25.06.2008 - 14:28 - IT, New Media & Software
Wissen wir gemeinsam mehr? Kollektive Intelligenz – nicht ohne individuelle Ethik
Pressemitteilung von: Semantic Web Company Wien
Wien, im Juni 2008 – Sind die Massen weise? Ist der Einzelne dümmer als die Community? Erst die Vielfalt der Sichtweisen verleiht dem Internet Bedeutung. Das Weben am semantischen Web ist nicht nur ein Mitweben am sozialen Gewebe, sondern, wenn man die Aufgabe ernst nimmt, auch angewandtes Vernetzen einer ethischen Verantwortung.
Kollektive Intelligenz ist ein altes Phänomen, das in vielen Bereichen und Disziplinen auftritt. Die Fortschritte in den Informations- und Kommunikationstechnologien definieren das Thema neu: Ein Forschungsfeld der Künstlichen Intelligenz (KI) etwa versucht, komplexe vernetzte Softwareagentensysteme nach dem Vorbild „staatenbildender Insekten“ - wie Ameisen, Bienen und Termiten - teilweise auch Vogelschwärmen - zu modellieren. Die KI-Forschung geht davon aus, dass die Kooperation künstlicher Agenten höhere kognitive Leistungen simulieren kann; Marvin Minsky bezeichnet dies als The Society of Mind. Die Art, wie Einzelwesen im Kollektiv „richtig“ reagieren - obwohl sie keinen „Anführer“ haben - inspiriert Wissenschaftler zur Entwicklung neuer Lösungen wirtschaftlicher und technischer Probleme.
Auch der französische Philosoph Pierre Lévy thematisiert das Phänomen der kollektiven Intelligenz und entwirft in seinem gleichnamigen Buch eine Anthologie des Cyberspace. Er spricht von einem „Raum des Wissens“, der durch die neuen Technologien ermöglicht und durch die Menschheit realisiert wird. In diesem Raum sollen kollektive Intelligenzen entstehen. Eine kollektive Intelligenz zu bilden bedeutet laut Lévy, daß jeder jedem sein Wissen, seine Erfahrungen, sein „Gedachtes" zur Verfügung stellt. „Jeder Mensch, egal ob ein New Yorker Junkie oder ein englischer Universitätsprofessor hat Wissen, das für andere von Wert ist. Durch die neuen Kommunikationsstrukturen der digitalen Informationstechnologie wird es möglich, dieses Wissen in Echtzeit zu koordinieren“.
Google, Wikipedia und der intelligente Schwarm
Kollektive Intelligenz nützt uns heute im Internet. Google findet über Gruppenintelligenz, wonach der einzelne Nutzer sucht. Auch die Internet-Enzyklopädie Wikipedia hat sich als großer Erfolg erwiesen. "Heute denkt eine große Zahl von Menschen gemeinsam nach, und das auf eine Weise, die wir noch vor wenigen Jahrzehnten für unmöglich gehalten hätten", sagt Thomas Malone vom MIT Center for Collective Intelligence in Massachussetts: "Kein Einzelner kann alles wissen, was wir brauchen, um die Probleme unserer Gesellschaft zu lösen – vom Gesundheitswesen bis zum Klimawandel. Gemeinsam wissen wir viel mehr."
Das ist das Reizvolle an der Schwarmintelligenz: Ob bei Ameisen oder Tauben, immer addieren sich Aspekte individuellen Verhaltens in der Gruppe - dezentrale Lenkung, Reaktion auf Nachbarn, einfache Regeln - zu einer smarten Strategie, die hilft, komplexe Situationen zu bewältigen. Manche gesellschaftlichen und politischen Gruppen nutzen eine Art Schwarmtaktik.
Eine wichtige Erkenntnis ist aber auch: Massen sind nur dann klug, wenn ihre einzelnen Mitglieder verantwortungsbewusst handeln und eigene Entscheidungen treffen. Eine intelligente Gruppe – besteht sie aus Bienen, Technikern oder Anwälten – ist darauf angewiesen, dass jedes Mitglied seine eigene Rolle spielt.
