30.10.2007 - 14:53 - Gesundheit & Medizin
Erheblich verbesserte Evidenz bei funktionellen Störungen - Therapiemix und Hilfe zur Selbsthilfe
Pressemitteilung von: Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) & Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM)
Ob funktionelle Magenbeschwerden, prämenstruelles Syndrom oder unspezifischer Thoraxschmerz; unter funktionellen somatischen Syndromen leidet ein großer Teil der Patienten allgemein- und fachärztlicher Sprechstunden. Die Ergebnisse aus einer Reihe aktueller Studien können dazu beitragen, diese oft als schwierig erlebten Patienten erfolgreich zu behandeln und viel Frustration zu vermeiden. Die erheblich gewachsene Evidenz spricht dabei für multimodale Ansätze, die die Eigenverantwortlichkeit des Patienten fördern.
Bei funktionellen somatischen Syndromen (FSS) ist es die richtige Mischung aus organspezifischem und psychosozialem Ansatz, die den Therapieerfolg verspricht. Nichtmedikamentöse Behandlungsansätze, die das aktive Mitwirken des Patienten erfordern, scheinen dabei wirksamer zu sein als passive Verfahren, wie etwa Injektionen oder Operationen. Das sind die Kernergebnisse einer wissenschaftlichen Übersichtsarbeit, die vor kurzem in der international renommierten medizinischen Fachzeitschrift Lancet erschien[1]. Erstmalig wurden damit die Ergebnisse und Evidenzbewertungen sämtlicher seit 2001 erschienenen systematischen Reviews und Metaanalysen für insgesamt zwölf funktionelle somatische Syndrome zusammengetragen und interpretiert.
Große Chance auf Ende der Odyssee
„Wenn unser Resümee bei Allgemeinmedizinern, Fachärzten mit somatischem Schwerpunkt und bei Psychotherapeuten Gehör findet, dann bedeutet dies eine sehr große Chance für diese Patienten, die oft auf einen langen Leidensweg zurückblicken“, betont der Erstautor der Studie, Prof. Peter Henningsen, München. „Patienten mit FSS fühlen sich in der Regel stärker beeinträchtigt als Patienten mit ähnlichem Beschwerdebild und bekannter organischer Ursache. So ist beispielsweise die Lebensqualität der Patienten beim Fibromyalgiesyndrom stärker eingeschränkt als etwa bei einer Rheumatoiden Arthritis“, ergänzt Prof. Stephan Zipfel, Tübingen. Die Crux, so die Autoren, liege darin, dass es bislang noch kein tragfähiges Klassifikationssystem für diese Erkrankungen gäbe und ein ausschließlich somatischer Ansatz ebenso zu kurz greife, wie ein ausschließlich psychologischer.
Evidenzlage deutlich verbessert
Die Übersichtsarbeit, so Henningsen, gebe aber Anlass zur Hoffnung, denn sie zeige eindrucksvoll, wie sich die Evidenzlage zu einer Reihe funktioneller Syndrome wie beispielsweise Fibromyalgie, chronischer Lumbago oder Spannungskopfschmerz in den letzten Jahren entscheidend verbessert habe.
Medikamentöse Ansätze, die primär auf die Verbesserung der beeinträchtigten Organfunktion abzielen, haben sich bei einem Teil der untersuchten Syndromgruppen als wirksam erwiesen. Mit am besten belegt ist in diesem Zusammenhang die Wirksamkeit der Serotoninrezeptorliganden Tegaserod und Alosetron beim Reizdarmsyndrom. Diese Substanzen sind aber mit dem Risiko schwerwiegender kardiovaskulärer bzw. gastrointestinaler Nebenwirkungen behaftet und in Deutschland nicht zugelassen. Die Wirksamkeit von Spasmolytika ist beim Reizdarmsyndrom mit mittlerem Evidenzgrad nachgewiesen, ebenso die von trizyklischen Antidepressiva und von Psychotherapie.
Für peripher wirksame Medikamente konnte nicht bei allen Formen des FSS ein Nutzen nachgewiesen werden. Beim Fibromyalgiesyndrom etwa oder dem chronischen Unterbauchschmerz gibt es dafür keine oder nur schwache Evidenz.
