04.09.2007 - 17:43 - Gesundheit & Medizin

Revitalisierung ärztlicher Ideale für die Pflegenden erforderlich?

Pressemitteilung von: IQB - Medizin-, Pflege- und Psychiatrierecht - Lutz Barth
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Das kritische Internetportal zum Medizin-, Pflege- und Gerontopsychiatrierecht - Lutz Barth
Während sich die Berufsverbände der Pflege nicht selten und ganz aktuell sich im besten Einvernehmen mit der Bundesgesundheitsministerin sehen, ist das Verhältnis der Ärzteschaft zu den politisch Verantwortlichkeiten eher gespalten, wurden diese doch im Zuge ihrer (Streik)Aktivitäten schon mal als Geiselnehmer diskreditiert. Hierüber zu wehklagen, macht in einem doppelten Sinne keinen Sinn, denn wie wir wissen, hat uns das OLG Karlsruhe eines Besseren belehrt.

Das gelegentlich auch „Heimträger Geiselnehmer“ seien, können wir mit Blick jedenfalls auf die psychisch Kranken den stets vielerorts geschätzten Worten Klaus Dörners entnehmen (Quelle: Caritas-NRW im Interview mit Dörner >>> www.caritas-nrw.de/cgi-bin/showcontent.asp?ThemaID=492 ), wobei hiermit nicht die Mitarbeiter gemeint seien (so Dörner).

Dies zu vertiefen, kann hier nicht die Aufgabe sein, wohl aber die kritische Distanz der politisch Verantwortlichen zu den Ärzten bei gleichzeitiger Annäherung an die Berufsgruppe der Pflegenden, die im Begriff ist, sich akademisch begleitet zu professionalisieren und zu emanzipieren. Der aktuelle Bericht des MDS hat bis dato jedenfalls eher zu bescheidenen Diskussionen geführt. Man ist vielmehr bemüht, die Erfolge der Pflege in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu ziehen, während demgegenüber einzelne Politiker – möglicherweise mit Blick auf das anstehende Superwahljahr – durchaus geneigt sind, einen „Optimierungsbedarf“ zu erkennen, den zu realisieren in erster Linie wohl den emanzipierten Pflegeberufen und ihren Verbänden selbst aufgegeben zu sein scheint.

Erst kürzlich hat die Bundesgesundheitsministerin und einer der Berufsverbände der Pflege in geradezu harmonischer Weise eine gemeinsame Presseerklärung herausgegeben und den besonderen Stellenwert der Pflege im Allgemeinen und im Besonderen betont. Die Ärzteschaft selbst und ihre Verbände haben das „Problem erkannt“ und warnen zunächst noch verhalten vor einer „Light-Medizin“. Wo aber liegt die Ursache für die Harmonie der politisch Verantwortlichen mit der Berufsgruppe der Pflegenden? Hier können wir nur spekulieren. Vielleicht haben die Gesundheitspolitiker erkannt, dass mit einem „garantierten“ Aufstieg der Pflege in der Professionalisierungsskala diese sich möglicherweise in der Folge als „dankbar“ -und – im Gegensatz zur Ärzteschaft – als moderater Verhandlungspartner erweisen könnte, so dass dann in der Folge eher mit verhaltener Kritik bei den kommenden gesundheitspolitischen Programmen zu rechnen sei. Freilich ist dies nur eine These, aber es lohnt sich, darüber intensiver nachzudenken. Sofern die Pflege auf Augenhöhe mit den Ärzten ihre Aufgaben wahrnehmen, nehmen die Pflegenden ihren gewünschten Platz in den Reihen der selbstverantwortlichen Leistungserbringer ein und übernehmen so einen Teil des bisher von den Ärzten zu erbringenden Versorgungsauftrags.

„Auch in Deutschland stellt der hohe ökonomische Druck bei gleichzeitiger Erhaltung der Qualität die Gesundheitsberufe vor große Herausforderungen und verlangt nach einem neuen Zuschnitt von Aufgabenfeldern“ betont Franz Wagner, Bundesgeschäftsführer des DBfK in einer aktuellen Pressemitteilung v. 04.09.07.