Ob in heute gültigen Wirtschaftssystemen eher frei denkende Menschen oder hörige Konsumenten überwiegen, darüber entscheiden nun bekanntlich nicht Philosophen und Medienethiker, sondern der Markt. „Ein Kollektiv auf Autopilot kann ein grausamer Idiot sein, wie uns die Ausbrüche maoistisch, faschistisch oder religiös geprägter Schwarmgeister immer wieder vorgeführt haben“, so der Computerwissenschaftler und Virtual-Reality-Visionär Jaron Lanier in einem vieldiskutierten Artikel der Süddeutschen Zeitung. „Es gibt keinen Grund, warum solche gesellschaftlichen Katastrophen in Zukunft nicht auch unter dem Deckmantel technologischer Utopien passieren könnten. Sollten Wikis weiterhin an Einfluss gewinnen, sollte man sie durch jene Mechanismen verbessern, die auch schon in der Welt vor dem Internet recht gut funktioniert haben“. Die Illusion, dass das, was wir schon haben, gut genug ist, oder dass es lebendig ist und sich selbst richten wird, ist die gefährlichste aller Illusionen, weiss Lanier und warnt vor „stumpfem Kollektivismus“. Die beste Richtlinie, den Wert des Kollektivs im Web zu maximieren ohne sich „zum Idioten zu machen“, sei die, dem Individuum den Vorrang zu geben.
Ethik und Verantwortung im Netz
Das Kollektiv im Netz ist nicht nur ein Werkzeug für die „scientific community“, sondern Teil der Lebenswelt von Millionen von Menschen. Daher betont der SWC-Experte Tassilo Pellegrini auch die ethische Dimension und die medienpolitische Herausforderung – vor allem bei der Arbeit am Semantic Web: Ein kritischer Ansatz sei wichtig und das Beobachten der Entwicklungen auch in Bezug auf rechtliche, politische und ökonomische Ordnungen. Pellegrini verweist dabei auch auf den Medienwissenschaftler Rafael Capurro: „...im Hinblick auf die veränderten Bedingungen der Machtverteilung ist das Semantic Web ein eminent weltpolitisches Projekt; zu wichtig, um es allein den Technikern oder den Politikern zu überlassen“ (Mehr in Semantic Web. Wege zur vernetzten Wissensgesellschaft).
Weiterführende Information zum Thema:
www.semantic-web.at/1.36.resource.30.zwei-modelle-des-sem...
Diese Pressemitteilung wurde auf openPR veröffentlicht.
Pressekontakt:
Marion Fugléwicz-Bren
PR & Communications für Semantic Web Company
redaktionsbüro mfb
+43-(0)1/402 12 35-21
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Weitere Informationen:
Andreas Blumauer
Managing Director
Semantic Web Company
Lerchenfelder Gürtel 43
1160 Wien
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www.semantic-web.at
Über die Semantic Web Company
Im Zentrum der Semantic Web Company (SWC) stehen die Vernetzung von Kompetenzträgern und die Vermittlung von Praxiskompetenz bei der Integration von semantischen Technologien in Organisationen. Ein neu geschaffener Solutions-Bereich ist im Aufbau. An der Schnittstelle zwischen Forschung und Industrie werden neue Trends und komplexe Inhalte marktgerecht und anwendungsorientiert aufbereitet. Die SWC beschäftigt sich gemeinsam mit einem länderübergreifenden Partnernetzwerk aus DozentInnen und WissenschafterInnen auf interdisziplinäre Weise mit dem „Internet der nächsten Generation“. Die Geschäftsfelder umfassen Ausbildung und Training (vormals unter dem Namen Semantic Web School), IT-Consulting und IT-Strategieberatung, Projektentwicklung und -umsetzung sowie Event- und Medienorganisation.
Kollektive Intelligenz ist ein altes Phänomen, das in vielen Bereichen und Disziplinen auftritt. Die Fortschritte in den Informations- und Kommunikationstechnologien definieren das Thema neu: Ein Forschungsfeld der Künstlichen Intelligenz (KI) etwa versucht, komplexe vernetzte Softwareagentensysteme nach dem Vorbild „staatenbildender Insekten“ - wie Ameisen, Bienen und Termiten - teilweise auch Vogelschwärmen - zu modellieren. Die KI-Forschung geht davon aus, dass die Kooperation künstlicher Agenten höhere kognitive Leistungen simulieren kann; Marvin Minsky bezeichnet dies als The Society of Mind. Die Art, wie Einzelwesen im Kollektiv „richtig“ reagieren - obwohl sie keinen „Anführer“ haben - inspiriert Wissenschaftler zur Entwicklung neuer Lösungen wirtschaftlicher und technischer Probleme.