Aktives Mitwirken des Patienten ist essenziell
Demgegenüber erscheint folgende Beobachtung wie ein roter Faden, der sich durch alle Syndromgruppen hindurch zieht: Die Wirksamkeit von Therapieverfahren, bei denen der Patient eine aktive Rolle übernimmt, konnte mit mittlerem bis hohem Evidenzgrad belegt werden. So konnte beispielsweise für die Fibromyalgie mit hohem Evidenzgrad gezeigt werden, dass sie durch eine multidiziplinäre Therapie, die aktives Körpertraining und Psychotherapie umfasst, wirksam behandelt werden kann. Vergleichbar gut belegt ist bei den meisten FSS die Wirksamkeit zentral wirksamer Substanzen, wie etwa Antidepressiva.
Viele FSS, ein Entstehungsmechanismus?
Das vergleichbar gute Ansprechen der unterschiedlichsten FSS auf ähnliche oder identische Therapiestrategien wird von den Experten als eines von vielen Indizien dafür gewertet, dass die verschiedenen FSS zwar in ihrer klinischen Erscheinung sehr unterschiedlich sind, aber in ihrem pathophysiologischen Zusammenspiel organischer und umweltbedingter Auslöser, kognitiver und psychosozialer Komponenten sehr große Ähnlichkeiten aufweisen. „Man neigt daher dazu, funktionelle somatische Syndrome nicht mehr getrennt nach Organsystemen und aus der Perspektive der jeweiligen somatischen Unterdisziplinen zu klassifizieren, sondern als Erkrankungsgruppe, die durch ein Zusammenwirken spezifischer organischer und psychischer Faktoren gekennzeichnet ist“, berichtet Prof. Wolfgang Herzog, Heidelberg. Dafür spreche unter anderem die Tatsache, dass viele Patienten Symptome aus mehreren, sich überschneidenden FSS aufwiesen, wie beispielsweise Spannungskopfschmerz und Lumbago.
Den Schlüssel nicht übersehen
Die frühzeitige Erkennung und adäquate Behandlung eines FSS erfordere, so Herzog, einen besonders wachsamen Blick des Arztes. Sonst, so das Ergebnis einer Studie in Primärarztpraxen, besteht die Gefahr, dass der Arzt die Schlüssel zur psychosozialen bzw. interpersonellen Dimension der Erkrankung übersieht, obwohl sie vom Patienten oft relativ deutlich ins Spiel gebracht werden. Die Folge ist dann die weitere Somatisierung der Erkrankung und zwar durch den Arzt, der dann zu teurer Diagnosetechnik, unwirksamen oder gar invasiven Therapien greift. In diesem Zusammenhang warnt Herzog davor, dass einzelne Syndrome, aufgrund ihrer somatischen Erscheinung in einem bestimmten Spezialgebiet verortet, ausschließlich aus der organmedizinischen Sicht des jeweiligen Spezialisten wahrgenommen und behandelt werden.
Aber auch die Bewertung der Erkrankung als rein psychogen, wie sie die derzeitigen Klassifikationssysteme unter der Kategorie „somatoforme Störungen“ vorsieht, kann problematisch sein, besonders wenn sie die Möglichkeiten einer flankierenden symptomatischen bzw. peripher wirksamen medikamentösen Therapie ausblendet und bei den Betroffenen die Angst weckt, als „psychisch krank“ stigmatisiert zu werden.
Wertvolle Empfehlungen zur Stufentherapie
„Um die viel versprechenden Forschungsergebnisse der letzten Jahre für eine bessere Versorgung von Patienten mit FSS nun wirklich nutzen zu können, ist eine gezielte ärztliche Fortbildung unabdingbar“, resümiert Herzog. Die Erkennung und Behandlung von FSS kann beispielsweise im Primärarztbereich bereits durch ein kurzes, gezieltes Training verbessert werden. Auch das Medizinstudium soll entsprechende Fähigkeiten in Zukunft stärker fördern.
Einen wertvollen Beitrag zu einem strukturierten Vorgehen bei dieser anspruchsvollen Erkrankungsgruppe haben die Autoren auf Grundlage der neuesten Forschungsergebnisse bereits im Rahmen der Übersichtsarbeit in Form von Empfehlungen zum Behandlungs-Management bei FSS vorgestellt (s. Beiblatt „Empfehlungen zur Behandlung von funktionellen somatischen Syndromen“).
