21.09.2006 - 10:49 - Freizeit, Buntes, Vermischtes

Die sichere Stelle gekündigt, um 6 Wochen lang Kindern mit Behinderung in einem peruanischen Heim zu helfen

Pressemitteilung von: Textmenüs
Was eine deutsche Physiotherapeutin dadurch erlebt hat

Ein heißer Mittag in den Bergen von Peru. Es riecht ungewohnt für eine europäische Nase…, vermutlich nach Wolle. Gleichzeitig steigt Essensgeruch auf. Es gibt Reis. Wie üblich. Der 8-jährige Ander starrt regungslos ins Leere. Das macht er schon seit Stunden. Er wird es wahrscheinlich auch den Rest des Tages machen, so, wie fast jeden Tag. Ander ist Autist. Er ist eines von rund 45 Kindern mit Behinderung im Kinderheim von Cajamarca. Nur 3 Erwachsene pro Schicht kümmern sich um diese Kinder, die bisher nicht gerade vom Leben verwöhnt wurden. Ihre Schicksale und Geschichten sind beklemmend.

Manche wurden im Müll entdeckt. Einem Mädchen hatten Ratten den Arm angefressen. Sie heißt Cassandra, ist heute 7 Jahre alt und ein unglaublicher Sonnenschein. Ein Junge mit Down-Syndrom wurde zwischen etlichen Leichen gefunden, nachdem alle in seinem Dorf ermordet wurden. Alle, außer ihm. Der Guerillakrieg in Peru hat ein Waisenkind mehr auf der Liste. Ein Mädchen, ebenfalls mit Down-Syndrom, wurde völlig unterernährt aufgelesen. Sie ist auch heute noch ein kleines Würmchen. Andere Kinder wurden von ihren Eltern ins Krankenhaus gebracht und einfach nicht mehr abgeholt.

Sie alle sind bei Christa untergekommen. Christa ist Deutsche. Sie kam vor rund 30 Jahren nach Peru und gründete nach wenigen Jahren eine Sonderschule und ein Kinderheim für behinderte Kinder. Sie ist seitdem die letzte Hoffnung für viele Kinder der 150.000 Einwohner zählenden Stadt im Norden der peruanischen Anden, in 2.750 Metern Höhe. Und auch für manches Kind der Umgebung. Christa wollte damals als Lehrerin der Sonderschule in Bielefeld-Bethel raus in die Welt, um dort zu helfen, wo es dringend notwendig ist. Eigentlich für begrenzte Zeit. Doch sie ist in Peru geblieben, hat hier geheiratet und viel aufgebaut – außer dem Kinderheim auch eine Schule und Werkstätten als Ausbildungsplatz für Schulabgänger. Christa kann anpacken…, und genau das macht sie jeden Tag. Ihr Bundesverdienstkreuz hat sie leider nicht mehr. Es wurde ihr bei einem bewaffneten Raubüberfall in ihrem Zuhause gestohlen. Sie hat auch das weggesteckt und weiter gemacht.

Heute kommt für 6 Wochen Verstärkung aus Deutschland. Kirsten hat von diesem Projekt erfahren und nach reiflicher Überlegung – sie ist frisch verheiratet – ihren Job als Physiotherapeutin in Deutschland gekündigt. Sie will helfen und das Projekt unterstützen. Kirsten weiß kaum, was sie hier in Cajamarca erwartet. Sie freut sich auf Ihre Aufgabe und ist auf völlig andere Lebensumstände gefasst, verglichen mit deutschen Verhältnissen. Kirstens erster Eindruck: „Recht dreckig, alles kaputt, einfachste Zustände.“ Mal sehen, ob sich dieser erste Eindruck ändert.

Nach einigen Tagen und der ersten Orientierung, gewinnt Kirsten einen Überblick. „Die Schule bietet den Kindern die große Chance, lesen und schreiben zu lernen, eine Ausbildung zu bekommen und eigenes Geld zu verdienen. Die medizinische Versorgung bleibt am unteren Mindestmaß. Für Physiotherapie gibt es keine Möglichkeiten. Dadurch bleiben die Kinder unter ihren motorischen Entwicklungs-Fähigkeiten. Oft wird die alltägliche Pflege aufgrund der unbehandelten Kontrakturen zu einem riesigen Problem. Die Hilfsmittelversorgung ist schlecht. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Jeden Tag kommen Lehrer zu mir und bitten mich, ein oder zwei Kinder aus ihrer Klasse zu behandeln. Hier muss langfristig etwas getan werden. Therapien sind dringend nötig.“

