27.11.2006 - 10:19 - Kunst & Kultur
direct/ RAG Aktiengesellschaft: Klassikstars aus Süd-Amazonien - Die "Wunderkinder" von Urubicha
Pressemitteilung von: RAG Aktiengesellschaft
Es ist kurz vor sechs, wenn Pater Walter Neuwirth jeden Morgen die 29 Steinstufen des Turmes emporsteigt. Die Sonne am Äquator hat um diese Zeit noch längst nicht jene Wucht, mit der sie tagsüber körperliche Anstrengungen zur schweißtreibenden Quälerei macht. Der Schleier der Dämmerung hat sich über Urubicha bereits verzogen, wenn Pater Walter heftig am Strick zieht. Sechsmal ertönt die "Santa Maria de Los Angeles", gut zwei Tonnen Bronze, vor 100 Jahren zur Glocke gegossen, um dem christlichen Glauben im Regenwald zu einer klaren Stimme zu verhelfen. Wie Musik breiten sich die Schwingungen über die 4500 Seelengemeinde im Tiefland Boliviens aus. Ein neuer Tag in Urubicha beginnt.
Für Pater Walther ist der Tag schon einige Stunden alt. Seit einem Schlaganfall vor einigen Monaten treibt ihn die Unruhe schon früh aus dem Bett. "Irgendwie liegt´s mir im Blut", sagt der 71jährige. Als jüngstes von zehn Kindern im Böhmerwald bei Budweis aufgewachsen, "habe ich damals schon in aller Frühe für meine Mutter das Feuer geschürt." Nach dem Krieg folgte die Entwurzelung mit der Emigration nach Bayern, 1967 dann der Schritt nach Bolivien. Der Franziskanerpater sollte auf Wunsch des Bamberger Bischofs eine Urlaubsvertretung übernehmen. Für sechs Monate. Aus der Vertretung wurde eine Berufung auf Lebenszeit. Im nächsten Jahr sind es 40 Jahre.
Zeit ist in Süd-Amazonien ohnehin eine relative Größe. 1691 kamen die ersten Jesuiten in den Bauch des südamerikanischen Kontinents. Im Gepäck hatten sie Geigen, Flöten, Celli und Trompeten. Mit Hilfe der Musik wollten sie "die Wilden" zum Glauben bekehren. Auch die Chiquitanos, wie das Naturvolk rund um Urubicha genannt wird. Was aber dann geschah und was die Indios mit den europäischen Instrumenten anstellten, übertraf die kühnsten Erwartungen. Sensibel und hochtalentiert entwickelten sie sich in kurzer Zeit zu Barockmusikern, die virtuos in den prächtigen Jesuitenkirchen aufspielten. Doch die Zeit der Annäherung endete jäh: Zu groß war der Argwohn der weißen Kolonialisten, die billige Arbeitskräfte für den Rohstoffabbau benötigten. So verfügte der Madrider Hof 1767 die Verbannung des Ordens aus den Provinzen. Die Indios flüchten aus Angst vor Sklaverei wieder in die Wälder.
Fast 90 Jahre schien die Zeit am Rio Blanco still zu stehen, ehe Franziskanermönche einen neuen Vorstoß wagten und 1856 den Ort Urubicha gründeten: Die Musik kehrte zurück. Weitere 140 Jahre später schließlich war es Pater Walter, der 1996 Symphonieorchester und Chor in Urubicha wiederbelebte. Im gleichen Jahr noch traten die jungen Musiker beim Festival in der Provinzhauptstadt Santa Cruz auf. Mit Erfolg. "Der Stern von Urubicha ist aufgegangen", erinnert sich Pater Walter noch heute an die Überschriften in den Zeitungen.
