(openPR) Der Weg der Professionalisierung in der Pflege ist nicht nur mühselig, sondern vor allem auch lang und zuweilen sehr dornig. Die Pflege ringt um Freiheit und Emanzipation von der scheinbar antiquierten ärztlichen Bevormundung und die Berufsverbände fordern gebetsmühlenartig die sog. Vorbehaltsaufgaben für die Pflege. Ob diese Tendenz letztlich in die Light-Medizin führen wird, bleibt abzuwarten, melden sich derzeit auch Kritiker zu Wort, die kritisch die Bestrebungen und Forderungen einschlägiger Berufsverbände begleiten. Neue Impulse für die aktuelle Debatte ergeben sich ohne Frage aus dem unlängst präsentierten Gutachten (2007) des Sachverständigenrats, dass gelegentlich als ein „Meilenstein“ gewertet wird und den Berufsverbänden quasi Argumentationshilfen an die Hand zu geben scheint.
Auch wenn die Professionalisierung noch nicht abgeschlossen ist, so erreichen doch die Emanzipationsbestrebungen der Pflegeberufe (zumindest aber die der Berufsverbände) eine neue Qualität: Die Pflege sieht sich in und auf gleicher „Augenhöhe“ mit der Ärzteschaft und es gilt nunmehr, sich endgültig dem ärztlichen Diktat der heilkundlichen Bevormundung zu entziehen. Wir verabschieden uns in Teilen vom Nightingaleschen Gelübde: „In Treue will ich danach streben, dem Arzte in seiner Arbeit zu helfen, und mich ganz einsetzen für das Wohl derer, die meiner Pflege anvertraut sind“ und kämpfen fortan auf dem krisengeschüttelten Gesundheitsmarkt um ein eigenständiges Terrain. Wenn das auf Reisen geschickte Pflegebett auf die Zugspitze gehievt worden ist, scheint gleichsam der Aufstieg in der allgemeinen Professionalisierungsskala gelungen, die alten Fehden auf den Stationen zwischen den Ärzten und den Pflegenden vergessen und ein neues Zeitalter in der Pflege angebrochen zu sein. Die nunmehr emanzipierte „Schwester Florence“ hat sich mit Erfolg den patriarchalischen Strukturen entzogen und wird sich vielleicht künftig den intraprofessionellen Machtgelüsten einzelner Pflegender in besonders hervorgehobenen Managementpositionen zu erwehren haben. Das Pflegebett auf der Zugspitze symbolisiert gleichsam den Beobachtern aus der Ferne, dass die Pflege dort angekommen ist, wo diese gleichsam hin wollte.
Der mühselige Weg der Emanzipation hat endlich sein Ziel gefunden und es bleibt zu hoffen, dass kein Unbill auf der Zugspitze durch entsprechende Wetterkapriolen droht, so dass der rechte Blick für das Erreichte getrübt wird: Die Pflege wird in die haftungsrechtliche Eigenverantwortlichkeit mit allen Konsequenzen entlassen und die ehemalige hierarchische Arzt-Pfleger-Beziehung wird durch die hierarchische Pfleger-Pfleger-Beziehung abgelöst. Die eigentlich schon immer vorhandenen intraprofessionellen Konflikte zwischen den Pflegenden werden so - mehr denn je - an die Öffentlichkeit gelangen und für neuen, aber im Kern doch „alten“ Zündstoff sorgen: Nicht der Chefarzt im wehenden Kittel und in seinem Gefolge das Herr von Ärzten und Assistenzärzten, freilich den Oberärzten nachgeordnet, wird zum sozialen (und fachlichen) Gegenspieler, sondern die Pflegedienst- oder Stationsleitung. Die Wachablösung im hierarchischen Strukturmodell ist erfolgt und die Pflegerinnen und Pfleger werden sich im Rahmen der ihnen übertragenen Vorbehaltsaufgaben zu bewähren haben. Ob es ihnen gelingt, ist nunmehr nicht nur eine fachliche Frage, sondern die insbesondere von der Pflege internalisierten Werte der bürgerlichen Ideologie, etwa Sittlichkeit, Demut, Gehorsam, Hingabe, Selbstlosigkeit, werden im intraprofessionellen Raum notwendig aus der Sicht des Pflegemanagements fruchtbar gemacht, um so die neue hierarchische Parallelstruktur absichern zu können.
In diesem Sinne erscheint es denn auch konsequent, den Ruf nach Pflegekammern erschallen zu lassen, wird doch die Pflege bemüht sein, ihren Berufsstand selbst zu kontrollieren und ggf. zu sanktionieren. Nach wie vor zeitigt die tradierte bürgerliche Ideologie auch mit Blick auf die einschlägigen Berufsverbände und ihrer Berufspolitik ihre Wirkung: Frau und Mann sorgen sich um die Patienten, um die Qualität der Pflege und damit um eine patientensichere Versorgung im Allgemeinen und Besonderen. Eherne Ziele, die nicht ohne Folgen für das Pflegeteam bleiben werden. Das Gelübde der ohne Frage verdienstvollen Florence Nightingale muss in der Tat umgeschrieben werden: „In Treue will ich danach streben, der Pflegedienst- und Stationsleitung in ihrer Arbeit zu helfen, und mich ganz einsetzen für das Wohl derer, die meiner Pflege anvertraut sind“. Ergänzend könnte folgender Passus aufgenommen werden: „Ich entsage und befreie mich im Übrigen vom Fachvorbehalt des Arztes und seinem Diktat und ich gelobe, in Demut den Stellungnahmen und Weisungen der für mich zuständigen Pflegekammer zu folgen und mich jeglicher Kritik auch gegenüber meinen mit einem Fachvorbehalt ausgestatteten Vorgesetzten zu enthalten.“
Spätestens an dieser Stelle regt sich bei ihnen als Leserinnen und Leser der Unmut und ich gestehe bereitwillig, nicht ganz zu Unrecht. Gewollte Provokation? Ein arztfreundlicher und unangenehmer Zeitgenosse? Oder vielleicht ein Skeptiker, der mit der beabsichtigten Etablierung von Vorbehaltsaufgaben für die Pflege gerade auch aus der Sicht der Pflegenden zumindest zum weiteren Nachdenken anregen will. Denn der Preis dürfte sehr hoch sein: Die Übernahme eines beachtlichen Haftungsrisikos und die Etablierung eines neuen hierarchischen Modells, dass sich im Übrigen in der Folge zu verselbständigen droht. Der soziale und fachliche Gegenspieler mit all seiner den Beruf prägenden und ggf. normativen Gestaltungskraft kommt aus dem intraprofessionellen Bereich und wer einmal die „Macht“ gekostet hat, wird versuchen, an dieser festzuhalten. Ob diese Visionen praxisfern sind, mögen in erster Linie sie selbst entscheiden, denn sie werden ihre Erfahrungen mit den Konflikten im Team bei der Beantwortung zentraler Fragen einbringen können und vielleicht regt sich auch bei ihnen ein wenig Unmut über den verlustig gegangenen Teamgedanken, wenn es darum geht, in Krisensituationen „Rede und Antwort“ zu stehen.
Lutz Barth



