Es gibt viel zu tun. Spielsachen sind kaum vorhanden. Kirsten sagt: „Die Kinder, die laufen können, haben es noch gut. Aber die, die im Rollstuhl sitzen, können sich nicht fortbewegen und sitzen dann eben da und warten und warten – aber auf was?“

Kirsten wohnt mit in Christas Haus. Sie hat ein eigenes Zimmer mit Dusche und Toilette. Die Räume sind offen, das Wohnzimmer gleicht einer Terrasse. Ein Wellblechdach hält den Regen ab, ansonsten ist alles offen. Die zur Wohnung hin offene Garage liegt zwischen der Küche und dem Wohnzimmer. Ein kleiner Innenhof wird zum Wäschewaschen (alles mit der Hand) und zur Essenszubereitung genutzt. Auch für die Blumen ist hier Platz.
„Obwohl Christa Deutsche ist, ist ihr Haus sehr peruanisch“, sagt Kirsten. „Es wird peruanisch gekocht. Verschiedene Maisgerichte und Suppe mit Gemüse, das ich noch nie gesehen habe. Meerschweinchen habe ich auch schon probiert. Es ist das Beste, was man jemandem hier schenken kann. Christa kam vorgestern mit einem nach hause. Das Fleisch ist schon schmackhaft, aber der Anblick dieses kleinen (Haus)Tierchens samt Kopf und Krallen ist schon abschreckend. Na ja... .“

Im Kinderheim wird jede helfende Hand dringend gebraucht. Der kleine Alex beißt sich den ganzen Tag in die Hände und schreit richtig heftig herum. „Er hat autistische Züge, wie Ander“, vermutet Kirsten. „Ich war mit ihm im Bälle-Bad. Ich habe die Bällchen in seinem T-Shirt versteckt und wir haben in die Hände geklatscht. Dafür habe ich ein Lachen von ihm bekommen. Später, als er wieder schrie, habe ich meine Hände hochgehalten. Er hat seine Hände in meine gelegt. Er verstummte und konnte sich nicht mehr in die Hände beißen. Das war schön!“

Schön ist auch das positive Beispiel der kleinen Rude. Sie kommt aus Brasilien. Genauer gesagt, aus dem brasilianischen Dschungel. Ihre Eltern, die nach wie vor im Urwald leben, geben ihr die Möglichkeit, hier in Peru zur Schule zu gehen. Rude nimmt dafür einmal im Jahr die 5 Tage-Reise über die Anden auf sich. Davon 2 Tage auf einem Esel auf schmalen Pfaden durch den Dschungel. Vorher in voll gestopften Bussen. Kirsten: „Die Busse sind kleine Transporter mit ca. 10 Plätzen. Ich habe einmal 24 Personen darin gezählt. Und das auf kurvigen Bergstraßen.“ Was für ein Einsatz. Wie würde die kleine Rude wohl lachen, wenn sie uns verwöhnten Europäer jammern hörte. Kein Parkplatz direkt vor der Tür unseres Zielortes? Wenige hundert Meter zu Fuß gehen? Wie anstrengend!

Welchen Kindern schenkt man Zeit, welche müssen alleine klar kommen? Kirsten lernt immer mehr Kinder kennen, die dringend eine Therapie benötigen. In der Schule, die im Gegensatz zum Kinderheim im Zentrum liegt, gibt es eine neue Lehrerin. Sie hat bisher nicht mit mehrfach Schwerst-Behinderten gearbeitet. „Ich möchte ihr gerne zeigen, was besonders wichtig im Umgang mit den Kindern ist“, berichtet Kirsten. „Einige Kinder können sich nicht bewegen. Sie liegen zuhause den ganzen Tag nur rum und in der Schule sitzen sie im Rolli. Bewegt werden sie kaum bis gar nicht – die Kontrakturen sind entsprechend stark.“

Für eine Förderung ist nicht viel Zeit. Waschen und Essen – zwei wesentliche Hilfsleistungen, die das Kinderheim-Projekt anbieten kann. Die Kinder müssen sich auch untereinander helfen, was sie mit großer Fürsorge laut Kirsten tun: „Die großen Mädchen sind so um die 13-15 Jahre alt, schätze ich. Sie sind blind oder gehörlos. Die Gehörlosen helfen mit, die anderen zu füttern und setzen sich erst danach selbst zum essen hin. Sie umsorgen diejenigen, die Hilfe brauchen, sehr liebevoll.“