Auch den Instrumentenbau, eine lange Tradition der Chiquitanos, reanimierte der Pater. "Diese Kunst stand kurz vor dem Aussterben. Nur drei alte Männer beherrschten noch dieses Handwerk", so Pater Walter. Einer von ihnen war Nemesio Oreyai. Der Franziskaner schickte ihn mit jungen Burschen in den Regenwald. In der Pampa schlugen sie eine große Zeder, sägten den mächtigen Baum im Pfarrhof mit der Handsäge in Bretter und schufen daraus nach Jahrzehnten brachliegenden Instrumentenbaus die ersten neuen Violinen Urubichas.
Heute ruht Urubichas Stolz auch auf 15-20 eigenen Violinenbauern. Einer von ihnen ist Juan de la Cruz. In Sichtweite der Kirche lebt der 40jährige mit seiner Frau Alizia auf zweimal 12 Quadratmetern. Durch die offenen Türen fällt das Sonnenlicht auf die Werkbank. Acht Stunden am Tag sägt, feilt, hobelt und leimt Juan mit Akribie und Fingerspitzengefühl. Zwei Wochen benötigt er pro Geige, um dabei insgesamt fünf verschiedene Holzarten zu verarbeiten. 100 Geigen schafft Juan im Jahr. "Der Pater bekommt sie dann für gut 500 Bolivianos (das sind 50 Euro) pro Geige", sagt Juan. Andere verkaufen die Instrumente für mehr Geld, oftmals sogar ins Ausland. Für Juan reicht es immerhin zu einem glücklichen und einfachen Leben. Auch er könnte mehr verlangen. Doch Juan ziert sich die Preise zu erhöhen. "Pater Walther hat vor einem Vierteljahrhundert dieses Haus mit meiner Mutter gebaut", sagt Juan mit Dankbarkeit in der Stimme, während er den Korpus einer Violine mit dem Hobel bearbeitet. "Und wenn meine Geigen im Gottesdienst gespielt werden, fühle ich mich glücklich und gehoben."
Musik ist das Fundament jeder Messe in Urubicha. Orchester und Chor erfüllen die Franziskanerkirche mit einer gewaltigen Kraft. Teilweise nichtmals älter als zehn, zwölf Jahre sind die jungen Künstler vor dem Altar, die Gottes Werk und Paters Predigt eindrucksvoll vertonen. Allesamt besuchen sie die Musikschule des Ortes, die derzeit rund 200 Kindern und Jugendlichen Platz bietet. Schwester Ludmilla Wolf gibt hier den Takt an. Die 69jährige Tiroler Tertiarschwester lebt seit 1973 in Urubicha, ist gute Seele des Ortes, Direktorin der Musikschule und Kämpferin für eine gute Zukunft der Indios. Fünf Schulen hat Pater Walther inzwischen bauen lassen, Schwester Ludmilla den Unterricht geleitet und strukturiert. Unter ihrer Leitung wuchs die Zahl der Schulkinder von 200 auf heute 1.600. "Und wer möchte, kann bei uns sogar die Matura in Musik ablegen."
Einer von ihnen ist Simon Aguape. "Ein Riesentalent", schwärmt Madre Ludmilla. So talentiert, dass sich bereits die Chance auf ein Stipendium in Madrid abzeichnet. Simon hat das Talent bereits in den Genen. Bruder Juan Carlos dirigiert mit seinen 25 Jahren bereits das Orchester, Bruder Dionicio durfte auf dem Cello bereits Papst Johannes Paul in Rom vorspielen.