[1] Henningsen P., Zipfel S., Herzog W.;
Management of functional somatic syndromes
Lancet, 2007, 369(9565):946-55Stand: 29.10.07
EVIDENZ: Im medizinischen Zusammenhang zeigt die Evidenz an, wie gut eine bestimmte Aussage, beispielsweise „Medikament xy wirkt bei der Erkrankung z“ wissenschaftlich belegt ist. In systematischen Untersuchungen kann der Evidenzgrad einer Aussage anhand der Zahl, Größe und Qualität der dazu vorliegenden Studien beurteilt werden. Dazu gibt es international anerkannte Kriterien.
FIBROMYALGIE u.a. auch als Weichteilrheumatismus, Muskelrheumatismus oder Fibrositis bezeichnet. Chronische, nicht-rheumatische Erkrankungen mit Schmerzen der Muskulatur und Skelettweichteile, Müdigkeit / Erschöpfung und Schlafstörungen. Eine Beziehung zum chronischen Müdigkeits- / Erschöpfungssyndrom wird diskutiert.
FUNKTIONELLES SOMATISCHES SYNDROM: Erkrankung, die durch anhaltende körperliche Beschwerden gekennzeichnet ist und für die eine adäquate Untersuchung keine ausreichend erklärende strukturelle oder anderweitig spezifizierte organmedizinische Ursache zutage fördert. Körperliche Beschwerden werden in diesem Zusammenhang in die drei Hauptgruppen Schmerzen, Funktionseinschränkungen und Müdigkeit / Erschöpfung differenziert.
GASTROINTESTINAL = den Magen-Darm-Trakt betreffend
INJEKTION: Verabreichung eines Medikaments über eine Spritze
INTERPERSONELL: zwischenmenschlich, die Beziehung und Interaktion verschiedener Personen betreffend
INVASIV: in diesem Zusammenhang sind damit Eingriffe gemeint, die einschneidend und risikobehaftet sind, wie etwa bestimmte Operationen oder Medikationen
KARDIOVASKULÄR = Herz und Blutgefäße betreffend
KOGNITIV = das Denken, Verstehen und die Bildung von Konzepten betreffend
LUMBAGO = Schmerzen der Lendenwirbelsäule
METAANALYSE = statistische Zusammenführung der Ergebnisse mehrerer Studien, die alle die gleiche Frage untersuchen
PATHOPHYSIOLOGISCH = das Zusammenspiel krankheitsverursachender körperlicher Vorgänge betreffend
PERIPHER WIRKSAM: Im Textzusammenhang sind damit Medikamente gemeint, die direkt am Organ ansetzen, in dem die Beschwerden lokalisiert sind, wie z.B. bei funktionellen Magenbeschwerden Medikamente, die die Magensäureproduktion hemmen (s. auch „zentral wirksam“).
PRÄMENSTRUELLES SYNDROM = Ausgeprägte Stimmungsschwankungen, Müdigkeit, Reizbarkeit, depressive Verstimmung oder Bauchschmerzen vor der Menstruation. 20 – 30% aller Frauen sind davon betroffen.
PRIMÄRARZT: In der Regel Allgemeinarzt, hausärztlicher Internist oder praktischer Arzt, der erste Anlaufstelle für den Patienten ist und diesen im Sinne eines Gesamtbehandlungsplans behandelt, gegebenenfalls gemeinsam mit anderen Fachärzten, Psychotherapeuten etc.
PSYCHOGEN = psychisch bedingt
PSYCHOTHERAPEUT: geschützte Berufsbezeichnung, die nur durch gesetzlich definierte Ausbildungsgänge erreicht werden kann. Näheres s. „Guide durch den Dschungel der Psychoberufe“ auf www.dgpm.de/index.php?id=186&tx_ttnews[backPid]=175&tx_ttnews[pointer]=1&tx_ttnews[tt_news]=358&cHash=8257efbf8a
SOMATISCH = körperlich, körperbezogen
SOMATISIERUNG = wörtlich „Verkörperlichung“. Gemeint ist das Hervorrufen oder Verstärken körperlicher Beschwerden im Rahmen einer psychischen oder psychosomatischen Erkrankung.
