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Sind Bauarbeiter Menschen 2. Klasse?

18.09.200800:28 UhrIndustrie, Bau & Immobilien
Bild: Sind Bauarbeiter Menschen 2. Klasse?
Bei Radladern, Baggern oder großen anderen Maschinen kann der Maschinenführer oft bis 20 Metern hinter der Maschine nichts sehen.
Bei Radladern, Baggern oder großen anderen Maschinen kann der Maschinenführer oft bis 20 Metern hinter der Maschine nichts sehen.

(openPR) Wieder starben 2 Familienväter durch unsichere Baumaschinen

Rudi Clemens: Von menschengerechter Arbeit kann am Bau keine Rede sein.
Einzelne Firmen ausgenommen, die dafür aber am Markt Wettbewerbsnachteile hinnehmen müssen.

Das Arbeitsgericht Hamm (2BV 30/72) hat in einer Entscheidung im Zusammenhang mit dem § 91 Betr.VG folgenden bedeutsamen Satz gesagt: „Bei einer Gefahr von Gesundheitsgefährdung, kann von einer menschengerechten Gestaltung der Arbeitsplätze keine Rede mehr sein"



Die Zahl der schweren Baustellenunfälle wo Menschen auf grausamste Weise von Baumaschinen zerquetscht, zermalmt überrollt und getötet werden, setzt sich unvermindert fort. Das ist nicht damit zu begründen, dass Bauarbeiten generell gefährlich sind, oder das die Unfälle ansteigen weil die Konjunktur anzieht und mehr Stunden geleistet werden, nein, dass hat damit zu tun, dass auf dem Bau andere Gesetze gelten. Oder besser ausgedrückt Gesetze nicht gelten weil sie einfach ignoriert und nicht kontrolliert werden.

Ich habe zwei weitere tödliche Unfälle in meine Ausarbeitung hinzugefügt.
www.gesunde-bauarbeit.de/ruecksichtslos.pdf

06.08.2008 Tödlicher Unfall auf Firmengelände
In 04643 Geithain ist ein 39-Jähriger nach einem Unfall auf einem Firmengelände verstorben. Laut Polizei hat ihn ein Radlader-Fahrer übersehen und erfasst. Der 39-Jährige war zuvor aus einem Lkw ausgestiegen und zu Fuß unterwegs. Der Zusammenprall war so schwer, dass er noch an der Unfallstelle verstarb.

15.09.2008 34-Jähriger Familienvater von rückwärtsetzenden Bagger getötet
Bei einem Arbeitsunfall in Trier wurde ein 34-Jähriger von einem Bagger eingequetscht und getötet. Der Baggerfahrer hatte seinen Kollegen beim Zurücksetzen erfasst und ihn mit der Maschine gegen große Metallplatten gedrückt, teilte die Polizei in Schweich (Kreis Trier-Saarburg) am Dienstag mit. Dabei erlitt der 34-jährige Familienvater, der mit Markierungsarbeiten beschäftigt war, tödliche Kopfverletzungen.

Wenn auf dem Bau Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz so gelebt würde, wie beispielsweise bei RWE, BASF; Hydro, Bayer, Saint-Gobain usw. würden sich hier die schweren und tödlichen Unfälle erheblich reduzieren. Diese Unternehmen spielen bei Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz in einer ganz anderen Liga.

Fehlende Ausbildung, unqualifiziertes Personal
Während man für jedes Mofa, jeden Stapler oder jeden PKW Anhänger von 1 Tonne einen Führerschein braucht, können Bagger, Radlader und sonstiges schweres Gerät von jedem Laien gefahren werden der nur unterwiesen ist. Der Inhalt und die Dauer der Unterweisung ist nicht vorgeschrieben. Eine Viertelstunde reicht. Andere Länder verlangen Ausbildungen von mindestens 6 Wochen. An jeder Hausecke kann man heute Baumaschinen mieten. Wer macht da die Unterweisung? Da bekommt man bestenfalls erklärt wo man den Schlüssel reinsteckt, wie man die Bremse löst und das war es dann auch.

Unfallverhütungsvorschriften werden hier nicht vermittelt. Wenn man Glück hat liegt eine Bedienungsanleitung im Gerät.

Unfallverhütungsvorschriften sind überhaupt nicht bekannt
Ich habe Baumaschinenführer gefragt ob sie die Unfallverhütungsvorschriften kennen. Betretenes Schweigen. Ich schätze den Teil der Leute die überhaupt keine Ahnung haben auf deutlich über 95 %.
Als Sie mich dann gefragt haben wo die dann stehen und wo sie die finden können habe ich geantwortet:
BGV A1, BGR 500 2.12, BGR 118, Bewegliche Baumaschinen, BGV D 27 Betriebssicherheitsverordnung, usw. Da wird man als Arbeitsschützer gar nicht mehr ernst genommen. Habe ich dann noch mit ausländischen Kollegen zu tun, fragen die sich: „Eh Mann, was redest Du?“

Frage ist, wenn keiner die UVV kennt, wie sollen sie dann einhalten werden? Ein nebulöses Vorschriftenwerk, dass nur noch Experten verstehen aber nicht die, die es anwenden müssen. Hauptsache es ist rechtssicher. Und umsetzen muss man das auch nicht, dass muss der Arbeitgeber. Ob er das macht, ist seine Sache.