Die Hütte der Familie Aguape liegt am Rande des Dorfes. Erst in der Dämmerung kommen Simon und Juan Carlos von der Musikschule heim. Pferde grasen vor der mit Palmblättern gedeckten Hütte und leben einträchtig mit Schweinen, Gänsen und Schafen am Rande des Tropenwaldes. In der Hütte picken Hühner Getreidekörner vom unebenen Lehmboden. Die Gaslampe im Eingangsbereich lässt erahnen, wie oft Simon nach Einbruch der Dunkelheit noch mit dem Bogen über die Seiten streichelt. "Ich muss einfach noch viel üben für mein großes Ziel." Das liegt in Deutschland, genauer in Berlin. "Jaime Laredo war der einzige Bolivianer, der es bis zu den Berliner Symphonikern geschafft hat", sagt Simon. "Und ich will der zweite sein." Wenn ihn die RAG mit anderen jungen Musikern aus Urubicha Anfang Dezember im Rahmen einer großen Konzertreise zugunsten von Adveniat nach Deutschland holt, ist er seinem Ziel schon einen Schritt näher. "Das wird eine große Herausforderung, allein schon die Möglichkeit, vor deutschem Publikum vorspielen zu können."
Zwei Jahre lang hatte Simon in der Kindheit Violinen-Unterricht erhalten. "Pater Walter hat uns immer unterstützt." Auch mit Geigen von Juan de la Cruz, die er den Kindern zum halben Preis weiterverkauft. "Die Entwicklung des ganzen Dorfes hängt an dem Pater und der Madre. Ihnen verdanke ich, Musiker zu sein." Madre Ludmilla und Padre Walter, das sind die beiden Herzkammern eines Dorfes, dessen rhythmischer Pulsschlag für alle Entwicklung und Fortschritt birgt. Über eine Kooperative hat Pater Walter bis heute rund 600 Steinhäuser bauen lassen, Malerei, Weberei, Keramikarbeiten sowie eine Viehgenossenschaft stiften ein breites Spektrum für den Lebensunterhalt in Urubicha. "Vor 40 Jahren waren es mit dem Pferd sieben Stunden bis zum nächsten Ort", erinnert sich Pater Walter. Heute dauert es gerade einmal zwei Tage von Urubicha bis ins Ruhrgebiet. Anfang Dezember werden es die jungen Musiker selbst erleben, wenn sie auf Einladung der RAG und Adveniat auf Deutschland-Tournee gehen.
Infokasten:
Am 3. Dezember ist es soweit. Dann treffen 24 Musiker aus Urubicha, dem kleinen Dorf im bolivianischen Tiefland, im Ruhrgebiet ein. Die RAG Aktiengesellschaft macht´s möglich und hat die jungen Talente gemeinsam mit und zugleich auch für Adveniat, das Hilfswerk der deutschen Katholiken für Lateinamerika, zur großen Deutschland-Tournee eingeladen. Für den Industriekonzern bedeutet dieses musikalische Projekt die Abrundung seines breiten Kulturengagements. So tritt die RAG unter anderem seit Jahren als Hauptsponsor großer Kulturveranstaltungen wie der RuhrTriennale, den Ruhrfestspielen oder des Klavier-Festivals Ruhr auf. Die Partnerschaft der RAG mit Adveniat hat bereits Tradition. Das letzte große, gemeinsame Event war die Wanderausstellung "Spurensuche" im RAG-Gebäude zum 40jährigen Bestehen von Adveniat Anfang 2002. Über die Gemeinsame Sozialarbeit der Konfessionen (GSA) arbeitet der RAG-Konzern darüber hinaus mit den beiden großen Konfessionen seit mehr als einem halben Jahrhundert eng zusammen.
Der Tournee-Auftakt der bolivianischen "Wunderkinder" findet am 5. Dezember um 19.30 Uhr im Essener Dom statt.