SPASMOLYTIKA = krampflösende Medikamente, in diesem Zusammenhang auf die glatte Muskulatur des Darms wirkend
SYMPTOMATISCH: in diesem Zusammenhang "auf die Symptome abzielend"
SYNDROM = Kombination bestimmter Symptome, beispielsweise ist das Reizdarmsyndrom durch Bauchschmerzen, Stuhlunregelmäßigkeiten und Blähungen gekennzeichnet
SYSTEMATISCHES REVIEW = Überblick über wissenschaftliche Studien, der nach einer detailliert nachvollziehbaren Methodik erstellt wurde.
TRIZYKLISCHE ANTIDEPRESSIVA: Eine der ersten gegen Depressionen eingesetzten Substanzgruppen. Mittlerweile sind sie in der Depressionsbehandlung nicht mehr Mittel der ersten Wahl, weil es verträglichere und risikoärmere Alternativen gibt.
UNSPEZIFISCHER THORAXSCHMERZ: Unspezifische Schmerzen des Brustkorbs. Die möglichen Ursachen sind vielfältig. Erkrankungen des Herzens, der Lunge, der Brustwand aber auch der Verdauungsorgane müssen in Erwägung gezogen werden. Oft wird jedoch keine klar einem Organ zuzuordnende Ursache gefunden.
ZENTRAL WIRKSAM: In diesem Zusammenhang Medikamente, die – wie etwa bestimmte Antidepressiva - auf das Gehirn wirken und dort beispielsweise die Schmerzwahrnehmung und Stimmungslage verändern.
Für die Zusendung von Belegen sind wir dankbar. Wünschen Sie nähere Informationen oder Kontakt zu einem Autor der zitierten Originalarbeit, dann wenden Sie sich bitte an
Dr. med. Thomas Bißwanger-Heim
Gerstenhalmstr. 2
79115 Freiburg
Tel. 0761 / 488 2 777
E-Mail
Fax 0761 / 488 2 778
Die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) e.V. (www.dgpm.de)
wurde am 18. Juni 1992 als Deutsche Gesellschaft für Psychotherapeutische Medizin e.V. in Frankfurt/Main gegründet. Anlass war die Entscheidung des 92. Deutschen Ärztetages 1992 in Köln für ein Gebiet „Psychotherapeutische Medizin“. Auf der Mitgliederversammlung am 26.10.2003 wurde die Fachgesellschaft umbenannt in „Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DGPM) e.V.“, da der Ärztetag vom Mai 2003 die Gebietsbezeichnung in „Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“ umbenannt hatte.
Die DGPM gliedert sich in einen Bundesverband und in Landesverbände. Die Koordinierung der Aktivitäten auf Bundesebene und Länderebene geschieht über einen Beirat. Im Vorstand des Bundesverbandes sind sowohl niedergelassene Ärzte, Krankenhausärzte, Hochschullehrer wie auch verschiedene Grundorientierungen (psychoanalytisch, verhaltenstherapeutisch) vertreten.
Seit der Verschmelzung der DGPM mit der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie (AÄGP) im März 2006 ist die DGPM mit etwa 2.000 Mitgliedern die größte Interessenvertretung psychosomatisch und psychotherapeutisch tätiger Ärzte in Deutschland und firmiert unter dem Namen „Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) e.V.“
Diese Pressemitteilung wurde auf openPR veröffentlicht.