Diese gegenseitige Unterstützung trägt Christas Handschrift. Für Kirsten ist Christa eine unglaubliche Frau. „Sie hat unendlich viel Kraft, Geduld und Liebe für die Menschen hier.“ Dass Christa bisweilen mit allen Bandagen für die Kinder ihres Projekts kämpfen muss, erfuhr Kirsten gleich an ihrem Anreisetag. Kirsten: „Ein Mitarbeiter der Schulbehörde war persönlich erschienen und kündigte aus Kostengründen die Streichung von Lehrerstellen an. Christa machte ihm klar, dass ich extra aus Deutschland gekommen sei, um den Kindern physiotherapeutisch zu helfen. Wenn Stellen gestrichen würden, dann würde auch ich nicht hier arbeiten. Ich weiß nicht, was den Mann mehr beeindruckt hat – Christas energisches Auftreten oder die Tatsache, dass da jemand aus Deutschland anreist, um zu unterstützen. Auf jeden Fall ist er ohne weitere Diskussion abgezogen. Stellen wurden zunächst nicht gestrichen.“

Kirsten hat täglich etwas zu erzählen. „Heute haben wir Christa verabschiedet. Sie ist für 2 Monate nach Deutschland gereist. Du kannst dir nicht vorstellen, was sich hier abgespielt hat! Ich glaube es waren 30 Cajamarciener am Busbahnhof, um sich von Christa zu verabschieden. Alle mit Tränen in den Augen... . Als sie sich zum letzten Mal umdrehte und gewunken hat, habe ich in die Menge geschaut. Ich glaube, alle Leute dort waren wegen ihr da.“ Tage vorher war noch mehr los. „Ich schätze, es haben in den letzten drei Tagen 300 Leute an unsere Tür geklopft, um noch Geld für dringend gebrauchte Medizin zu bekommen (auch darum kümmert sich Christa in Härtefällen). Oder für die Miete. Oder um Christa einen Sack voll Mais oder Reis mit auf die Reise zu geben – sie hatten keine Vorstellung davon, dass Christa das ja unmöglich mit nach Deutschland nehmen konnte. Andere wollten ihr einfach eine gute Reise wünschen. Das Telefon hat mindestens genauso oft geklingelt. Freitag früh bin ich runter zum duschen. Da war doch ein wunderschönes Huhn am Fahrrad angeleint. Es gackerte und kackte vor sich hin. Auch ein liebevolles Geschenk einer Familie, der Christa die Behandlung im Krankenhaus ermöglicht hatte.“

Auch Kirsten selbst erfährt die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen in Cajamarca hautnah. Nachdem sie an einem Sonntag noch für ein paar Stunden im Kinderheim war, folgte sie abends der Einladung einer Kollegin. Die Tochter einer Freundin gab eine Party. Es war ganz oben am Berg, noch weiter als die geteerte Straße führte. Vom Taxi aus ging es zu Fuß noch 5 Minuten über ein steiles Feld. Entlang an Wellblechhütten, wo Feuer loderte, um Wärme zu spenden. Vorbei an einem schlafenden (dennoch grunzenden) Schwein. Ungefähr 15 Leute erwarteten die beiden in dem kleinen Haus. Von Jugendlichen bis zur Oma waren alle da. Kirsten: „Es fing mit einer Vorstellungsrunde an und ich dachte, ’wo bin ich denn hier gelandet’?“ Es war eine Florescita de Majo. Was das genau ist, weiß Kirsten gar nicht. Aber es ging darum, dankbar zu sein. Anlass war der Tag der Arbeit. „Alles ziemlich religiös, sehr gemeinschaftlich und schön“, fand Kirsten. Draußen wurde ein Feuer gemacht und nach einem Gebet wurde eine typische Suppe gereicht. Dazu ein Brötchen und ein viertel (Plastik)Glas Wein. Kirsten: „Der war total süß und sehr lecker. Danach haben sie für mich Karnevalslieder gesungen, begleitet von einer Gitarre. Der typische Tanz dazu wurde mir auch gezeigt. Später gab es dann Salsa bis zum umfallen. Wir haben bis 5 Uhr morgens getanzt – die Oma auch. Sie wollte einfach nicht ins Bett gehen.