Die weiteren Termine:
6. Dezember: Liebfrauenkirche, Duisburg (19:00 Uhr)
7. Dezember: Schulzentrum, Essen-Stoppenberg (19:30 Uhr)
8. Dezember: Propsteikirche St. Ludgerus, Essen-Werden (18.30 Uhr)
9. Dezember: Bochumer Jahrhunderthalle, vor Beginn des Weichnachts-Oratoriums
10. Dezember: St. Marien, Schwelm (11 Uhr)
11. Dezember: Propstei St. Johann, Bremen (20.00 Uhr)
12. Dezember: Dominikanerkirche, Münster (19:30 Uhr)
13. Dezember: St. Franziskus, Marl (19:00 Uhr)
14. Dezember: Franziskanerkirche, Würzburg (20:00 Uhr)
15. Dezember: St. Elisabethkirche, Nürnberg (17:45 Uhr)
Der Eintritt zu allen Konzerten ist frei. Allerdings hoffen RAG und Adveniat auf ein gutes Spendenaufkommen. Ein Großteil der Gelder soll direkt den jungen Musikern aus Urubicha zugute kommen. So laufen bereits in Bolivien die Bauarbeiten, um die dortige Musikschule, der derzeit gut 200 Kindern und Jugendlichen Platz bietet, deutlich zu erweitern. Im aktuellen Trakt der Musikschule ist nicht genügend Platz für alle musikbegeisterten Kinder des Ortes. Deshalb muss der Nachwuchs oft in den eigenen Hütten spielen, wo zudem die Instrumente aufgrund des feuchten Klimas leiden. Die gespendeten Gelder im Rahmen ihrer Deutschland Reise sollen das Fundament für die Erweiterung bilden.
Bilder zur Pressemitteilung können Sie hier downloaden:
Bild 1:
www.directnewsroom.de/servlets/LoadBinaryServlet/1691663/...
Bildunterschrift:
Schon die Kleinsten wissen ganz genau: Üben macht den Meister. (Foto: Bootmann)
Bild 2:
www.directnewsroom.de/servlets/LoadBinaryServlet/1691676/...
Bildunterschrift:
Juan Carlos Aquape dirigiert mit 25 Jahren das junge Orchester von Urubicha. (Foto: Bootmann)
Bild 3:
www.directnewsroom.de/servlets/LoadBinaryServlet/1691721/...
Bildunterschrift:
"Der Stern von Urubicha" strahlt heller denn je, wenn Urubichas junge Talente ihr Können zum Besten geben. (Foto: Bootmann)
Feature:
www.directnewsroom.de/servlets/LoadBinaryServlet/1691734/...
Feature-Service Nr. 6
Abdruck honorarfrei mit Quelleangabe
Text und Fotos zum Download verfügbar unter: featureservice.rag.de
Ansprechpartner:
Sabrina Herich
Tel.: 0201/177-2225
E.mail:
Die RAG Aktiengesellschaft, Essen, ist ein international tätiger Energie- und Chemiekonzern mit einem Umsatzvolumen in 2005 von rund 22 Mrd. EUR. Der Konzern beschäftigt weltweit rund 98.000 Mitarbeiter. Im zweiten Quartal 2007 plant das Unternehmen mit seinen Geschäftsfeldern Energie, Chemie und Immobilien den Gang an die Börse.
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Für den Inhalt dieser Pressemitteilung ist allein das berichtende Unternehmen oder die berichtende Institution verantwortlich.
Für Pater Walther ist der Tag schon einige Stunden alt. Seit einem Schlaganfall vor einigen Monaten treibt ihn die Unruhe schon früh aus dem Bett. "Irgendwie liegt´s mir im Blut", sagt der 71jährige. Als jüngstes von zehn Kindern im Böhmerwald bei Budweis aufgewachsen, "habe ich damals schon in aller Frühe für meine Mutter das Feuer geschürt." Nach dem Krieg folgte die Entwurzelung mit der Emigration nach Bayern, 1967 dann der Schritt nach Bolivien. Der Franziskanerpater sollte auf Wunsch des Bamberger Bischofs eine Urlaubsvertretung übernehmen. Für sechs Monate. Aus der Vertretung wurde eine Berufung auf Lebenszeit. Im nächsten Jahr sind es 40 Jahre.
