein Weckruf für die Regierungen und politischen Entscheidungsträger, um gegen Diabetes anzugehen.
Niveau des öffentlichen Bewusstseins über Diabetes
Rund um die Welt gibt es viele Menschen mit Diabetes, die noch nicht diagnostiziert sind. In einigen ärmeren Ländern sind 80 bis 90% der Diabetiker nicht diagnostiziert, während selbst in wohlhabenden Ländern etwa 30% nicht diagnostiziert sein könnten.
In China sind 60,7% nicht diagnostiziert, dies dürfte aus der Kombination aus schwachem öffentlichem Bewusstsein gepaart mit schlechtem Zugang zu Gesundheitseinrichtungen resultieren. Viele Menschen haben schon über einen längeren Zeitraum Diabetes, bis es zur Diagnose kommt. Bei vielen wird Diabetes erst festgestellt, wenn sie wegen anderer Gründe ärztliche Hilfe benötigen (z. B. wenn sie wegen eines Herzinfarktes ins Krankenhaus kommen). Je länger der Diabetes nicht festgestellt wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Blutzuckerwerte schlecht kontrolliert sind und somit das Risiko für Diabetes-Komplikationen, die zu Erblindung, Nierenversagen, Amputationen und Schlaganfällen führen können, erhöht ist.
Wie Chinas Gesundheitssystem gerüstet ist, mit Diabetes umzugehen; Herausforderungen und die Bedeutung der Aufklärungs- und Gesundheitsreform
Durch die Zusammenarbeit mit den chinesischen Behörden weiß die IDF, dass China eine Gesundheitsreform durchführen muss (z. B. Umgang mit Diabetes und anderen Krankheiten an der Basis wie in Krankenhäusern oder bei Hausärzten). Auch die interdisziplinäre Aufklärung und Betreuung (z. B. Betreuung von Diabetikern durch ein Team von Fachleuten aus den Bereichen Aufklärung, Ernährung, Endokrinologie etc.) muss geändert werden. Es gibt in Teilen Chinas wie Shanghai oder Hongkong hervorragende interdisziplinäre Programme, aber die schiere Anzahl an Diabetikern stellt eine extreme Herausforderung dar.
Eine wegweisende Studie in China hat 1997 bewiesen, dass die Prävention funktioniert. Die „Da Qing“-Studie zeigte, dass eine gesteigerte körperliche Aktivität und eine verbesserte Ernährung die Häufigkeit von Typ 2-Diabetes reduziert. Kürzlich zeigte eine Folgestudie, dass die positiven Effekte über 20 Jahre lang anhalten.
Die Herausforderung für China – und alle anderen Länder – ist nun, Wege zu finden um den Menschen zu helfen, ihre körperliche Aktivität zu steigern und ihre Ernährung zu verbessern. Das erfordert einen integrierten Ansatz und bezieht andere Sektoren außerhalb des Gesundheitswesens, z. B. Stadtgestaltung und Lebensmittelrecht, ein.
Der IDF-Mitgliedsverband in China, die Chinesische Diabetes-Gesellschaft, arbeitet mit den chinesischen Gesundheitsbehörden zusammen, um die Aufklärung und das Selbstmanagement bei Diabetes zu fördern – beides unverzichtbar beim Umgang mit Diabetes.
Wie Zivilisationskrankheiten in den Entwicklungsländern die Infektionskrankheiten überholen; wirtschaftliche Auswirkungen, Schritte zur Verbesserung der Situation
In Ländern wie China und Indien, deren Wirtschaft rasant wächst, sind Massenverstädterung, veränderte Ernährungsgewohnheiten und eine zunehmend sitzende Lebensweise zu beobachten. Diese Faktoren steigern das Risiko für Typ 2-Diabetes erheblich. Es zeigt sich, dass sich die Belastung durch Diabetes immer weiter in die Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen verlagert, so dass Diabetes immer mehr zu einem Entwicklungsproblem wird.
Die WHO schätzt, dass China und Indien zwischen 2005 und 2015 wegen Diabetes 236,6 Milliarden US-Dollar und wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen 557,7 Milliarden US-Dollar Volkseinkommen verlieren werden. Laut IDF-Angaben bedeuten die neuen Berechnungen, dass China in diesem Jahr 6,9 Milliarden US-Dollar an Gesundheitsausgaben, davon alleine 1,9 Milliarden US-Dollar für Diabetes, haben wird.
Die politischen Entscheidungsträger müssen die Pläne zur Diabetes-Prävention in die nationalen Gesundheitssysteme integrieren. Die Länder müssen Wege zum Wirtschaftswachstum finden, die nicht gesundheitsschädlich sind.
Dies erfordert kreatives Denken und eine Gesetzgebung, die den Menschen ein Leben mit viel Bewegung und gesunder Ernährung ermöglicht. Die Menschen müssen unterstützt und ermutigt werden, um „gesunde Entscheidungen“ zu treffen, ihre Umgebung muss so entwickelt werden, dass sie dies unterstützt.
Quelle: idf.org; Übersetzung aus dem Englischen: Redaktion diabetes-germany.com

