Das Deutsche Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM)(www.dkpm.de)
1. ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft
2. arbeitet schulenübergreifend und interdisziplinär
3. fördert die Weiterbildung und Fortbildung in allen Bereichen der psychosomatischen Medizin
4. koordiniert Weiterbildung, Forschung und Praxis der psychosomatischen Medizin in unterschiedlichen medizinischen Teilgebieten
5. beteiligt sich an der Entwicklung qualitätssichernder Maßnahmen und an der Entwicklung von Leitlinien der medizinischen Versorgung
6. fördert durch seine Jahrestagungen und weitere Maßnahmen die wissenschaftlichen Aktivitäten, die für die Psychosomatik bedeutsam sind
7. fördert internationale Kontakte auf dem Gebiet der psychosomatischen Medizin * unterstützt den Transfer von Forschungsergebnissen in die klinische Praxis * engagiert sich für Öffentlichkeitsarbeit in der psychosomatischen Medizin
Bei funktionellen somatischen Syndromen (FSS) ist es die richtige Mischung aus organspezifischem und psychosozialem Ansatz, die den Therapieerfolg verspricht. Nichtmedikamentöse Behandlungsansätze, die das aktive Mitwirken des Patienten erfordern, scheinen dabei wirksamer zu sein als passive Verfahren, wie etwa Injektionen oder Operationen. Das sind die Kernergebnisse einer wissenschaftlichen Übersichtsarbeit, die vor kurzem in der international renommierten medizinischen Fachzeitschrift Lancet erschien[1]. Erstmalig wurden damit die Ergebnisse und Evidenzbewertungen sämtlicher seit 2001 erschienenen systematischen Reviews und Metaanalysen für insgesamt zwölf funktionelle somatische Syndrome zusammengetragen und interpretiert.
Große Chance auf Ende der Odyssee
„Wenn unser Resümee bei Allgemeinmedizinern, Fachärzten mit somatischem Schwerpunkt und bei Psychotherapeuten Gehör findet, dann bedeutet dies eine sehr große Chance für diese Patienten, die oft auf einen langen Leidensweg zurückblicken“, betont der Erstautor der Studie, Prof. Peter Henningsen, München. „Patienten mit FSS fühlen sich in der Regel stärker beeinträchtigt als Patienten mit ähnlichem Beschwerdebild und bekannter organischer Ursache. So ist beispielsweise die Lebensqualität der Patienten beim Fibromyalgiesyndrom stärker eingeschränkt als etwa bei einer Rheumatoiden Arthritis“, ergänzt Prof. Stephan Zipfel, Tübingen. Die Crux, so die Autoren, liege darin, dass es bislang noch kein tragfähiges Klassifikationssystem für diese Erkrankungen gäbe und ein ausschließlich somatischer Ansatz ebenso zu kurz greife, wie ein ausschließlich psychologischer.
Evidenzlage deutlich verbessert
Die Übersichtsarbeit, so Henningsen, gebe aber Anlass zur Hoffnung, denn sie zeige eindrucksvoll, wie sich die Evidenzlage zu einer Reihe funktioneller Syndrome wie beispielsweise Fibromyalgie, chronischer Lumbago oder Spannungskopfschmerz in den letzten Jahren entscheidend verbessert habe.
Medikamentöse Ansätze, die primär auf die Verbesserung der beeinträchtigten Organfunktion abzielen, haben sich bei einem Teil der untersuchten Syndromgruppen als wirksam erwiesen. Mit am besten belegt ist in diesem Zusammenhang die Wirksamkeit der Serotoninrezeptorliganden Tegaserod und Alosetron beim Reizdarmsyndrom. Diese Substanzen sind aber mit dem Risiko schwerwiegender kardiovaskulärer bzw. gastrointestinaler Nebenwirkungen behaftet und in Deutschland nicht zugelassen. Die Wirksamkeit von Spasmolytika ist beim Reizdarmsyndrom mit mittlerem Evidenzgrad nachgewiesen, ebenso die von trizyklischen Antidepressiva und von Psychotherapie.
Für peripher wirksame Medikamente konnte nicht bei allen Formen des FSS ein Nutzen nachgewiesen werden. Beim Fibromyalgiesyndrom etwa oder dem chronischen Unterbauchschmerz gibt es dafür keine oder nur schwache Evidenz.
Aktives Mitwirken des Patienten ist essenziell
Demgegenüber erscheint folgende Beobachtung wie ein roter Faden, der sich durch alle Syndromgruppen hindurch zieht: Die Wirksamkeit von Therapieverfahren, bei denen der Patient eine aktive Rolle übernimmt, konnte mit mittlerem bis hohem Evidenzgrad belegt werden. So konnte beispielsweise für die Fibromyalgie mit hohem Evidenzgrad gezeigt werden, dass sie durch eine multidiziplinäre Therapie, die aktives Körpertraining und Psychotherapie umfasst, wirksam behandelt werden kann. Vergleichbar gut belegt ist bei den meisten FSS die Wirksamkeit zentral wirksamer Substanzen, wie etwa Antidepressiva.