Zeit ist in Süd-Amazonien ohnehin eine relative Größe. 1691 kamen die ersten Jesuiten in den Bauch des südamerikanischen Kontinents. Im Gepäck hatten sie Geigen, Flöten, Celli und Trompeten. Mit Hilfe der Musik wollten sie "die Wilden" zum Glauben bekehren. Auch die Chiquitanos, wie das Naturvolk rund um Urubicha genannt wird. Was aber dann geschah und was die Indios mit den europäischen Instrumenten anstellten, übertraf die kühnsten Erwartungen. Sensibel und hochtalentiert entwickelten sie sich in kurzer Zeit zu Barockmusikern, die virtuos in den prächtigen Jesuitenkirchen aufspielten. Doch die Zeit der Annäherung endete jäh: Zu groß war der Argwohn der weißen Kolonialisten, die billige Arbeitskräfte für den Rohstoffabbau benötigten. So verfügte der Madrider Hof 1767 die Verbannung des Ordens aus den Provinzen. Die Indios flüchten aus Angst vor Sklaverei wieder in die Wälder.
Fast 90 Jahre schien die Zeit am Rio Blanco still zu stehen, ehe Franziskanermönche einen neuen Vorstoß wagten und 1856 den Ort Urubicha gründeten: Die Musik kehrte zurück. Weitere 140 Jahre später schließlich war es Pater Walter, der 1996 Symphonieorchester und Chor in Urubicha wiederbelebte. Im gleichen Jahr noch traten die jungen Musiker beim Festival in der Provinzhauptstadt Santa Cruz auf. Mit Erfolg. "Der Stern von Urubicha ist aufgegangen", erinnert sich Pater Walter noch heute an die Überschriften in den Zeitungen.
Auch den Instrumentenbau, eine lange Tradition der Chiquitanos, reanimierte der Pater. "Diese Kunst stand kurz vor dem Aussterben. Nur drei alte Männer beherrschten noch dieses Handwerk", so Pater Walter. Einer von ihnen war Nemesio Oreyai. Der Franziskaner schickte ihn mit jungen Burschen in den Regenwald. In der Pampa schlugen sie eine große Zeder, sägten den mächtigen Baum im Pfarrhof mit der Handsäge in Bretter und schufen daraus nach Jahrzehnten brachliegenden Instrumentenbaus die ersten neuen Violinen Urubichas.
Heute ruht Urubichas Stolz auch auf 15-20 eigenen Violinenbauern. Einer von ihnen ist Juan de la Cruz. In Sichtweite der Kirche lebt der 40jährige mit seiner Frau Alizia auf zweimal 12 Quadratmetern. Durch die offenen Türen fällt das Sonnenlicht auf die Werkbank. Acht Stunden am Tag sägt, feilt, hobelt und leimt Juan mit Akribie und Fingerspitzengefühl. Zwei Wochen benötigt er pro Geige, um dabei insgesamt fünf verschiedene Holzarten zu verarbeiten. 100 Geigen schafft Juan im Jahr. "Der Pater bekommt sie dann für gut 500 Bolivianos (das sind 50 Euro) pro Geige", sagt Juan. Andere verkaufen die Instrumente für mehr Geld, oftmals sogar ins Ausland. Für Juan reicht es immerhin zu einem glücklichen und einfachen Leben. Auch er könnte mehr verlangen. Doch Juan ziert sich die Preise zu erhöhen. "Pater Walther hat vor einem Vierteljahrhundert dieses Haus mit meiner Mutter gebaut", sagt Juan mit Dankbarkeit in der Stimme, während er den Korpus einer Violine mit dem Hobel bearbeitet. "Und wenn meine Geigen im Gottesdienst gespielt werden, fühle ich mich glücklich und gehoben."
