29.03.2007 - 14:36 - Gesundheit & Medizin

Hausarztmodelle der Krankenkassen: Bessere Versorgung zu höheren Kosten oder nur höhere Kosten?

Pressemitteilung von: Forum Gesundheitspolitik
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Ab 1.April müssen alle Gesetzlichen Krankenkassen ihren Versicherten ein sogenanntes Hausarztmodell anbieten, solche Modelle sollen Kosten im Gesundheitswesen einsparen: Durch Vermeidung von doppelter Diagnostik, durch die Lotsenfunktion zum tatsächlich geeigneten Facharzt. Sie sollen aber auch zu einer besseren medizinischen Versorgung beitragen: Durch die verpflichtende Teilnahme der Ärzte an Qualitätszirkeln, aber auch durch eine bessere Abstimmung unterschiedlicher Medikamente und durch eine bessere Kenntnis der privaten Lebensumstände von Patienten.

Ob Hausarztmodelle tatsächlich in der Lage sind, Kosten einzusparen ist strittig. Fest steht zunächst nur, dass den Kassen zusätzliche Ausgaben entstehen, bundesweit schätzungsweise 500 Millionen Euro. Die Kosten resultieren einerseits aus Prämien für Teilnehmer (Erlass der Praxisgebühr), Verwaltungskosten und zusätzliche Arzt- und Apothekenhonorare. Bei der Barmer erhalten Ärzte zusätzlich zu den Behandlungskosten für jeden Teilnehmer am Modell einmalig rund 15 Euro als Einschreibegebühr und pro Patient und Quartal zusätzlich etwas mehr als fünf Euro, Apotheken erhalten pro Beratung mit dem Arzt über das Medikamentenkonto etwa 9 Euro.

Ob diese Zusatzkosten mittel- und langfristig wieder aufgefangen werden und sich durch die Lotsenfunktion des Hausarztes sogar Kostenersparnisse einspielen, wird von Repräsentanten einiger Krankenkassen wie AOK oder Barmer heftig unterstrichen, von anderen ebenso heftig dementiert. So äußerte sich eine Führungskraft der Techniker Krankenkasse in einem Interview mit dem Magazin "PlusMinus" der ARD "Was haben Versicherte vom Hausarztmodell?" hierzu überaus skeptisch: "Ich kenne aus ganz Deutschland kein Hausarztmodell, das nachweisen kann, dass wirkliche Ersparungen vorliegen. Es liegt einmal daran, dass der Patient sich im Hausarztmodell so bewegt, wie er sich früher bewegt hat. Er geht zum Arzt, holt sich seinen Überweisungsschein und verhält sich nicht anders. Und der Arzt verhält sich auch nicht anders."

Auch wissenschaftliche Studien zu möglichen Kostenvorteilen durch Hausarztmodelle kamen bislang eher zu negativen Resultaten. Weitere Fragezeichen hierzu tauchen auf, wenn man neuere Befragungsergebnisse betrachtet, die in einer Auswertung von repräsentativen Befragungsdaten des "Gesundheitsmonitor" der Bertelsmann-Stiftung zutage gekommen sind. Dort zeigte sich:

• Gespräche mit dem Hausarzt dauern bei Teilnehmern an Hausarztmodellen im Durchschnitt etwas länger. Bei 35% der Teilnehmer dauern diese Arztgespräche über 10 Minuten, bei Nicht-Teilnehmern sind es nur 27%. Auch die Gesprächsdauer wird von Teilnehmern etwas häufiger als "lang" eingeschätzt.
• Die Zahl der Arzt- und auch der Facharztkontakte ist bei Teilnehmern an Hausarztmodellen deutlich höher. Dies ist insofern nicht überraschend, als Versicherte im Hausarztmodell deutlich älter sind und auch häufiger an einer chronisch Erkrankung leiden.
• Bei der Gesamteinschätzung der medizinischen Versorgung innerhalb und außerhalb von Hausarztmodellen zeigen sich kaum Belege für eine bessere Versorgung: Nur 10% erkennen Hinweise für eine solche Veränderung im Vergleich zu vorher.
• Die Lotsen- oder "Gatekeeper"-Funktion des Hausarztes ist deutlich zu erkennen: Vor einem Facharztbesuch holen sich Teilnehmer an Hausarztmodellen in der Regel immer erst eine Überweisung vom Hausarzt und sie machen dies auch sehr viel öfter als andere Versicherte.

Damit finden sich zwar Hinweise auf eine etwas längere Dauer des Arztkontaktes, was andeuten könnte: Untersuchungen werden gründlicher durchgeführt, auf Patientenbedürfnisse nach "sprechender Medizin" wird stärker eingegangen. Gleichwohl stellt Jan Böcken, Autor der Studie und Mitarbeiter der Bertelsmann-Stiftung, zusammenfassend fest: "Die Daten weisen derzeit nicht auf große Unterschiede zwischen der Versorgung innerhalb und außerhalb von Hausarztmodellen hin." (vgl. Jan Böcken: Hausarztmodelle in Deutschland: Teilnehmerstruktur, Beitrittsgründe und die Koordination zum Facharzt, in: Böcken u.a.: Gesundheitsmonitor 2006, Gütersloh 2006, S. 247-271)

Etwas optimistischer als diese Befragungsergebnisse stimmen Befunde, die vom Prognos Institut für das Modellvorhaben der AOK Baden-Württemberg gefunden wurden und in einem Zwischenbericht festgehalten sind: Wissenschaftliche Begleitung des Qualitäts- und Kooperationsmodells Rhein-Neckar (Hausarztmodell). In einer Zusammenfassung der Ergebnisse durch die AOK heißt es: "Die bisher entwickelten und eingesetzten Steuerungsinstrumente sind erfolgreich implementiert und werden insbesondere von den Versicherten positiv bewertet. Das entwickelte Präventionskonzept hat die Primärprävention belebt und kann durch eine Optimierung der eingesetzten Instrumente weiter an Akzeptanz gewinnen. Die Versicherten schätzen das Angebot. Besonders hervorzuheben ist die hohe Akzeptanz des Hausarztmodells bei den Versicherten. Sie sind mit den neuen Angeboten und Maßnahmen sowie den beteiligten Ärzten sehr zufrieden."
AOK Ba-Wü: Auszüge aus dem 1. Zwischenbericht "Wissenschaftliche Begleitung des Qualitäts- und Kooperationsmodells Rhein-Neckar (Hausarztmodell)" der Prognos AG

Dass Patienten mit dem Hausarztmodell zufrieden sind, ist keine so schlechte Nachricht. Ob allerdings auch die Qualität der medizinischen Versorgung sich verbessert hat, ist eine nach wie vor offene Frage. Möglicherweise gibt es auch schon Antworten hierzu. Leider behandeln alle Krankenkassen die Evaluationsberichte zu ihren Modellvorhaben als geheime Verschlussakte und lassen Ärzte und Patienten gleichermaßen im Dunklen stehen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Weitere Informationen und Downloads:
www.forum-gesundheitspolitik.de/dossier/index404.htm

Diese Pressemitteilung wurde auf openPR veröffentlicht.

Dr. Gerd Marstedt
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