(openPR) Qualitativ hochwertige Psychotherapie kann sich niemals nur auf den einzelnen Patienten und sein individuelles Lebensumfeld beschränken. Der Therapeut muss vielmehr stets auch das gesellschaftliche System, in dem der Patient lebt, berücksichtigen, denn selbst so gegensätzliche Systeme wie das der ehemaligen DDR und des heutigen vereinigten Deutschland verursachen und verstärken psychische Störungen und Erkrankungen. "Es gibt mehr Gemeinsamkeiten, als dies beim flüchtigen Hinsehen zu erwarten gewesen wäre."
Diese These verat der Psychotherapeut und Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Dr. Hannsknut Röder, in seinem Vortrag über "Unterschiedliche Freiheitsgrade von Psychotherapeutinnen und -therapeuten in der ehemaligen DDR und den alten Bundesländern" zum Auftakt des Vierten gemeinsamen Symposiums der Rheingau-Taunus Klinik, des Therapiedorfs Villa Lilly und des Weiterbildungskreises Main-Taunus für Psychotherapie und Psychosomatik am 12. September 2007 in Bad Schwalbach. Das Symposium hat sich seit 2004 zur größten Fachtagung ihrer Art in Hessen entwickelt.
Hannsknut Röder, Chefarzt der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie der Rheingau-Taunus Klinik Bad Schwalbach und selbst Bürger der ehemaligen DDR, wies darauf hin, dass erst gegen Ende der 1960-er/Anfang der 1970-er Jahre in beiden Gesellschaftssystemen neue, auch politische, Sichtweisen deutliche positive Veränderungen sowohl im Fach Psychotherapie als auch in der allgemeinen Akzeptanz psychischer Störungen ermöglichten. Ein Ausdruck dafür war, dass in der Bundesrepublik 1967 die Psychotherapie als Kassenleistung etabliert wurde. In den 1970-er Jahren setzte sich in der DDR ungestraft der Begriff "Beziehungsstörungen von Krankheitswert" durch, anstatt psychische Störungen weitgehend zu leugnen. In beiden Teilen Deutschland erfolgten etwa zeitgleich diese und weitere entscheidende Schritte, welche "die Psychotherapie unumkehrbar im gesellschaftlichen Kontext und damit im Gesundheitswesen verankerten", bilanzierte Dr. Röder.
In beiden Systemen zeigten sich jedoch auch Defizite: Beispielsweise waren dieses Entwicklungen zu keiner Zeit präventiv orientiert und sie erfolgten lediglich als Reaktion auf veränderte Patientenbedürfnisse. Auslöser dafür waren in der DDR der zunehmende Druck des Parteiapparates, reale und befürchtete Übergriffe in die Privat- und Intimsphäre, umfassender Mangel, und eine wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung. In Extremfällen führten eine so genannte negative politische Einstellung zu Behandlungen in der geschlossenen Psychiatrie. Diese Entwicklungen steigerten den Bedarf nach Psychotherapie und belasteten darüber hinaus die Arbeit der Psychotherapeuten: Bekannt war, dass sich in fast jeder Therapiegruppe ein besonders "aufmerksamer Patient" befand, der Informationen an Behörden weiterleitete, und dass auch Kollegen "zu dem Verein Horch und Guck gehörten", so Röder. Der kollegiale Austausch war deshalb "stets von Vorsicht, häufigem Misstrauen und so genannter kontrollierter Offenheit geprägt". Gegen Ende der 1980-er Jahre stellten sich den Psychotherapeuten immer häufiger Patienten vor, darunter Kollegen, die unter dem litten, was heute als Posttraumatische Belastungsstörung bezeichnet wird.
In der damaligen BRD und im heutigen vereinigten Deutschland waren und sind vor allem der zunehmend härter werdende Wettbewerb und Konkurrenzkampf in der Gesellschaft mit ursächlich für den wachsenden Bedarf nach Psychotherapie. Kennzeichnend dafür sind Überforderung auf der einen Seite (Überstunden, Schichtdienste, Karrierestreben), und auf der anderen Seite das Gefühl, aufgrund von Arbeitslosigkeit überflüssig zu sein oder unter Existenzängsten zu leiden. Der Kapitalismus betrachte den Menschen hauptsächlich als Konsumenten, "dem es gut gehen muss, damit er konsumiert", verlange Anpassung an die wirtschaftlichen Bedingungen und ein Maximum an Flexibilität und Mobilität, wobei die Gefahr, den Anforderungen nicht zu genügen, stets präsent sei, referierte Dr. Röder. Psychische Störungen und Erkrankungen ergäben sich somit zu einem wesentlichen Teil aus der Struktur der westlichen Gesellschaft: "Wir kommen nicht daran vorbei zu konstatieren, dass die äußeren Bedingungen das eigene Verhalten deutlicher prägen, als uns lieb ist", lautete das Fazit von Dr. Hannsknut Röder.
Unter der Leitung von Dr. Röder werden in der Rheingau-Taunus Klinik in Bad Schwalbach hessenweit die meisten Fachärzte für Psychotherapie ausgebildet. Die Rheingau-Taunus Klinik, eine Rehabilitationseinrichtung für Innere Medizin/Kardiologie, Psychosomatik und Gynäkologie, gehört zur Pitzer-Klinikgruppe. Sie ist bundesweit die einzige Klinik, die Behandlungen in diesen drei Fachgebieten im interdisziplinären Verfahren anbietet.
Dr. Hannsknut Röder
Rheingau-Taunus Klinik
Gentstraße 7-9
65307 Bad Schwalbach
Tel.: 06124 / 509 - 770
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