Musik ist das Fundament jeder Messe in Urubicha. Orchester und Chor erfüllen die Franziskanerkirche mit einer gewaltigen Kraft. Teilweise nichtmals älter als zehn, zwölf Jahre sind die jungen Künstler vor dem Altar, die Gottes Werk und Paters Predigt eindrucksvoll vertonen. Allesamt besuchen sie die Musikschule des Ortes, die derzeit rund 200 Kindern und Jugendlichen Platz bietet. Schwester Ludmilla Wolf gibt hier den Takt an. Die 69jährige Tiroler Tertiarschwester lebt seit 1973 in Urubicha, ist gute Seele des Ortes, Direktorin der Musikschule und Kämpferin für eine gute Zukunft der Indios. Fünf Schulen hat Pater Walther inzwischen bauen lassen, Schwester Ludmilla den Unterricht geleitet und strukturiert. Unter ihrer Leitung wuchs die Zahl der Schulkinder von 200 auf heute 1.600. "Und wer möchte, kann bei uns sogar die Matura in Musik ablegen."
Einer von ihnen ist Simon Aguape. "Ein Riesentalent", schwärmt Madre Ludmilla. So talentiert, dass sich bereits die Chance auf ein Stipendium in Madrid abzeichnet. Simon hat das Talent bereits in den Genen. Bruder Juan Carlos dirigiert mit seinen 25 Jahren bereits das Orchester, Bruder Dionicio durfte auf dem Cello bereits Papst Johannes Paul in Rom vorspielen.
Die Hütte der Familie Aguape liegt am Rande des Dorfes. Erst in der Dämmerung kommen Simon und Juan Carlos von der Musikschule heim. Pferde grasen vor der mit Palmblättern gedeckten Hütte und leben einträchtig mit Schweinen, Gänsen und Schafen am Rande des Tropenwaldes. In der Hütte picken Hühner Getreidekörner vom unebenen Lehmboden. Die Gaslampe im Eingangsbereich lässt erahnen, wie oft Simon nach Einbruch der Dunkelheit noch mit dem Bogen über die Seiten streichelt. "Ich muss einfach noch viel üben für mein großes Ziel." Das liegt in Deutschland, genauer in Berlin. "Jaime Laredo war der einzige Bolivianer, der es bis zu den Berliner Symphonikern geschafft hat", sagt Simon. "Und ich will der zweite sein." Wenn ihn die RAG mit anderen jungen Musikern aus Urubicha Anfang Dezember im Rahmen einer großen Konzertreise zugunsten von Adveniat nach Deutschland holt, ist er seinem Ziel schon einen Schritt näher. "Das wird eine große Herausforderung, allein schon die Möglichkeit, vor deutschem Publikum vorspielen zu können."
Zwei Jahre lang hatte Simon in der Kindheit Violinen-Unterricht erhalten. "Pater Walter hat uns immer unterstützt." Auch mit Geigen von Juan de la Cruz, die er den Kindern zum halben Preis weiterverkauft. "Die Entwicklung des ganzen Dorfes hängt an dem Pater und der Madre. Ihnen verdanke ich, Musiker zu sein." Madre Ludmilla und Padre Walter, das sind die beiden Herzkammern eines Dorfes, dessen rhythmischer Pulsschlag für alle Entwicklung und Fortschritt birgt. Über eine Kooperative hat Pater Walter bis heute rund 600 Steinhäuser bauen lassen, Malerei, Weberei, Keramikarbeiten sowie eine Viehgenossenschaft stiften ein breites Spektrum für den Lebensunterhalt in Urubicha. "Vor 40 Jahren waren es mit dem Pferd sieben Stunden bis zum nächsten Ort", erinnert sich Pater Walter. Heute dauert es gerade einmal zwei Tage von Urubicha bis ins Ruhrgebiet. Anfang Dezember werden es die jungen Musiker selbst erleben, wenn sie auf Einladung der RAG und Adveniat auf Deutschland-Tournee gehen.