„Die derzeit praktizierte Aufgabenverteilung zwischen ärztlicher und pflegerischer Berufsgruppe entbehrt einer sachlichen Begründung und daher fordert der DBfK eine stärkere Einbeziehung der nicht-ärztlichen Heilberufe in die Gesundheitsversorgung. Im Interesse der Patienten gilt es, jetzt das deutsche Gesundheitswesen fit für die Zukunft zu machen, sowohl im ambulanten als auch stationären Bereich. Die Weiterentwicklung der Pflege, verbunden mit einer stärkeren Betroffenenorientierung sowie eine optimale Ressourcenallokation sind die Basis für eine qualitativ hochwertige und gleichzeitig effiziente pflegerische Versorgung der Bevölkerung.“

Quelle: DBfK >>> Advanced Nursing Practice: Die Chance für eine bessere Gesundheitsversorgung in Deutschland >>> www.dbfk.de

Diese (neue) Aufgaben- und Kompetenzverteilung wird freilich nicht ohne Folgen bleiben und es steht zu vermuten an, dass hier die Pflege als Berufsgruppe von den Gesundheitspolitikern für ihre gesundheitsökonomische Zwecke instrumentalisiert wird. Freilich setzt dies voraus, dass die Pflege ihren eigenen Qualitätsansprüchen gerecht wird und dass die Kluft zwischen Theorie und Praxis mit Blick auf die Patientensicherheit und damit bodenständiger Pflege überbrückt werden kann, zumal derzeit es keine Alternative zu der bisher praktizierten Arbeitsteilung zwischen Ärzten und Pflegern geben dürfte!

Dass hierbei die Pflegenden selbst wieder gehalten sind, einen Teil ihrer angestammten und ehemals vorbehaltenen Aufgaben an Pflegeassistenzen zu delegieren, ist eine höchst angenehme Folge aus der Sicht der Gesundheitspolitiker, die neben den ehernen Zielen eines umfassenden Gesundheitsschutzes in erster Linie wohl auch der Politik eines rechten Augenmaßes verpflichtet sind. Die Ärzteschaft pocht scheinbar seit Jahren „unverhohlen“ um eine bessere und auskömmliche Vergütung – da wird schon mal gestreikt und so der kollektive Aufstand geprobt -, so dass der neue Professionenmix ggf. die Chance bietet, in Zeiten der gesundheitsökonomischen Krise besonders kostenintensive pflegerische Behandlungsoptionen mit einer anderen Berufsgruppe zu verhandeln, die offensichtlich besonders empfänglich für die bürgerlichen Ideale unserer Gesellschaft ist: „wir wollen helfen und möchten unseren Beitrag für die Patienten erbringen – wir können das, gebt uns das Vertrauen“, so könnte das Credo des öffentlichkeitswirksamen Bewerbungsschreibens der Berufsverbände für mehr Verantwortung im bundesdeutschen Gesundheitswesen lauten.

In diesem Sinne könnte es dann Sinn machen, dass das Lehrbuch zur ärztlichen Grundhaltung „Der gute Arzt“ von Klaus Dörner als magna charta auch von den Pflegeberufen gewertet und entsprechend internalisiert wird. Etwaige Berührungsängste mit der Lektüre aufgrund der „Arztnähe“ dürften nicht mehr sonderlich von Belang sein, wie wir dem Vorwort zur 2. Auflage entnehmen können. Die Leser haben es offensichtlich verstanden, dass das Buch zwar voll und ganz den Arzt meint, dass aber alle anderen, die „mit Menschen arbeiten“, genauso gemeint sind. „Am schnellsten hat sich das bei den Pflegenden herumgesprochen, inzwischen aber auch bei allen anderen, auch bei Pädagogen, Erziehern und Lehrern.“

Wenn dem so ist, bedarf es in der Tat nur noch der Revitalisierung ärztlicher Ideale, der Grundhaltung und deren Philosophie, die dann von der Pflege vorbehaltlos übernommen und verinnerlicht werden, zumal sich scheinbar die Ärzteschaft von ihren Idealen verabschiedet hat. Die bürgerliche Ideologie von der Demut, Sanftmütigkeit und dem Liebesdienst am kranken und hilfesuchenden Menschen vermag bei den Ärzten nicht mehr zu greifen, so dass es durchaus Sinn machen könnte, eine andere Berufsgruppe einstweilen für diese Zwecke zu gewinnen. Dies erscheint insbesondere dann von Erfolg gekrönt zu sein, wenn zunächst der Berufsstand aus der Sicht der Gesundheitspolitiker eine entsprechende gesellschaftliche Aufwertung erfährt und dies von der einschlägigen Berufsgruppe besonders eingefordert und letztlich dankbar angenommen wird. Es schlummern enorme Potenziale in dem Emanzipationsprozess der Pflege und es bleibt zu hoffen, dass die wohl einzuräumende „Bewährungszeit“ bis zum nächsten Bericht des MDS konsequenter als bisher genutzt wird.

Lutz Barth

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