Viele FSS, ein Entstehungsmechanismus?
Das vergleichbar gute Ansprechen der unterschiedlichsten FSS auf ähnliche oder identische Therapiestrategien wird von den Experten als eines von vielen Indizien dafür gewertet, dass die verschiedenen FSS zwar in ihrer klinischen Erscheinung sehr unterschiedlich sind, aber in ihrem pathophysiologischen Zusammenspiel organischer und umweltbedingter Auslöser, kognitiver und psychosozialer Komponenten sehr große Ähnlichkeiten aufweisen. „Man neigt daher dazu, funktionelle somatische Syndrome nicht mehr getrennt nach Organsystemen und aus der Perspektive der jeweiligen somatischen Unterdisziplinen zu klassifizieren, sondern als Erkrankungsgruppe, die durch ein Zusammenwirken spezifischer organischer und psychischer Faktoren gekennzeichnet ist“, berichtet Prof. Wolfgang Herzog, Heidelberg. Dafür spreche unter anderem die Tatsache, dass viele Patienten Symptome aus mehreren, sich überschneidenden FSS aufwiesen, wie beispielsweise Spannungskopfschmerz und Lumbago.
Den Schlüssel nicht übersehen
Die frühzeitige Erkennung und adäquate Behandlung eines FSS erfordere, so Herzog, einen besonders wachsamen Blick des Arztes. Sonst, so das Ergebnis einer Studie in Primärarztpraxen, besteht die Gefahr, dass der Arzt die Schlüssel zur psychosozialen bzw. interpersonellen Dimension der Erkrankung übersieht, obwohl sie vom Patienten oft relativ deutlich ins Spiel gebracht werden. Die Folge ist dann die weitere Somatisierung der Erkrankung und zwar durch den Arzt, der dann zu teurer Diagnosetechnik, unwirksamen oder gar invasiven Therapien greift. In diesem Zusammenhang warnt Herzog davor, dass einzelne Syndrome, aufgrund ihrer somatischen Erscheinung in einem bestimmten Spezialgebiet verortet, ausschließlich aus der organmedizinischen Sicht des jeweiligen Spezialisten wahrgenommen und behandelt werden.
Aber auch die Bewertung der Erkrankung als rein psychogen, wie sie die derzeitigen Klassifikationssysteme unter der Kategorie „somatoforme Störungen“ vorsieht, kann problematisch sein, besonders wenn sie die Möglichkeiten einer flankierenden symptomatischen bzw. peripher wirksamen medikamentösen Therapie ausblendet und bei den Betroffenen die Angst weckt, als „psychisch krank“ stigmatisiert zu werden.
Wertvolle Empfehlungen zur Stufentherapie
„Um die viel versprechenden Forschungsergebnisse der letzten Jahre für eine bessere Versorgung von Patienten mit FSS nun wirklich nutzen zu können, ist eine gezielte ärztliche Fortbildung unabdingbar“, resümiert Herzog. Die Erkennung und Behandlung von FSS kann beispielsweise im Primärarztbereich bereits durch ein kurzes, gezieltes Training verbessert werden. Auch das Medizinstudium soll entsprechende Fähigkeiten in Zukunft stärker fördern.
Einen wertvollen Beitrag zu einem strukturierten Vorgehen bei dieser anspruchsvollen Erkrankungsgruppe haben die Autoren auf Grundlage der neuesten Forschungsergebnisse bereits im Rahmen der Übersichtsarbeit in Form von Empfehlungen zum Behandlungs-Management bei FSS vorgestellt (s. Beiblatt „Empfehlungen zur Behandlung von funktionellen somatischen Syndromen“).
[1] Henningsen P., Zipfel S., Herzog W.;
Management of functional somatic syndromes
Lancet, 2007, 369(9565):946-55Stand: 29.10.07
EVIDENZ: Im medizinischen Zusammenhang zeigt die Evidenz an, wie gut eine bestimmte Aussage, beispielsweise „Medikament xy wirkt bei der Erkrankung z“ wissenschaftlich belegt ist. In systematischen Untersuchungen kann der Evidenzgrad einer Aussage anhand der Zahl, Größe und Qualität der dazu vorliegenden Studien beurteilt werden. Dazu gibt es international anerkannte Kriterien.