Gefährdungsbeurteilungen fehlen
Gefährdungsbeurteilungen sind seit 1996 vorgeschrieben und werden nach neuesten Umfragen gerade mal von 30 % der Betriebe durchgeführt. Im Baugewerbe durch die kleinstrukturierten Betriebe eher weniger.

Maschinenhersteller verkaufen unsichere Maschinen
Die Maschinenrichtlinie schreibt bei den Herstellern und Händlern auch eine Gefährdungsbeurteilung vor. Ebenso die Betriebssicherheitsverordnung für die Betreiber. Das wird einfach nicht beachtet. Es darf im Prinzip keine Baumaschine im Einsatz sein, wo unzureichende Sichtverhältnisse vorhanden sind. Denn dann sind nach den Vorschriften technische Hilfsmittel anzubauen. Warum wird das nicht gemacht? Es rechnet sich anscheinend nicht. Wer an 10 Geräten technische Einrichtungen zur Sichtverbesserungen anbaut zahlt dafür ca. 10000 Euro. Ein Toter kostet weit weniger als die Hälfte.

Häufig passieren Arbeitsunfälle nicht auf tragische Weise, sondern weil Vorschriften zum Arbeitsschutz nicht eingehalten werden. Dabei spielen auch die Vorgesetzten eine maßgebliche Rolle. Denn sie sind die Verantwortlichen, die dafür sorgen müssen, dass sicher gearbeitet wird. Dazu gehört auch die Kontrolle, ob die Anweisungen strikt eingehalten werden.

Wer überwacht das?
Der Staat kommt seiner gesetzlichen Verpflichtung nur noch unzureichend nach. Der Arbeitsschutz soweit man das so nennen kann, wird noch weiter heruntergefahren. Man zieht sich zurück und schiebt dem Arbeitgeber alles in die Schuhe. Er ist für den Arbeitsschutz verantwortlich, nicht der Staat und nicht die BG. Dass er damit hoffnungslos überfordert ist, stört dabei nicht.
Da stellte sich der Ministerpräsident von NRW Jürgen Rüttgers als einer der Ersten am Unglücksort beim Kraftwerksunfall beim RWE in Neurath hin und wendet sich vor laufenden Kameras an die Angehörigen: «Ich bin mit Gedanken in dieser schweren und tragischen Stunde bei Ihnen. Den Hinterbliebenen der Opfer gilt mein Mitgefühl.»
Seitdem hat er die Beamten der Gewerbeaufsicht in NRW um 151 reduziert. Bei einigen die aus einer Auffanggesellschaft dazugekommen sind, muss man die Qualifikation anzweifeln. Ausgebildet wird niemand mehr. Ein hoher Beamter sagte mir:"Personell pfeifen wir auf dem letzten Loch"

Was macht die Berufsgenossenschaft?
Jutta Vestring Mitglied der Geschäftsführung: Wir sehen die BG Bau weiterhin als Präventionsdienstleister. Während der Schwerpunkt in der Vergangenheit auf Baustellenüberwachung lag, wollen wir künftig den Erfordernissen moderner Prävention die Beratung und Schulung der Beschäftigten und Unternehmern in den Betrieben mehr in den Vordergrund stellen. Erfahrungen haben gezeigt, dass die Ursachen für schwere Unfälle häufig in organisatorischen und strukturellen Bedingungen der Unternehmen liegen. (Quelle: Juni 2005 Der Grundstein, Zeitschrift der IG BAU.)

Bedeutet die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie gemeinsamer strategischer Rückzug?

Was passiert, wenn mal was passiert?
Der Überfahre ist Schuld, weil er sich im Gefahrenbereich aufgehalten hat. Der Fahrer ist Schuld weil er nicht richtig geschaut hat. Die Opfer werden zu Tätern. Diejenigen, welche das Unglück hätten verhindern können, wenn sie die Vorschriften eingehalten hätten, die kommen ungeschoren davon, wenn man Zeitungsberichten wie in Schwetzingen glauben darf.
http://www.gesunde-bauarbeit.de/urteil.pdf

Ein Menschenleben kostet 1500 Euro, etwa ein Drittel was allein eine Beerdigung kostet.

Es ist ein Skandal, der nicht weiter hinnehmbar ist. Auch Bauarbeiter haben ein Grundrecht auf den Schutz ihres Lebens und ihrer Gesundheit.

Rudi Clemens

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