Infokasten:
Am 3. Dezember ist es soweit. Dann treffen 24 Musiker aus Urubicha, dem kleinen Dorf im bolivianischen Tiefland, im Ruhrgebiet ein. Die RAG Aktiengesellschaft macht´s möglich und hat die jungen Talente gemeinsam mit und zugleich auch für Adveniat, das Hilfswerk der deutschen Katholiken für Lateinamerika, zur großen Deutschland-Tournee eingeladen. Für den Industriekonzern bedeutet dieses musikalische Projekt die Abrundung seines breiten Kulturengagements. So tritt die RAG unter anderem seit Jahren als Hauptsponsor großer Kulturveranstaltungen wie der RuhrTriennale, den Ruhrfestspielen oder des Klavier-Festivals Ruhr auf. Die Partnerschaft der RAG mit Adveniat hat bereits Tradition. Das letzte große, gemeinsame Event war die Wanderausstellung "Spurensuche" im RAG-Gebäude zum 40jährigen Bestehen von Adveniat Anfang 2002. Über die Gemeinsame Sozialarbeit der Konfessionen (GSA) arbeitet der RAG-Konzern darüber hinaus mit den beiden großen Konfessionen seit mehr als einem halben Jahrhundert eng zusammen.
Der Tournee-Auftakt der bolivianischen "Wunderkinder" findet am 5. Dezember um 19.30 Uhr im Essener Dom statt.
Die weiteren Termine:
6. Dezember: Liebfrauenkirche, Duisburg (19:00 Uhr)
7. Dezember: Schulzentrum, Essen-Stoppenberg (19:30 Uhr)
8. Dezember: Propsteikirche St. Ludgerus, Essen-Werden (18.30 Uhr)
9. Dezember: Bochumer Jahrhunderthalle, vor Beginn des Weichnachts-Oratoriums
10. Dezember: St. Marien, Schwelm (11 Uhr)
11. Dezember: Propstei St. Johann, Bremen (20.00 Uhr)
12. Dezember: Dominikanerkirche, Münster (19:30 Uhr)
13. Dezember: St. Franziskus, Marl (19:00 Uhr)
14. Dezember: Franziskanerkirche, Würzburg (20:00 Uhr)
15. Dezember: St. Elisabethkirche, Nürnberg (17:45 Uhr)
Der Eintritt zu allen Konzerten ist frei. Allerdings hoffen RAG und Adveniat auf ein gutes Spendenaufkommen. Ein Großteil der Gelder soll direkt den jungen Musikern aus Urubicha zugute kommen. So laufen bereits in Bolivien die Bauarbeiten, um die dortige Musikschule, der derzeit gut 200 Kindern und Jugendlichen Platz bietet, deutlich zu erweitern. Im aktuellen Trakt der Musikschule ist nicht genügend Platz für alle musikbegeisterten Kinder des Ortes. Deshalb muss der Nachwuchs oft in den eigenen Hütten spielen, wo zudem die Instrumente aufgrund des feuchten Klimas leiden. Die gespendeten Gelder im Rahmen ihrer Deutschland Reise sollen das Fundament für die Erweiterung bilden.
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Bild 1:
www.directnewsroom.de/servlets/LoadBinaryServlet/1691663/...
Bildunterschrift:
Schon die Kleinsten wissen ganz genau: Üben macht den Meister. (Foto: Bootmann)
Bild 2:
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Bildunterschrift:
Juan Carlos Aquape dirigiert mit 25 Jahren das junge Orchester von Urubicha. (Foto: Bootmann)
Bild 3:
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"Der Stern von Urubicha" strahlt heller denn je, wenn Urubichas junge Talente ihr Können zum Besten geben. (Foto: Bootmann)
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Die RAG Aktiengesellschaft, Essen, ist ein international tätiger Energie- und Chemiekonzern mit einem Umsatzvolumen in 2005 von rund 22 Mrd. EUR. Der Konzern beschäftigt weltweit rund 98.000 Mitarbeiter. Im zweiten Quartal 2007 plant das Unternehmen mit seinen Geschäftsfeldern Energie, Chemie und Immobilien den Gang an die Börse.
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