FIBROMYALGIE u.a. auch als Weichteilrheumatismus, Muskelrheumatismus oder Fibrositis bezeichnet. Chronische, nicht-rheumatische Erkrankungen mit Schmerzen der Muskulatur und Skelettweichteile, Müdigkeit / Erschöpfung und Schlafstörungen. Eine Beziehung zum chronischen Müdigkeits- / Erschöpfungssyndrom wird diskutiert.
FUNKTIONELLES SOMATISCHES SYNDROM: Erkrankung, die durch anhaltende körperliche Beschwerden gekennzeichnet ist und für die eine adäquate Untersuchung keine ausreichend erklärende strukturelle oder anderweitig spezifizierte organmedizinische Ursache zutage fördert. Körperliche Beschwerden werden in diesem Zusammenhang in die drei Hauptgruppen Schmerzen, Funktionseinschränkungen und Müdigkeit / Erschöpfung differenziert.
GASTROINTESTINAL = den Magen-Darm-Trakt betreffend
INJEKTION: Verabreichung eines Medikaments über eine Spritze
INTERPERSONELL: zwischenmenschlich, die Beziehung und Interaktion verschiedener Personen betreffend
INVASIV: in diesem Zusammenhang sind damit Eingriffe gemeint, die einschneidend und risikobehaftet sind, wie etwa bestimmte Operationen oder Medikationen
KARDIOVASKULÄR = Herz und Blutgefäße betreffend
KOGNITIV = das Denken, Verstehen und die Bildung von Konzepten betreffend
LUMBAGO = Schmerzen der Lendenwirbelsäule
METAANALYSE = statistische Zusammenführung der Ergebnisse mehrerer Studien, die alle die gleiche Frage untersuchen
PATHOPHYSIOLOGISCH = das Zusammenspiel krankheitsverursachender körperlicher Vorgänge betreffend
PERIPHER WIRKSAM: Im Textzusammenhang sind damit Medikamente gemeint, die direkt am Organ ansetzen, in dem die Beschwerden lokalisiert sind, wie z.B. bei funktionellen Magenbeschwerden Medikamente, die die Magensäureproduktion hemmen (s. auch „zentral wirksam“).
PRÄMENSTRUELLES SYNDROM = Ausgeprägte Stimmungsschwankungen, Müdigkeit, Reizbarkeit, depressive Verstimmung oder Bauchschmerzen vor der Menstruation. 20 – 30% aller Frauen sind davon betroffen.
PRIMÄRARZT: In der Regel Allgemeinarzt, hausärztlicher Internist oder praktischer Arzt, der erste Anlaufstelle für den Patienten ist und diesen im Sinne eines Gesamtbehandlungsplans behandelt, gegebenenfalls gemeinsam mit anderen Fachärzten, Psychotherapeuten etc.
PSYCHOGEN = psychisch bedingt
PSYCHOTHERAPEUT: geschützte Berufsbezeichnung, die nur durch gesetzlich definierte Ausbildungsgänge erreicht werden kann. Näheres s. „Guide durch den Dschungel der Psychoberufe“ auf www.dgpm.de/index.php?id=186&tx_ttnews[backPid]=175&tx_ttnews[pointer]=1&tx_ttnews[tt_news]=358&cHash=8257efbf8a
SOMATISCH = körperlich, körperbezogen
SOMATISIERUNG = wörtlich „Verkörperlichung“. Gemeint ist das Hervorrufen oder Verstärken körperlicher Beschwerden im Rahmen einer psychischen oder psychosomatischen Erkrankung.
SPASMOLYTIKA = krampflösende Medikamente, in diesem Zusammenhang auf die glatte Muskulatur des Darms wirkend
SYMPTOMATISCH: in diesem Zusammenhang "auf die Symptome abzielend"
SYNDROM = Kombination bestimmter Symptome, beispielsweise ist das Reizdarmsyndrom durch Bauchschmerzen, Stuhlunregelmäßigkeiten und Blähungen gekennzeichnet
SYSTEMATISCHES REVIEW = Überblick über wissenschaftliche Studien, der nach einer detailliert nachvollziehbaren Methodik erstellt wurde.
