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Streit um Gesundheitskarte – Branchenexperten befürchten neues Maut-Debakel

28.09.200509:59 UhrGesundheit & Medizin

(openPR) Hamburg/Düsseldorf/Bonn - Auf der Medica in Düsseldorf wird vom 16.-19. November 2005 die geplante elektronische Gesundheitskarte ein großes Thema sein. Die Gesundheitskarte soll Begleiter von ungefähr 80 Millionen Bundesbürgern werden. Allerdings ist der angesetzte Zeitplan zur Karteneinführung zum 1. Januar 2006 nicht mehr realistisch. Auf der Podiumsdiskussion der Medica–Preview-Veranstaltungsreihe des High Tech Presseclubs (hpc) http://www.hpc.de in Hamburg monierte der Verband Bitkom, dass die pünktliche Einführung der Karte zu scheitern drohe, „wenn auf das Know-how der Industrie verzichtet wird.“ Die Karteneinführung setzt eine umfassende Vernetzung von 270.000 Arztpraxen, 77.000 Zahnärzten, 2000 Kliniken, 22.000 Apotheken und 300 Krankenhäusern voraus.

Nach Auffassung von Helmut Reisinger, Geschäftsführer des Stuttgarter IT- Dienstleistungsunternehmen Nextiraone http://www.nextiraone.de, werde der Planungs- und Beratungsbedarf bei diesem Großprojekt unterschätzt. „Man hat leider schon sehr viel Zeit verloren“, kritisiert Reisinger gegenüber dem Online-Magazin NeueNachricht http://www.ne-na.de. Die Äußerung von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, dass sich die flächendeckende Einführung der elektronischen Gesundheitskarte noch bis zu drei Jahre verzögern könnte, sei kein gutes Zeichen. „Das riecht kräftig nach einem neuen Maut-Debakel“, so Reisinger. Die technischen, finanziellen und rechtlichen Probleme seien immer noch nicht befriedigend geklärt. „Um die Gesundheitskarte sinnvoll nutzen zu können, müssen rund 200.000 Ärzte, 60.000 Zahnärzte und 10.000 Altersheime in ganz Deutschland über einen hohen IT-Standard verfügen“, so Reisinger. Auch Michael Sander, Gesundheitsexperte von Terra Consulting Partners http://www.terraconsult.de in Lindau, äußert sich pessimistisch. Er befürchtet tiefgreifende technische Integrationsprobleme, die schwieriger zu bewältigen seien als bei der LKW-Maut.

„Im Gegensatz zu Toll Collect gibt es im Gesundheitswesen bereits eine IT-Architektur mit der einer derart hohen Komplexität, dass ein Projektstart auf der grünen Wiese, wie es bei der LKW-Maut der Fall war, überhaupt nicht möglich ist“, so Sander. Der Einigungsprozess unter den niedergelassenen Ärzten, den Apotheken, Krankenhäusern und Krankenkassen werde nur sehr langsam erfolgen. „Unabhängig von den technischen Herausforderungen gibt es ein Problem der Lastenverteilung. Wenn es stimmt, dass etwa 90 Prozent der Einspareffekte über die Krankenkassen für die Allgemeinheit realisiert werden, aber gleichzeitig auf Ärzte, Apotheker und Krankenhäuser hohe Investitionen zukommen, dann kann man eine Akzeptanz unter den Beteiligten nur über ein faires Geschäftsmodell schaffen“, so Sander.

Eine Verzögerung bei der Einführung der Gesundheitskarte hält Professor Jürgen Ruhlmann, Nuklearmediziner vom Medizin Center Bonn http://www.mcbonn.de, für ärgerlich.. „Von der Gesellschaft für Telematikanwendungen (gematik) und von der Gesundheitspolitik erwarte ich jetzt ein besseres Management, um die Gesundheitskarte zum Wohl des Patienten endlich einsetzen zu können. Auf der Chip-Karte kann die Medikation gespeichert und direkt eine Verträglichkeit oder Allergie festgestellt werden: Wichtige Befunde könnten ebenfalls gespeichert und direkt abrufbar sein. Ich könnte mir auch vorstellen, dass mittels Chip-Gesundheitskarte ein sicherer Internetzugang zu einem individuellen Speicher des Patienten ermöglicht wird, in dem alle Befunde, also auch die Laborbefunde und die Bilder der bisherigen Diagnostik, sei es CT, MRT,PET-CT und Sonographie abgelegt und direkt von dem behandelnden Arzt abrufbar sind.“ Der gegenwärtige Streit zwischen der gematik und dem Bundesgesundheitsministerium über die Festlegungen von technischen Standards für die Testvorhaben müsse schnell beendet werden. „Bislang sind wichtige Details noch überhaupt nicht endgültig verabschiedet. So ist beispielsweise nicht eindeutig definiert, was die Karte alles leisten muss. Für die Mediziner ist das bislang unbefriedigend. Sollte es auf eine abgespeckte Kompromiss-Lösung zulaufen, verspielt man die Chancen für eine Verbesserung der medizinischen Vorsorge und Behandlung“, so Ruhlmann.

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