Hier wird man zum tanzen aufgefordert, aber man tanzt sich gegenüber – kein Paartanz. Die Mädchen und Frauen tanzen auch zusammen. Nach dem Lied bedankt man sich bei dem anderen und setz sich wieder hin – bis zum nächsten Tanz. Ich war mit meinen 1,86 Meter natürlich größer als alle anderen und bin fast an die Holzplanken gestoßen. Lorena, die Gastgeberin, zeigte einem an, er müsse sich wohl auf die Fußspitzen stellen, wenn er mit mir tanzt. Ich musste natürlich reagieren und meinte, ich könnte ja auf die Knie fallen, was ich dann auch tat – zur Belustigung der anderen. Die brüllten los vor lachen, streckten ihre Daumen hoch und fingen an, im Chor ’A-le-ma-nia’ zu rufen.“

Kirstens Tatendrang wird unterbrochen – eine Magen-/Darmgrippe setzt sie für einige Tage außer Gefecht. Sie lernt kennen, dass hier nicht alles so selbstverständlich abläuft, wie sie es aus Deutschland gewohnt ist. Kirsten: „Ausgerechnet als ich krank war, gab es 3 Tage lang keinen Tropfen Wasser aus der Leitung. Zum Glück bestand meine Diät aus Cola, Tee und Soda-Crackern. Als dann endlich wieder ein bisschen Wasser aus dem Wasserhahn tropfte, habe ich in meiner Not eiskalt geduscht. Für Warmwasser war der Strahl nicht stark genug. Wahrscheinlich wurden Reparaturen an den Leitungen durchgeführt. Aber warum sollte man den Leuten das ankündigen?“

6 Wochen sind schnell vorbei. Viel zu schnell. Es gibt noch so viel zu tun. Aber Kirsten hat ein Rückflug-Ticket in der Tasche. Die Verabschiedung ist auch nach nur 6 Wochen keine leichte Sache. Zuerst sagt Kirsten den Lehrern und Kindern in der Schule auf Wiedersehen, dann auch den Kindern im Kinderheim. Kirsten: „Die sind mir besonders ans Herz gewachsen. Es sind einige Tränen geflossen. Sie haben für mich eine große Tafel bemalt mit der Aufschrift: Ciao und vielen Dank für deine Liebe und Hilfe. Alle haben unterschrieben. Es gab eine Aufführung mit Purzelbäumen und Gedichten…, Liedern – von Herzen vorgetragen. Es war so schön.“

Und was ist mit Kirstens erstem Eindruck vom Anreisetag? „Am Ende meines Peru-Aufenthalts fand ich das Haus sehr komfortabel – und sauberer als die Unterkünfte, die ich sonst noch in Peru behaust habe.“ Maßstäbe ändern sich.

Menschen mit Behinderung leben in Peru oft unter katastrophalen Umständen. Kinderreiche Familien haben es eh schon schwer, alle satt zu bekommen. Da stellt ein Kind mit Behinderung so manche Familie vor schier unlösbare Aufgaben.

Auch deshalb ist für Kirsten klar, dass sie das Projekt in Deutschland weiter unterstützen wird. Bekannt machen, Freunde motivieren, ein wenig zu spenden und Auskünfte geben, wenn andere Deutsche es ihr nachmachen wollen. Dazu ermutigt sie eindringlich. „Ich habe so viel Dankbarkeit und Herzlichkeit erfahren. Die Menschen in Peru haben mich nachhaltig beeindruckt. Wie dort in ärmlichsten Verhältnissen das Leben gemeistert wird und welche Lebensfreude manche Kinder mit Behinderung ausstrahlen. Einfach bemerkenswert.“

Mehr über das Projekt erfahren Sie unter www.projekt-cajamarca.de.

Kirsten Adam gibt gern Auskunft auf Ihre Fragen, falls diese Internetseite welche offen lässt. Sie erreichen sie unter Telefon: 0172-9736598.

Weitere Informationen:
Textmenüs Guido Steimel
Ziethenstraße 55
53773 Hennef
Tel.: 02242-9173-143
Fax: 02242-9173-145


Projekt Cajamarca, Peru
www.projekt-cajamarca.de

Kirsten Adam
Telefon: 0172-9736598

Pressekontakt:
Textmenüs Guido Steimel
Ziethenstraße 55
53773 Hennef
Tel.: 02242-9173-143
Fax: 02242-9173-145


Diese Pressemitteilung wurde auf openPR veröffentlicht.

Wir bitten um eine kurze Mitteilung bei Veröffentlichung. Vielen Dank!

Guido Steimel ist freier Texter und arbeitet für kleine, mittelständische und große Unternehmen. In ehrenamtlicher Mitarbeit betreut er das bundesweite Bildungsprojekt LERNABO.DE. Den vorliegenen journalistischen Beitrag hat er erstellt, weil er durch Kirsten Adam, die 6 Wochen in dem beschriebenen peruanischen Kinderheim geholfen hat, tiefe Eindrücke der schwierigen Situation vor Ort erhalten hat. Eine Bekanntmachung dieses Hilfsprojektes für Kinder mit Behinderung in Peru, liegt allen Beteiligten sehr am Herzen.

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