TRIZYKLISCHE ANTIDEPRESSIVA: Eine der ersten gegen Depressionen eingesetzten Substanzgruppen. Mittlerweile sind sie in der Depressionsbehandlung nicht mehr Mittel der ersten Wahl, weil es verträglichere und risikoärmere Alternativen gibt.
UNSPEZIFISCHER THORAXSCHMERZ: Unspezifische Schmerzen des Brustkorbs. Die möglichen Ursachen sind vielfältig. Erkrankungen des Herzens, der Lunge, der Brustwand aber auch der Verdauungsorgane müssen in Erwägung gezogen werden. Oft wird jedoch keine klar einem Organ zuzuordnende Ursache gefunden.
ZENTRAL WIRKSAM: In diesem Zusammenhang Medikamente, die – wie etwa bestimmte Antidepressiva - auf das Gehirn wirken und dort beispielsweise die Schmerzwahrnehmung und Stimmungslage verändern.
Für die Zusendung von Belegen sind wir dankbar. Wünschen Sie nähere Informationen oder Kontakt zu einem Autor der zitierten Originalarbeit, dann wenden Sie sich bitte an
Dr. med. Thomas Bißwanger-Heim
Gerstenhalmstr. 2
79115 Freiburg
Tel. 0761 / 488 2 777
Fax 0761 / 488 2 778
Die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) e.V. (www.dgpm.de)
wurde am 18. Juni 1992 als Deutsche Gesellschaft für Psychotherapeutische Medizin e.V. in Frankfurt/Main gegründet. Anlass war die Entscheidung des 92. Deutschen Ärztetages 1992 in Köln für ein Gebiet „Psychotherapeutische Medizin“. Auf der Mitgliederversammlung am 26.10.2003 wurde die Fachgesellschaft umbenannt in „Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DGPM) e.V.“, da der Ärztetag vom Mai 2003 die Gebietsbezeichnung in „Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“ umbenannt hatte.
Die DGPM gliedert sich in einen Bundesverband und in Landesverbände. Die Koordinierung der Aktivitäten auf Bundesebene und Länderebene geschieht über einen Beirat. Im Vorstand des Bundesverbandes sind sowohl niedergelassene Ärzte, Krankenhausärzte, Hochschullehrer wie auch verschiedene Grundorientierungen (psychoanalytisch, verhaltenstherapeutisch) vertreten.
Seit der Verschmelzung der DGPM mit der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie (AÄGP) im März 2006 ist die DGPM mit etwa 2.000 Mitgliedern die größte Interessenvertretung psychosomatisch und psychotherapeutisch tätiger Ärzte in Deutschland und firmiert unter dem Namen „Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) e.V.“
Diese Pressemitteilung wurde auf openPR veröffentlicht.
Das Deutsche Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM)(www.dkpm.de)
1. ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft
2. arbeitet schulenübergreifend und interdisziplinär
3. fördert die Weiterbildung und Fortbildung in allen Bereichen der psychosomatischen Medizin
4. koordiniert Weiterbildung, Forschung und Praxis der psychosomatischen Medizin in unterschiedlichen medizinischen Teilgebieten
5. beteiligt sich an der Entwicklung qualitätssichernder Maßnahmen und an der Entwicklung von Leitlinien der medizinischen Versorgung
6. fördert durch seine Jahrestagungen und weitere Maßnahmen die wissenschaftlichen Aktivitäten, die für die Psychosomatik bedeutsam sind
7. fördert internationale Kontakte auf dem Gebiet der psychosomatischen Medizin * unterstützt den Transfer von Forschungsergebnissen in die klinische Praxis * engagiert sich für Öffentlichkeitsarbeit in der psychosomatischen Medizin
News-ID: 167864 • Views: 1572
Schlagwörter
Permanenter Link zu dieser Pressemeldung:
Wir freuen uns, wenn Sie z.B. auf Ihrer Presse- oder Referenzen-Seite auf openPR.de linken.
Für die Inhalte dieser Meldung ist nicht openPR.de sondern nur der jeweilige Autor verantwortlich.
Haftungsausschluss - openPR distanziert sich von dem Inhalt der Pressemitteilungen. Lesen sie hier mehr
© 2004-2012 openPR | Impressum