Auch der französische Philosoph Pierre Lévy thematisiert das Phänomen der kollektiven Intelligenz und entwirft in seinem gleichnamigen Buch eine Anthologie des Cyberspace. Er spricht von einem „Raum des Wissens“, der durch die neuen Technologien ermöglicht und durch die Menschheit realisiert wird. In diesem Raum sollen kollektive Intelligenzen entstehen. Eine kollektive Intelligenz zu bilden bedeutet laut Lévy, daß jeder jedem sein Wissen, seine Erfahrungen, sein „Gedachtes" zur Verfügung stellt. „Jeder Mensch, egal ob ein New Yorker Junkie oder ein englischer Universitätsprofessor hat Wissen, das für andere von Wert ist. Durch die neuen Kommunikationsstrukturen der digitalen Informationstechnologie wird es möglich, dieses Wissen in Echtzeit zu koordinieren“.
Google, Wikipedia und der intelligente Schwarm
Kollektive Intelligenz nützt uns heute im Internet. Google findet über Gruppenintelligenz, wonach der einzelne Nutzer sucht. Auch die Internet-Enzyklopädie Wikipedia hat sich als großer Erfolg erwiesen. "Heute denkt eine große Zahl von Menschen gemeinsam nach, und das auf eine Weise, die wir noch vor wenigen Jahrzehnten für unmöglich gehalten hätten", sagt Thomas Malone vom MIT Center for Collective Intelligence in Massachussetts: "Kein Einzelner kann alles wissen, was wir brauchen, um die Probleme unserer Gesellschaft zu lösen – vom Gesundheitswesen bis zum Klimawandel. Gemeinsam wissen wir viel mehr."
Das ist das Reizvolle an der Schwarmintelligenz: Ob bei Ameisen oder Tauben, immer addieren sich Aspekte individuellen Verhaltens in der Gruppe - dezentrale Lenkung, Reaktion auf Nachbarn, einfache Regeln - zu einer smarten Strategie, die hilft, komplexe Situationen zu bewältigen. Manche gesellschaftlichen und politischen Gruppen nutzen eine Art Schwarmtaktik.
Eine wichtige Erkenntnis ist aber auch: Massen sind nur dann klug, wenn ihre einzelnen Mitglieder verantwortungsbewusst handeln und eigene Entscheidungen treffen. Eine intelligente Gruppe – besteht sie aus Bienen, Technikern oder Anwälten – ist darauf angewiesen, dass jedes Mitglied seine eigene Rolle spielt.
Ob in heute gültigen Wirtschaftssystemen eher frei denkende Menschen oder hörige Konsumenten überwiegen, darüber entscheiden nun bekanntlich nicht Philosophen und Medienethiker, sondern der Markt. „Ein Kollektiv auf Autopilot kann ein grausamer Idiot sein, wie uns die Ausbrüche maoistisch, faschistisch oder religiös geprägter Schwarmgeister immer wieder vorgeführt haben“, so der Computerwissenschaftler und Virtual-Reality-Visionär Jaron Lanier in einem vieldiskutierten Artikel der Süddeutschen Zeitung. „Es gibt keinen Grund, warum solche gesellschaftlichen Katastrophen in Zukunft nicht auch unter dem Deckmantel technologischer Utopien passieren könnten. Sollten Wikis weiterhin an Einfluss gewinnen, sollte man sie durch jene Mechanismen verbessern, die auch schon in der Welt vor dem Internet recht gut funktioniert haben“. Die Illusion, dass das, was wir schon haben, gut genug ist, oder dass es lebendig ist und sich selbst richten wird, ist die gefährlichste aller Illusionen, weiss Lanier und warnt vor „stumpfem Kollektivismus“. Die beste Richtlinie, den Wert des Kollektivs im Web zu maximieren ohne sich „zum Idioten zu machen“, sei die, dem Individuum den Vorrang zu geben.
Ethik und Verantwortung im Netz
Das Kollektiv im Netz ist nicht nur ein Werkzeug für die „scientific community“, sondern Teil der Lebenswelt von Millionen von Menschen. Daher betont der SWC-Experte Tassilo Pellegrini auch die ethische Dimension und die medienpolitische Herausforderung – vor allem bei der Arbeit am Semantic Web: Ein kritischer Ansatz sei wichtig und das Beobachten der Entwicklungen auch in Bezug auf rechtliche, politische und ökonomische Ordnungen. Pellegrini verweist dabei auch auf den Medienwissenschaftler Rafael Capurro: „...im Hinblick auf die veränderten Bedingungen der Machtverteilung ist das Semantic Web ein eminent weltpolitisches Projekt; zu wichtig, um es allein den Technikern oder den Politikern zu überlassen“ (Mehr in Semantic Web. Wege zur vernetzten Wissensgesellschaft).
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